Disneyshopping & Lobbyisten

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. November

Noch ist es nicht viel mehr als das Rauschen im Kabelwald, aber Disney, so wird kolportiert und so reagierten natürlich schnell auch die Börsenkurse, will ein paar der harmloseren Bestandteile von Rupert Murdochs reaktionärem Kriegsschiff Fox kaufen, darunter das progressive Feigenblatt Die Simpsons. Disney, das ist übrigens auch jene Blockbusterfabrik, die der Los Angeles Times unlängst den Zutritt zu ihren Kino-Previews verweigerte, weil das renommierte Blatt kritisch übers Steuergebaren des Medienmegakonzerns beleuchtet hatte – was im zerklüfteten Medienzirkus USA eine erstaunliche Welle der Solidarität mit den Kollegen entfachen half.

Dabei hatte er, also besagter Zirkus, in der vorigen Woche eigentlich alle Hände voll zu tun. Theoretisch. Praktisch allerdings erhitzte das nächste Massaker im waffenstarrenden Amerika die Gemüter selbst daheim nur vergleichsweise kurz, während die Berichterstattung über das andere Großereignis dieser Tage auch global quasi gegen Null ging – zumindest gemessen an dessen grandioser Bedeutung: Der Klimagipfel in Bonn lief auf fast allen Kanälen mehr so nebenbei, als sei da ja irgendwie auch was los in der früheren Hauptstadt, wenn auch nichts von größerem Belang.

Darauf ein Gläschen eskapistischen Schampus bei der dramaturgisch belanglosesten Gala dieser ausklingenden Film- und Fernsehsaison: Donnerstag verleiht Burda bereits zum 69. Mal seinen Bambi, den die ARD in allen Ernstes als “wichtigsten deutschen Medienpreis” ankündigt. Das ist zwar so, als würde man die Bunte als wichtigstes deutsches Nachrichtenmagazin bezeichnen, aber gut – das Erste überträgt die Verleihung Trophäe am Donnerstag ja auch wie immer zur besten Zeit live und schmückt sich dabei auch mit Hugh Jackman, der sicher nicht nur deshalb als – bruha – „Bester Schauspieler International“ ausgezeichnet wird, weil er zufällig grad Zeit hat.

Die Frischwoche

13. – 19. November

Ein paar der künstlerisch  relevanteren Hollywood-Größen sind dagegen Dienstag um 23.40 Uhr in der ZDF-Doku Stars gegen Trump zu sehen, die den Widerstand des kreativen Amerika gegen den Präsidenten skizziert. Dessen Amtsführung mag an rechtspopulistischem Irrsinn kaum zu überbieten sein; einem echten Faschisten allerdings widmet ZDFinfo am Dienstag gleich drei Stunden am Stück: Die Wahrheit über Franco skizziert den spanischen Diktator, der sein Land bis 1975 fast 40 Jahre beherrscht hatte, ausgiebiger denn je. An die Macht hatte er sich 1936 auch mit Hilfe eines Gesinnungsgenossen im Deutschen Reich geputscht: Heinrich Himmler. Arte porträtiert den SS-Führer zeitgleich als Der Anständige.

Auf weniger drastische, nach demokratischem Maßstab aber ebenfalls unanständige Art und Weise agieren die ebenso gewissen- wie skrupellosen Interessenvertreter wirtschaftlicher Interessen im Umfeld des Bundestags. Deren Umtrieben widmet sich eine Miniserie auf ZDFneo ab Mittwoch, 21.45 Uhr. Rosalie Thomass ist Die Lobbyistin, ein MdB, das dank einer Intrige ihr Mandat abgibt und die Seiten wechselt. Das ist durchaus gut gemacht, aber auch arg bedeutungsschwer und viel dramatischer als Politik hierzulande gemacht wird. Andererseits ist es auch immer noch besser als wieder und wieder und wieder nur Mörder zu jagen.

Dennoch sollte man dem ZDF-Krimi In Wahrheit ab Samstag im ZDF eine Chance geben – schon weil die wunderbare Christina Hecke darin von der notorischen Seriendarstellerin endlich zur Hauptfigur aufsteigt. Was es ansonsten noch gibt: Die bezaubernde, oft brüllend komische Tragikomödie Blind & Hässlich um zwei Außenseiter auf dem schweren Weg zu etwas Geborgenheit, heute um 23.55 Uhr an gleicher Stelle. Und gut drei Stunden zuvor startet auf Vox die finale Staffel vom Club der roten Bänder in fünf Doppelfolgen mit anschießender Doku, womit man ja nun wirklich nichts verkehrt machen kann.

Bevor wir aber zu den Wiederholungen der Woche kommen, noch zwei Netflix-Neuigkeiten am Freitag: Mudbound, die hochgelobte Eigenproduktion über eine schwarzweiße Freundschaft im rassistischen Süden der USA. Und Marvel’s The Punisher läutet die nächste Superhelden-Serie am Bildschirm ein. Nichts für den ganz feinen Geschmack, aber ohne Frage quietschebunt. So wie ein Psychatrie-Schocker namens Asylum, der 1972 überm deutschen Untertitel Irrgarten des Schreckens allerdings für etwas mehr Horror gesorgt haben dürfte als heute um 0.35 Uhr im HR. Die schwarzweiße Wiederholung kommt diesmal aus der Sowjetunion: Ilja Traubergs Klassiker Der blaue Express spielte 1929 die Ursprünge der russischen Revolution auf einer Zugfahrt von China im Kleinen durch (Mittwoch, 0.35 Uhr, Arte). Der Tatort-Tipp schließlich führt uns am selben Abend um 21 Uhr in die Heimat des Hessischen Rundfunks: Das letzte Rennen begleitet die legendären Ermittler Dellwo/Sänger ins Geschehen des Frankfurter Marathons von 2006.


