Bernd Begemann, Charles Howl, Shopping

Bernd Begemann

Die Ankunft ist im zeitgenössichen Pop kein Begriff von allzu großer Zugkraft. Anzukommen heißt schließlich, nicht weiterzuwollen, also stillzustehen. Und das ist besonders dem zappeligen Genre nicht sonderlich zu eigen. Wenn Bernd Begemann tut, was er schon immer getan hat, allerdings in einem Umfeld, das ihm gleichsam fremd und vertraut ist, wird es Zeit für eine Ausnahme. Der extrovertiere Conférencier, vor gut 30 Jahren mitverantwortlich für die Öffnung der Hamburger Schule, hat den Glamour des stukkierten Konzertsaals schon immer in die schmutzigen Clubs der Hansestadt getragen. Jetzt wechselt er quasi zurück. Und es ist hinreißend.

Gemeinsam mit dem Pianisten Kai Dorenkamp, der als Keyboarder von Bernd Begemanns Band Die Befreiung ein ähnliches Borderline-Leben wie sein Sänger führt, interpretiert die unvergleichlichste Rampensau des Orchesterpop zwölf seiner Stücke klassisch und macht daraus eine Art Kammermusik für die ganze große Bühne. Das ist zum Niederknien unterhaltsam, funkensprügend virtuos und dabei eins vor allem nie: ironisch. Dazu nämlich gehört die Fallhöhe, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Das tut Bernd Begemann nicht. Er ist halt einfach der, hüstel, Größte.

Bernd Begemann & Kai Dorenkamp – Die Stadt & das Mädchen (popup-records)

Charles Howl

Wenn es etwas gibt, was eigensinnige von stromlinienförmiger Musik unterscheidet, dann ist es die bedingungslose Bereitschaft, Hörgewohnheiten zu unterluaufen. Besser noch: zu torpedieren, ohne sie zu zerstören. Die Anwendung breitflächiger Mollsequenzen im Jammerton zum Beispiel sorgt seit jeher dafür, das Psychosound jeder Art von Rock bis Pop stets in der Nische feststeckt. Dort, wo es zwar wenig lukrativ ist, aber freundlich, warm und sehr gesellig. Es ist ein angenehm unmoderner Ort, an dem auch James Howl zu finden sind, freiwillig und äußerst beschwingt.

Zum zweiten Mal gießen die vier jungen Londoner ihren verschrobenen Sound in ein Album von betörendem Wohlklang, der gerade deshalb so beruhigend wirkt, weil er bei aller Harmonie oft krumm und schief daherkommt. Das zweite Stück The Dinner Party zum Beispiel scheint eben das zu sein: Ein gediegenes Beisammensein verschiedenartigster Elemente, die allerdings scheinbar wahllos an denselben Ort gespült versuchen und dort versuchen, irgendwie miteinander klar zu kommen. Ihr Geheimnis: Neugier. Gepaart mit etwas weniger Lärm als beim Debüt vor drei Jahren, dafür mehr Eleganz, mehr Dissonanz, mehr Schönheit der Verwilderung. Fabelhaft!

Charles Howl – My Idol Family (Oh Many Records)

Shopping

Die Achtziger werden wohl niemals alt. Wer sie noch selbst bei Bewusstsein erlebt hat und nun entsprechende Motto-Partys besucht oder einfach nur irgendwo irgendwas von damals auflegt, wundert sich immer wieder, wie inbrünstig selbst die Generation Y das Musikjahrzehnt der Generation Golf feiert. So gesehen müsste das Londoner Trio Shopping eigentlich Teil eines kräftigen Nostalgie-Hypes sein – so, wie ihr Sound den von einst bei den Hörnern packt und durchs Studio treibt. Das – aus wirtschaftlicher Sicht – Problem: die Band orientiert sich nicht am New Wave der mittleren, also populären Achtziger, sondern an dem der Grenze zum assimilierten Punk der späten Siebziger. Das – aus künstlerischer Sicht – Tolle daran: Shopping sind nicht nostalgisch, sondern Shopping.

Denn vom aseptischen Furor her, diesem zappelig kühlen Picking im elektronisch unterfütterten Bassauftrieb, mag Shoppings Post Punk vielfach an Joy Division erinnern an Bauhaus, Talking Heads, ein bisschen Anne Clark. Mehr aber noch klingt das neue, dritte Album The Official Body, als habe man The XX auf Endorphin gesetzt und ein paar Stufen hochgepitcht. Dafür sind besonders die virilen Drums von Andrew Milk verantwortlich, die er rasant, aber hochpräzise unter den nöligen Gesang von Rachel Aggs und ihrer pointierten Gitarre legt. Die Achtziger sind tot. Es leben die Achtziger! Auch wenn es die Siebziger sind und ein wenig die Zehner.

Shopping – The Official Body (FatCat)

 

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