Eidinger/Slaughter Beach, Dog/Knyphausen

Lars Eidinger

Matthias Scheighöfer tut es Juliette Lewis auch, David Hasselhoff tut es und Axel Prahl auch, Jan Josef Liefers tut es und seine Frau Anna Loos sowieso, Bruce Willis und Kylie Minogue, Ryan Gosling oder Tom Schilling – sie alle haben ihre Popularität als Schauspieler oft mehr schlecht als recht zu populärer Musik und damit noch mehr Geld, noch mehr Ruhm, noch mehr Geld gemacht. Und jetzt also Lars Eidinger, einer der wirklich Großen in Film & Fernsehen deutscher Herkunft. I’ll Break Ya Leg heißt sein Debütalbum, und es drängt sich der Verdacht auf, da nutzt mal wieder ein Darsteller seine Berühmtheit, um sich auch noch vorm Boxenturm zu profilieren. Welch ein Irrtum!

Ebenso wie die wenig gelungenen Ausnahmen von Nora Tschirner bis Klaas Heufer-Umlauf schafft es Lars Eidinger, an seiner schauspielerischen Existenz vorbei einen Tonträger vorzustellen, der unabhängig vom Namen dahinter funktioniert. Vielleicht liegt es daran, dass der Theaterberserker aus Berlin die elaborierte Mischung aus Instrumental HipHop und grummelnder Electronica zum Teil schon während seiner Schauspielausbildung vor fast 20 Jahren aufgenommen und nun digital überarbeitet hat. Dezente Breakbeats plöddern da durch einen DIY-Sound im LoFi-Tempo, dass man die elf Stücke in Endlosschleife hören kann, ohne dass auch nur einer davon auf die Nerven geht. Das der Künstler dahinter Eidinger heißt? Eigentlich total egal…

Lars Eidinger – I’ll Break Ya Leg (!K7 Records)

Slaughter Beach, Dog

Jake Ewald ist ein Typ, mit dem man gern an der Bar sitzen würde, um die Zeit zu vertrödeln. Noch ein Bier, bisschen Quatschen, auch mal Schweigen, nicht zwingend geistreich, aber sehr amüsant – wie seine Musik. Seit Modern Baseball pausiert, konzentriert sich der Gitarrist aus Philadelphia auf die Momentaufnahmen des Solo-Projekts Slaughter Beach, Dog. Und wie bei dessen Debüt Welcome klingt der Nachfolger Birdie mehr nach Freizeit als Arbeit. Schließlich will Ewalds Powerfolkpop weder virtuos klingen noch außergewöhnliche Storys ersinnen. In seinen zehn Erzählungen aus dem Fantasiedorf Slaughter Beach muss es sich daher nicht mal reimen.

Falls aber doch mal „Ashtray“ auf „Birthday“ folgt oder in Garden and Green angenehm unklar bleibt, ob da jemand Hanf anbaut oder völlig harmlos vom Garten vorm Elternhaus der eigenen Kindheit berichtet, stellt sich sofort dieses angenehme Tresen-Gefühl ein, eher wenig zu wollen und doch fast alles zu kriegen. Hier ein paar genügsame Country-Riffs, da etwas aufgeregtes Westcoast-Gejuchze. Reduziertes Schlagzeug, viel Schlendrian. Es ist ein Album für den Freitagabend, das Wochenende vor Augen. Noch ein Bier, bitte.

Slaughter Beach, Dog – Birdie (Big Scary Monsters)

Gisbert von Knyphausen

Pop-Poeten: Seit Jan Böhmermanns Suada gegen die Fake-Empathie von Max Giesinger bis Philipp Poisel ist das ein vergiftetes Lob – findet die Subkultur, findet ihr Feuilleton, findet Gisbert zu Knyphausen ganz und gar nicht. Der Songwriter lobt lieber die „schöne Alliteration“ und räumt ein, auf poetischen Pop mit eingängigen Refrains zu stehen. Unter einer Bedingung: „Wenn sie textlich übers reine Wohlfühlen hinausgeht.“ Das sollte wissen, wer sein neues, drittes Album hört. Sieben Jahre sind seit dem zweiten vergangen, dazu ein Duett mit Nils Koppruch, aber auch dessen Tod. Genug Leben und Sterben also, um die tiefgründige Melancholie seiner Schmusestimme mit Schwermut aufzuladen. Oder?

Weit gefehlt! Das Licht dieser Welt ist Gisbert zu Knyphausens bislang leichtestes, fast beschwingtes Werk. Während der zutiefst unaristokratische Adelsspross früher bei spärlicher Instrumentierung gern mit seinem Trübsinn allein war, klingt er nun heiter, gelöst, opulenter. Im Uptempo-Stück mit dem vielsagenden Titel Unterm hellblauen Himmel etwa rennt sogar fröhlich ein Bläser unterm Großstadtfolk hindurch und gibt damit die Stimmung vor: Das Trauern hat ein Ende, es lebe das Leben. So macht Pop-Poesie echt Freude.

Gisbert von Knyphausen – Das Licht dieser Welt (PIAS)


Wolfgang Niedecken: Familie & Dialekt

Kölsch saved my life

Seit 40 Jahren ist Wolfgang Niedecken das gute Kölner Gewissen der deutschen Rockmusik. Auf dem Solo-Album Reinrassije Strooßenköter erzählt er uns nun seine Familiengeschichte und damit auch viel übers Land insgesamt. Ein Gespräch mit dem 66-Jährigen über die Liebe zu Köln, BAP, Gassenhauer und wie ihm sein Heimatdialekt 2011 das Leben gerettet hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Wolfgang Niedecken, sind es eigentlich grad gute oder schlechte Zeiten für sozialkritische Liedermacher wie Sie, wenn die Stimmung populistischer wird und nach rechts schwenkt?

Wolfgang Niedecken: Also die Platte hätte ich zu jeder Zeit machen können. Ich will niemanden krampfhaft auf irgendeinen Pfad bringen, sondern singe über Sachen, die mich umtreiben – ob sie mir nun schlaflose Nächte machen oder Glücksgefühle. Politrock war mir immer zutiefst suspekt.

Trotzdem kommentieren Sie mit Ihrer Musik gern die Verhältnisse da draußen. Freut man sich da, wenn die so radikal sind, dass es viel zu kommentieren gibt?

Darüber mache ich mir gar nicht so viele Gedanken. Mir ist nicht wichtig, ob ein Album in seine Zeit passt. Wenn es das aber dennoch tut, wie dieses hier, freut es mich. Denn das, was ich darauf tue, kann man allen, die da draußen rumkrakeelen, auch nur empfehlen: Mal innezuhalten, zurückzublicken und sich zu fragen, was tun wir hier eigentlich, um was geht es?

Und die Antwort?

In meinem Fall: Wohl dem, der einen Verbund hat, in dem er sich aufgehoben fühlt. Das kann die Nachbarschaft sein, eine Clique. Bei mir ist es jetzt die Familie – die, aus der ich komme, aber auch die, die ich selber gegründet hab. An deren Beispiel versuche ich rauszufinden, was mir im Leben wirklich wichtig ist. Familie besteht ja aus Individuen, die trotz aller Verschiedenheit miteinander klarkommen müssen; das darf sich die Gesellschaft gern zum Vorbild nehmen. Davon erzählt am Ende auch mein Album.

Dummerweise versteht man davon als Nicht-Kölner nur Bahnhof.

Wissen Sie was? Ich übersetze Ihnen mal das Titelstück, dann versteht man auch den Rest. Meine Tochter hat mir erklärt, dass Reinrassije Strooßeköter ein Oxymoron ist, also ein Begriffspaar, das sich gegenseitig ausschließt. Was man von den Kindern alles lernen kann! Reinrassige Straßenköter gibt’s ja nicht. [setzt seine Brille auf und übersetzt]

 

Der Pappkarton oben im Regal

seit Jahren unberührt, verstaubt

Erst war Margarine drin, dann eine Eisenbahn

und immer noch steht Rama drauf

 

Ohne Leiter kommt da keiner ran

Jedenfalls ist es nicht leicht

Unfallfrei die Kiste runterzuholen

Weil sie links eingerissen ist

 

Fotos mit gewelltem Rand

Und je nachdem abgeknickt, vergilbt, verblasst

Heiligabend, Camping, Karneval

Heinz und ich aufm Chlodwig-Platz

 

Vater, Mutter, Foxtrott wird getanzt

Kätie, Annelie, mit Zöpfen.

Tante Netta kannte ich nur in schwarz

Pollawiese und Severenzbrücke

 

Dieses Lied ist für meine Ahnen, meinen Stamm

Kölsche Seelen allesamt

Für meine Leute, für meine Vertrauten

Blutsverwandt

 

Für meine Familie, meinen Clan

Wir sind reinrassige Straßenköter

Und Südstadt-Adel sowieso

Und auch wenn’s keiner ausspricht –

Insgeheim steht’s fest

Dass Blut dicker als Wasser ist.

Da wird gleich zu Beginn das ganze Personal am Beispiel eines imaginären Fotoalbums vorgestellt. Ich hab ja weder väter- noch mütterlicherseits meine Großeltern je kennengelernt. Mein Opa Hermann, der Kirchenmaler, ist eine Woche vor meiner Geburt im selben Krankenhaus gestorben. Die lerne ich so erst kennen.

Hat es auch mit Ihrem Alter zu tun, dass Sie die Vergangenheit Revue passieren lassen?

Na ja, ich bin 66. Wäre ich Beamter, läge ich schon das erste Jahr mit meiner Pension in der Hängematte. Natürlich denkst du da eher mal über dein zurückliegendes Leben nach als mit 30. Ich wusste auch damals schon, dass es hinterm Horizont weitergeht, wollte aber gar nicht so genau wissen, wie es da aussieht. Aber wenn ihm wie ich jetzt so nahe kommt, macht man sich darüber eher Gedanken.

Wobei Sie kein drastisches Rock’n’Roller-Leben geführt haben oder?

Nicht mit allem Drum und Dran. Ich finde Keith Richards großartig, aber sein Leben war von meinem Lichtjahre entfernt. Wir haben natürlich schon mal mehr Party gemacht als viele in bürgerlichen Berufen, und auf Tournee wurden die Nächte schon mal feuchter, aber das ist echt ewig her.

Vor Ihrer Familiengründung?

Sagen wir: am Ende der ersten, die ja ein bisschen in die Hose gegangen ist. Also vor der zweiten mit dieser netten Dame hier [zeigt auf seine Frau, die nebenan am Computer sitzt]. Wir sind jetzt seit 30 Jahren zusammen, haben zwei erwachsene Kinder, also super.

Kommen die auch vor auf der Platte?

Natürlich, am Ende. Das Album ist ja chronologisch aufgebaut, weshalb ein Stück sogar vor meiner Geburt spielt, als meine Großeltern mit Kindern nach Gera evakuiert waren, weil Köln nach der Zerbombung auch noch der Häuserkampf drohte.

Wenn das Album einem Erzählband gleicht – ist die Musik dazu die, die Sie halt auch mit BAP schon immer machen, oder exakt auf die Texte abgestimmt?

Beides. Es ist halt die Musik, die ich mag. Ich würde ja nie etwas anderes machen als das, was ich mir beim Autofahren ins Fach schiebe und mich freue, am Leben zu sein. Da darf dann auch mal die Steel-Guitar vorkommen, Country, Americana. Sofern es nicht kitschig klingt.

Haben Sie je erwogen, anders als in Kölsch zu singen?

Es war schon vor 25 Jahren immer mal ein Streitpunkt in der Band, ob wir nicht hochdeutscher werden sollten, womöglich gar Englisch. Meine Meinung dazu war immer, dass wir uns damit das Einmalige, Unverwechselbare nähmen, nur um aus Deutschland rauszukommen. Dafür hätte ich mich verstellen müssen. Und wäre auch nicht so gut gewesen.

Entsprang die Entscheidung im Heimatidiom zu singen, damals einem Bauchgefühl oder Lokalpatriotismus?

Ach, es ist viel einfacher. Wenn du wie ich mit dieser Sprache aufgewachsen bist und auf der Volksschule erstmal Deutsch lernen musst, dann steckt das so tief drin, dass es raus will. Als ich vor sechs Jahren einen Schlaganfall hatte…

[Seine Frau ruft rein] 2. November 2011.

… hab ich meinen Schutzengel da drüben später ein Album voller Liebeslieder gewidmet. Die räumen zwar keine Spülmaschinen aus, aber so konnte ich meine Dankbarkeit am besten zeigen. Vorher aber war folgendes passiert: Ich habe in Köln noch ein paar Leute, mit denen ich gar nicht Hochdeutsch sprechen könnte, das klappt nicht. Einer davon ist der vielleicht größte Karnevalist, ohne ein Spießer zu sein. Hans Süper. Kennen Sie den?

Als Kölner würde ich sicher ja sagen.

Garantiert. Das ist die eine Hälfte vom „Colonia Duett“, immer mit Mandoline. Gibt’s leider nicht mehr. Der Hans also war total besorgt, dass ich mich vom Schlaganfall nicht mehr erholen würde. Ich hatte ja damals große Wortfindungsprobleme. Du bist klar im Kopf, aber die Sprache ist weg, furchtbar. Dann aber ruft mich der Hans in der Klinik an und meinte, „wie isset Jung, wat mässte?“ Und ich habe auf Kölsch geantwortet, als wäre nichts geschehen. Die Muttersprache ist halt tiefer eingelagert als alles andere.

Sie haben übers Kölsch wieder sprechen gelernt?

Die Reha hat schon auch geholfen, aber Kölsch saved my life.

Wo wäre Wolfgang Niedecken denn vor 40 Jahren gelandet, wenn BAP von Beginn an in einer anderen Sprache gesungen hätte?

Wir wären gar nix gewesen. Als BAP 1976 gegründet wurde, haben Leute mitgespielt, die in den Sechzigern Beat gemacht hatten. Damals war jeder in irgendeinem Dunstkreis irgendeiner Band, so wie sich heute alles über Fußball definiert. Man traf überall Kollegen, und je mehr das geschah, desto mehr wurde gejammt. Das war das erste Jahr BAP: alle zusammen ins Kalksandsteinwerk Hersel an der Autobahn Köln-Bonn, das gehörte dem Vater eines der Gitarristen. Immer wenn wir einen Kasten Bier leergeprobt hatten, sind wir in die Stammkneipe gefahren und haben weitergefeiert.

Oha.

Klingt jetzt versoffener als es war. Wir waren ja mindestens ein Dutzend Leute, das sind zwei Flaschen pro Person. Jedenfalls hatten wir damals überhaupt keinen Karriereplan. Aber als ich den ersten Song auf Kölsch mitgebracht habe, schwer auf Liebeskummer geschrieben, waren alle irgendwie begeistert. So ging’s los – und hat sich bis heute nicht wirklich geändert.

Was ist denn der grundlegende Unterschied zwischen BAP und Solo-Alben?

BAP ist die Tour-Band, aber wir hießen auch auf unseren ersten drei Alben Niedeckens BAP. Ich hätte das also auch mit denen einspielen können, der Sound wäre dann allerdings etwas anders gewesen, ohne die Americana-Elemente wahrscheinlich. Bei BAP nimmt mir niemand übel, Sachen solo zu machen. Die profitieren da immer auch von. Ich geh mit BAP auf Tour, keine Sorge.

Und spielen die alten Gassenhauer?

Ich will jedenfalls auf keinen Fall Stücke spielen, die die Leute nicht kennen. So ticke ich ja selber auch als Konzert-Zuschauer. Ich hab gerade die Stones in München gesehen, da hab ich mich zwar total gefreut, als die nach Ewigkeiten mal ein Stück wie Dancing with Mr. D gespielt haben, und Satisfaction muss ich gar nicht noch mal hören. Trotzdem sind mir die bekannten Stücke wichtig. Was außer Musik schafft es denn schon, die eigene Jugend so zurück ins Herz zu holen?

Ihre Prognose zum Schluss: Stehen Sie im Alter von Mick & Keith noch auf der Bühne?

Wenn ich mir das gesundheitlich noch schaffe, gern. Und so wahnsinnig lang ist das ja nicht mehr hin. Aber nur, weil ich jetzt im Pensionsalter bin, gucke ich mir keine Louis-Trenker-Filme an. Rock’n’Roll hat nichts mit Jugend zu tun, Rock’n’Roll ist für alle da.


Gelassenheiten & Totentänze

Die Gebrauchtwoche

30. Oktober – 5. November

Klassische Medien, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse einer neuen Woche mit terroristischem Ereignis, haben aus ihren Fehlern gelernt. Die Berichterstattung über den Anschlag von New York war vorwiegend angemessen, also eher nachrichtlich als reißerisch. Selbst kommerzielle News-Redaktionen von Pro7 bis in die Aufmerksamkeitsstaubsauger des Internets ordneten die Attacke da ein, wo sie hingehört: In den Alltag, zu dem ein Islamist, der wahllos Menschen aus dem Leben radiert, mittlerweile nun mal gehört wie herbstliche Sturmfluten und Donald Trumps Twitter-Exzesse. Was unbedingt berichtenswert ist, muss schließlich keinesfalls sensationslüstern aufgeblasen werden.

Die Tagesschau hat sich den üblichen Brennpunkt also verkniffen. Auch seriöse Tageszeitungen sahen von seitenlangen Analysen dessen ab, was sich zusehends von allein erklärt und überdies kaum zu verhindern ist. So blieb genügend Zeit und Muße, eine andere Art von Horror zu debattieren: Den Grusel-Tatort vom vorvergangenen Sonntag. Dramaturgisch, ästhetisch, künstlerisch war der hessische Extremfall Fürchte dich zwar ungewöhnlich mysteriös, aber alles andere als außergewöhnlich gut. Deshalb fühlte sich die ARD womöglich bemüßigt, derlei Experimente fortan streng zu limitieren.

„Grenzüberschreitende“ Produktionen sollen künftig vorab gemeldet werden, damit sich ein Desaster wie der saftig missratene Improvisationsfall Babbeldasch vom Februar nicht wiederholt und lieb gewonnene Sehgewohnheiten unangetastet bleiben. Der Reihenkoordinator Gebhard Henke vom WDR erklärte das klassische Ermittler-Szenario jedenfalls zur „DNA des Tatorts“. Es wird also auch weiterhin fleißig gefragt, wo Tatverdächtige denn vorgestern Abend gegen halb zehn gewesen sind. Für Ausbrüche bleibt also auch weiterhin vor allem Felix Murot zuständig.

Die Frischwoche

6. – 12. November

Ab heute kriegt er allerdings Unterstützung im Internet. Dort liefert Tatort-Plus sechs Kurzfilme, in denen ein biederer Pathologe mit Schnauz (Peter Trabert) im Dialog mit den Toten auf dem Seziertisch die Abgründe des Lebens erörtert. Dank Ralf Husmann (Buch und Regie) gerät Lammerts Leichen dabei allerdings nicht bloß zum digitalen Spin-off der Dresdner Kommissarinnen, sondern entwickelt in aller Kürze große Wahrhaftigkeit mit viel Aberwitz. Unbedingt mal ansehen!

So wie den aberwitzig wahrhaftigsten Film dieser Woche. In Einer nach dem anderen (Montag, 22.15 Uhr, ZDF) übt ein norwegischer Schneepflug-Pilot (Stellan Skarsgård) erstaunlich kreativ und sehr effektiv Rache an jenem Drogenclan, der seinen Sohn auf dem Gewissen hat. Irgendwie kein Wunder, dass so etwas aus Skandinavien stammt. Wobei man diesbezüglich die Kirche schon auch mal im Fjord lassen muss. Denn der schwedische Fünfteiler Springflut mag ab Sonntag im ZDF atmosphärisch so dicht sein, wie man es auf diesem Sendeplatz aus Nordeuropa kennt. Die Aufklärung eines uralten Mordes, der sich zu einer gewaltigen Verschwörung entwickelt, ist im Kern unglaublich berechenbar und damit leicht öde. Na ja, vielleicht liegt es auch daran, dass er vom ZDF koproduziert wurde…

So richtig rasend toll sind demgegenüber zwar auch die zwei Serienempfehlungen aus der Welt des Streamings nicht; sowohl White Famous als auch The Sinner stechen allerdings schon deshalb aus den Importen heraus, weil man sie gut im Original sehen kann, statt in der grauslichen Synchronisation von Springflut. Im Sky-Format geht es ab Dienstag um den schwarzen Comedian Floyd (Jay Pharoah), dessen Erfolg beim weißen Publikum ein sehr interessantes Panoptikum sämtlicher Rassismen der amerikanischen Gesellschaft entfaltet. Im Netflix-Pendent geht es zeitgleich um eine junge Mutter, die ohne ersichtlichen Grund einen Fremden ersticht, was von einem ungewöhnlich mitfühlenden Detective bearbeitet wird.

Wem all dies zu fiktional ist, der hat zwei wirklich seltsame Alternativen aus der Welt des Live-Ereignisses zur Auswahl: Am Montag zeigt Eurosport ab 18.30 Uhr die Polo-WM, bei der man sich mal nach Herzenslust über den Jet Set amüsieren darf. Und tags drauf läuft um 23.20 Uhr MTV unplugged nicht nur bei Kabel1, sondern auch noch mit einem Künstler, den man auf dieser einst lässigen Plattform wohl weniger erwartet hätte: Peter Maffay. Das Showbiz ist schon ein merkwürdiger Zirkus. Den man am besten ein paar erlesene Wiederholungen der Woche entgegensetzt: Am Montag etwa um 20.15 Uhr auf One: Christian Petzolds episches Frühwerk Die innere Sicherheit von 2000 mit Julia Hummer als Teenager-Tochter, die ausgerechnet auf der Flucht mit ihren RAF-Eltern erwachsen werden muss.

Zehn Jahre jünger, thematisch ganz woanders, ebenso gelungen: The Social Network (Mittwoch, 22.55 Uhr, Pro7) von David Fincher mit Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg. Bisschen älter (1966), inhaltlich noch weiter weg und mal wirklich auf unvergleichliche Art, nun ja, besonders: Die toten Augen des Dr. Dracula von Quentin Tarantinos großem Vorbild Mario Bava (Donnerstag, 23.25 Uhr, Arte). An gleicher Stelle dreht sich der schwarzweiße Hinweis um einen der größten Regisseure dieser Epoche: Sergei M. Eisenstein. Sein Durchhalteklassiker Panzerkreuzer Potemkin von 1925 läuft am Mittwoch im Anschluss an den Dokumentarfilm Die Russische Revolution und ihr Kino (21.45 Uhr). 64 Jahre älter ist der Tatort-Tipp mit Horst Schimanksi (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) und dem passenden Titel Der Pott.


We Are Aust, Bootsy Collins, Baxter Dury

We Are Aust

Wer hinter Masken steckt, hat gemeinhin was zu verbergen oder macht furchtbar einen auf dicke Hose. Drei Viertel der Berliner Band Aust, die vor ihren Namen offenbar kürzlich We Are gesetzt haben, um sich von ein paar Schweizer Kollegen zu unterscheiden, treten nur seltsam vermummt auf. Ob das nun mit Geheimnistuerei zu tun hat oder doch eher mit dem Drang zur Effekthascherei sei mal dahingestellt. Aber was die Hauptstadtkarnevalisten im Hintergrund der unverkleideten Sängerin Olivia Gruschczyk musikalisch veranstalten, ist zugleich mysteriös und aufdringlich, aber sehr sehr unterhaltsam. Masken hin, Masken her. Wobei schwer zu sagen ist, was genau auf dem selbstbetitelten Debütalbum eigentlich genau zu hören ist.

Im Kern ist We Are Aust waviger TripHop, der allerdings anders als im Genre üblich mit diversen, oft funkensprühenden Spielereien aufgepumpt wird, bis es fast platzt. Bläser und Grandezza, Technoflächen und Popgedaddel, viel Bass, noch mehr Synthieraunen und im grandiosen Titelstück sogar mal eine Sechzigerjahre-Hammondorgel – andauernd passiert irgendwas Unerwartetes im Downbeat. Gut, manchmal passiert sogar ein bisschen viel und das dunkle Timbre von Olivia klingt nach Shakira. Oft aber ist es einfach so angemessen überfüllt, dass We Are Aust zu einer der tanzbarsten Erscheinungen zeitgenössischen Wave-Sounds werden.

We Are Aust – We Are Aust (RAR)

Bootsy Collins

Es gibt drei Sorten Popstar, die auch im Rentenalter noch den Fummel ihrer wilden Jahre tragen dürfen, ohne dass es peinlich wird. Kompromisslose Freaks, stilsichere Nostalgiker und beider Quintessenz: Bootsy Collins. Der markenbewusste Exzentriker aus Ohio hat den Soul schließlich schon als Bassist von James Brown mit schrillem Glamour zum Funk veredelt und in seiner Formation Funkadelic sodann zum Durchdrehen gebracht. Heute ist der Plateausohlenträger mit dem Sonnenbrillentick weiter dort, wo er vor gut vier Jahrzehnten begann. Und so viril, virtuos, so hingebungsvoll irre wie er seinen Funk mit – Happy Birthday! – exakt 66 noch zubereitet, sei ihm die überdrehte Aufmachung verziehen.

Auf seiner mittlerweile zwölften Soloplatte schafft es dieser Bootsy Collins mit zwei Dutzend Kollaborateuren verschieden großer Prominenz, eine Art Glossar sämtlicher Spielarten des Word Wide Funk – so lautet der Titel – zusammenzustellen. Und da bleibt definitiv kein Auge trocken, kein Bass ungeslappt, kein Genre unkommentiert. Alles für alle und zwar auf einmal. Allein das mitreißende Hot Saucer vereint HipHop feat. Big Daddy Kane mit Zackengitarrensoli und saftigem R’n’B zu einer kleinen Zeitrafferreise durchs halbe Metier. Ein Album wie der Funk selbst – tosend, fröhlich, grell, Bootsy.

Bootsy Collins – World Wide Funk (Mascot Records)

Baxter Dury

Wenn hingegen Baxter Dury eines nicht ist, dann tosend, fröhlich, grell oder sonst irgendetwas in Richtung funky. Daran ändert auch herzlich wenig, dass er seine verstiegen schönen Cockney-Erzählungen auf der neuesten Platte erstmals in ein unverhofft orchestrales Gewand hüllt. Hatte sich der Songwriter zuvor meist mit relativ wenig Brimborium umgeben, entfaltet Prince of Tears daher manchmal fast sinfonische Wucht. Dichte Schwaden windschiefer Geigen wehen durch viele der zehn Spoken-Word-Konstrukte. Geisterhafte Orgeln umnebeln die getragene Langsamkeit. Und so geht es immer und immer weiter auf diesem erstaunlichen Album.

Ständig durchstechen flatterhafte Gitarren den Backgroundgesang von Madelaine Hart. Und wenn der Sleaford Mod Jason Williamson dem Sohn der Siebziger-Ikone Ian Dury in Almond Milk mit ein paar Brocken Entrüstung seine Referenz erweist, wird der Freakpop des 45-Jährigen  noch ein bisschen reicher an Aberwitz. Er übersättigt das Album jedoch nicht mit Selbstgefälligkeit, gar Redundanz, sondern sorgt für große Spannung mit ein bisschen Spaß. Trotz der todessehnsüchtigen Stimme lungert Baxter Dury also wieder sehr lässig zwischen den Stühlen von Post Punk und New Wave herum.

Baxter Dury – Prince of Tears (PIAS)

 


Clemens Schick: bondböse & barcelonacool

Ich liebe es radikal

Zehn Jahre schwamm Clemens Schick (Foto: ARD/Lucia Faraig) sehr sicher durchs Fahrwasser des deutschen Theaters. Dann war er Bonds Gegenspieler und alles plötzlich anders. Zur Weltkarriere reichte es zwar nicht, aber für den Barcelona-Krimi (2. November, 20.15 Uhr, ARD) allemal. Der Mittvierziger über Städtekrimis im Ersten, den katalanischen Nationalismus am Drehort und was 007 so grandios macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Clemens Schick, Sie sind ein politischer Künstler, der sich über seine Arbeit hinaus gesellschaftspolitisch engagiert und voriges Jahr gar in die SPD eingetreten ist. Welchen Einfluss hat das auf die Auswahl Ihrer Rollen?

Clemens Schick: Wenn Sie jetzt hören wollen, dass ich nur Filme machen will, die diesem Engagement auch inhaltlich entsprechen, muss ich Sie enttäuschen. Solange darin nicht gerade zu Gewalt, Hass oder Rassismus aufgerufen wird, mache ich, was mir Spaß macht, mich fordert oder eben Geld einbringt. Ich muss ja auch leben von dem Beruf. Deshalb drehe ich vom kleinen Debütfilm über internationale Blockbuster bis hin zum Fernsehen eigentlich alles, sofern mir die Geschichte und meine Rolle darin gefällt. Und was im Grunde an erster Stelle kommt sind die Kollegen und die Regie. Bestimmte Botschaften sind dafür nicht vonnöten.

Gibt es trotzdem welche, die den Barcelona-Krimi für Sie interessant machen?

Schon. Wir thematisieren darin zum Beispiel das, was auch meinen eigenen Wohnort Berlin zurzeit auf schmerzhafte Art prägt: diesen komplett ausufernden Massentourismus, der alles überflutet. In Barcelona kommt allerdings, wie man grad sieht, dieser grassierende Nationalismus hinzu. Dass sich eine Region wie die katalanische im 21. Jahrhundert von Spanien abspalten will, finde ich schlicht unfassbar. Denn wenn etwas im Verlauf der Geschichte zielsicher zu Krieg und anderen Katastrophen geführt hat, dann war es schließlich zum Nationalismus gesteigerte Heimatliebe. Dieses Thema kommt allerdings erst im dritten und vierten Teil zur Sprache.

Bis dahin firmiert Barcelona indes vor allem als etwas, das den ARD-Krimis auf diesem Sendeplatz häufiger mal vorgeworfen wird: vor allem ein touristisch verwertbares Postkartenambiente zu zeigen.

Finden Sie? Barcelona ist wirklich traumhaft schön. Und ich weiß da, wovon ich rede; ein Teil meiner eigenen Familie lebt dort. Anderseits zeigen wir von der Stadt ja keineswegs nur die schönen, also die Postkarten-Seiten, im Gegenteil. Es kommen auch viele der schmutzigen Ecken vor. Andererseits finde ich es überhaupt nicht verwerflich, Filme als Angebote ans Publikum zu inszenieren, etwas zu tun, das vielen im Alltag unmöglich ist: um die Welt zu reisen, andere Länder zu sehen, fremde Kulturen. Das macht Fernsehen im Übrigen ebenso wie das Kino schon immer so; auch James-Bond-Filme sind seit jeher Hochglanzprospekte der jeweiligen Drehorte.

Hat sich für Ihre Arbeit als Schauspieler eigentlich grundlegend etwas geändert, nachdem Sie im ersten Einsatz von Daniel Craig als 007 einen Bösewicht spielen durften?

Das war damals ja eine ziemlich kleine Rolle. Die Aufmerksamkeit dafür war in Deutschland zwar groß. Schauspielerisch allerdings war mein Einsatz darin schlicht zu unbedeutend, um mir international einen Namen zu machen. Trotzdem war es eine unglaubliche Erfahrung, in diesen riesigen Produktionsprozess geraten zu sein. Handwerklich geschieht dort alles, wirklich alles am oberen Limit dessen, was möglich und machbar ist. Die kriegen für jede Arbeit die allerbesten Leute der gesamten Branche weltweit. Und das spürt man nicht nur beim Drehen, sondern im Ergebnis. Man darf auch nicht vergessen, dass ich zuvor zehn Jahre fast nur Theater gemacht hatte. Diese Welt zu verlassen und plötzlich sechs Monate mit einer solchen Produktion unterwegs zu sein, war ein großes Abenteuer.

Haben sie damals Blut geleckt, mehr solcher Großproduktionen zu drehen?

Was heißt Blut geleckt – es hat in mir den Wunsch entfacht, mobiler zu werden, mich nicht mehr an einen Ort zu binden. Deshalb hab ich damals auch mein Engagement am Schauspielhaus Hannover gekündigt, so gerne ich dort gearbeitet habe. Ich wollte freier sein in meinen Entscheidungen.

Fällt es nach so einem Schnupperkurs im ganz großen Kino, den Sie da 2006 absolviert haben, nicht ein bisschen schwer, dann wieder für den kleinen deutschsprachigen Markt zu arbeiten, also sich gewissermaßen zu erden?

Überhaupt nicht. Ich habe gleich danach einen kleinen deutschen Debütfilm gemacht, verglichen mit Bond ein fast lächerliches Budget, umgesetzt von Neulingen im Fach. Aber er war mir zu dem Zeitpunkt genauso wichtig wie der Bond-Film oder so wie jetzt mein Kommissar Xavi Bonet.

Was unterscheidet den eigentlich von all den Kommissaren, die jetzt bereits im Fernsehen ermitteln?

Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht alle Kommissare im Fernsehen kenne. Aber mir gefällt es sehr, wie ruhig und zurückhaltend, fast ein bisschen eigenbrötlerisch er ist. Außerdem finde ich seine Bisexualität spannend. Xavi Bonet ist schweigend, beobachtend aber eben auch lebenshungrig und angetrieben von einer Wut die Welt gerechter zu machen.

Haben Sie die Figur unter diesem Gesichtspunkt mitentwickelt?

Auch. Ich war schon sehr früh im Entwicklungsprozess mit eingebunden. Was ein Geschenk ist, aber auch eine Herausforderung. Fernsehen zu machen bedeutet sich mit sehr viel mehr Mitwirkenden auseinander zusetzen als beim Kino oder Theater. Solange die Kinoproduktion nicht zu groß ist. Ich liebe es radikal. Andere weniger. Da gilt es dann sich irgendwo zu treffen. Was ein absolut normaler Prozess ist.

Sie haben vor ein paar Jahren öffentlich gemacht, selber schwul zu sein. Ohne jetzt über Privates reden zu wollen…

Danke!

… glauben Sie, dass man das Thema Homosexualität durch die Präsenz massentauglicher Charaktere wie diesen Fernsehkommissar so weit normalisieren kann, dass es irgendwann keiner Erwähnung mehr wert ist?

Meine Erfahrung ist so.


Julia Jentsch: Glücksset & Das Verschwinden

Ich hab auch keine 27 Katzen

Julia Jentsch ist der unscheinbarste Superstar des deutschen Films. Seit ihrem Durchbruch in Die fetten Jahre sind vorbei vor 13 Jahren steigt die Berlinerin selten von der Bühne vor die Kamera. Falls doch, kommt dabei allerdings großes Kino wie Sophie Scholl, Hannah Arendt oder 24 Wochen heraus. Nur Fernsehen macht die 39-Jährige kaum. Was ihm dadurch entgeht, zeigte sie gerade in Andreas Schmids erster TV-Arbeit Das Verschwinden (noch in der Mediathek). Jentsch spielt darin eine Mutter, die ihre verschwundene Tochter im Drogensumpf des bayerisch-tschechischen Grenzgebiets sucht. Ein Gespräch über deprimierende Rollen, Spaß am Set und was ein Stadtmensch wie sie auf dem Land zu suchen hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Jentsch, haben Sie in fast 20 Jahren vor der Kamera je eine so deprimierende Filmfigur gespielt?

Julia Jentsch: In Einzelfällen schon, aber nicht auf einer Strecke von sechs Stunden Laufzeit. Die Aussicht, über so viele Drehtage eine derart emotionale Anspannung aufrechtzuerhalten, hat mir schon im Vorfeld ungeheuren Respekt eingeflößt.

Und während des Drehens?

Da arbeitet man detailliert an jeder Szene und da gibt es auch viel starke, hoffnungsvolle oder auch sehr erschöpfende Momente, die zu spielen sind. Es gibt also gar nicht diese eine lange Anspannung sondern sehr viel mehr Abwechslung. Außerdem hat die Zusammenarbeit mit dem Team viele schöne Momente hervorgebracht. Ich fühlte mich von der  positiven Grundstimmung und der Lust am Filmen selbst durch schwerste Stoffe getragen. Zumal ich viele frühere Kollegen der Münchner Kammerspiele getroffen habe und schon immer mal mit Hans-Christian Schmid arbeiten wollte, dessen Filme mich seit langem begleiten.

Wenn schon vor der Kamera nie gelacht wird, dann wenigstens daneben…

Ach, es gab auch in der Serie abgesehen von den Partys meiner Filmtochter und ihrer Freundinnen ja schon auch ein paar fröhliche Momente, etwa mit Michelles kleiner Tochter. Aber stimmt schon – die Stimmung am Set war deutlich besser als in der Handlung.

Färbt diese Tristesse des Charakters eigentlich auch mal auf die Darstellerin ab?

Überhaupt nicht. Schon, weil ich in jeder noch so traurigen Figur immer auf der Suche nach Kraft und Hoffnung bin, die das überlagern könnte.

Ist es leichter für eine Schauspielerin, aus einer traurigen Grundstimmung heraus etwas Heiteres zu spielen oder aus einer heiteren Grundstimmung etwas Trauriges?

Inwiefern meine Emotionen auf die der Rolle abfärben? Es ist meine Aufgabe, dagegen an zu arbeiten, wenn ich vor einer Szene was Blödes oder Schönes erlebt habe; auf die Rolle darf weder das eine noch das andere abfärben. Umso besser ist es, wenn ich so offen und aufnahmefähig bin, dass die Emotionen einer aufgewühlten Figur wie Michelle ebenso wenig auf mich abfärben wie umgekehrt meine auf sie.

Ist diese Frau, deren drogensüchtiges Kind spurlos verschwindet, eine reine Kunstfigur oder stecken darin auch Bezüge von Ihnen?

Es ist eine Kunstfigur, aber keine reine. Dafür ist sie zu realistisch. Als Schauspielerin interessiert mich aber grundsätzlich das andere, in diesem Fall: alleinerziehend, Altenpflegerin, Drogenumfeld; darauf habe ich schon in der Vorbereitung den Fokus gerichtet. Was dann von mir persönlich einfließt, kommt ganz automatisch.

Wenn das interessante Andere so radikal und krass ist wie in diesem Fall – denkt ein Großstadtgewächs wie Sie da, das könne ja gar nicht sein, in der heilen Provinzwelt?

Nein, das habe ich nicht gedacht, weil Kleinstädte oder Dörfer im Film so oft als radikale, krasse Lebensräume beschrieben werden und natürlich auch ihre Probleme haben. Aber in Großstädten gibt es diese Geschichten genauso.

Womöglich auch, weil Sie zurzeit selbst auf dem Land leben?

Na ja, verglichen mit Berlin mag das ländlich sein, aber es ist doch eher ein kleinstädtisches Umfeld nahe Zürich. Und ich habe auch keine 27 Katzen, wie eine Kollegin von Ihnen offenbar auf Wikipedia gelesen hat (lacht).

Ist es dennoch womöglich doch noch ein bisschen heiler als in der Großstadt?

Mein Eindruck ist, dass es dort genauso viele gebrochene und glückliche Seelen wie in Berlin.

Haben Sie trotzdem ein bisschen Frieden und Ruhe gesucht?

Als absoluter Stadtmensch und Berlin-Fan bin ich eher hineingestolpert, weil ich mich in einen Schweizer verliebt habe. Zu der Zeit war es einfach leichter für mich in die Schweiz zu ziehen als er umgekehrt er nach Deutschland. Da steckte also kein Plan hinter.

Und stört nicht weiter bei der Arbeit?

Wenn ich ein festes Theater-Engagement in Deutschland hätte, womöglich schon. So aber muss ich gegebenenfalls einfach ein bisschen weiter zu den üblichen Drehorten reisen. Es ist also höchstens ein Zeit-Faktor.

Hatten Sie vor Das Verschwinden je so viel Zeit während eines Drehs, eine Figur zu entwickeln?

Nein. Ich hatte einmal eine Serienerfahrung als Kirsten Höpfner im Kommissar Marthaler aber das waren wenige Folgen und keine so große Rolle. Hans-Christian Schmid bindet seine Darsteller mehr noch als viele andere Regisseure intensiv mit ein, um die Figuren auszugestalten – auch während des Drehens.

Führt das dazu, dass Sie dieser Rolle auch persönlich näher sind als denen zuvor?

(überlegt lange) Wie nahe mir eine Figur kommt, ist von weit mehr Faktoren als Zeit und Einfluss abhängig. Aber ich würde es so oder so eher Gewöhnung als Nähe nennen. Und die hat auch viel mit den Menschen am Set zu tun hat, mit denen ich über Monate beisammen bin. Da fiel der Abschied schwerer als sonst.

Nehmen Sie Ihre Rollen nach Drehschluss mit nach Hause oder bleiben die vor Ort?

Nach Hause nicht, ins Hotel schon mal. Wenn ich heimkehre, muss ich sofort umschalten. Das klappt aber ganz gut und bin es auch der Familie, vor allem meiner Tochter schuldig.

Wie alt ist die?

Sechs.

Obwohl sie damit viel zu jung für den Drogensumpf ist, in dem Michelles Tochter Janine landet – nehmen Sie aus dieser Serie etwas für die Erziehung Ihrer eigene Tochter mit, um sie vor solch einem Schicksal zu bewahren?

Die Verantwortung, welche Auswirkungen das eigene Verhalten und Handeln auf mein Kind haben, war mir schon vorher bewusst. Gerade in dem Alter saugen die ja alles von den Eltern auf und spiegeln einem ständig das eigene Verhalten. Das wird einem durch solch einen Film – in dem ja auch alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen und dennoch überhaupt nicht erreichen – aber schon nochmals bewusster. Was in der Serie zum Beispiel allen Eltern klar wird, ist der Irrglaube, man könne seinem Kind irgendetwas Gravierendes verheimlichen.

Am Ende fällt einem jedes Geheimnis auf die Füße.

Jedes! Was in der Erziehung wirklich zählt, sind Offenheit und Kommunikation. Das war mir auch vor diesem Film schon klar, aber er hat mich noch mal neu dafür sensibilisiert.