Talkjubel: Schöneberger & Meyer-Burckhardt

Easy, aber niveauvoll

Seit zehn Jahren moderiert Barbara Schöneberger mit Hubertus Meyer-Burckhardt (Foto: NDR) eine Institution: die NDR Talkshow. Zum Jubiläum sprachen die Münchner Glamour-Queen (43) mit eigener Zeitschrift und der 18 Jahre ältere TV-Produzent aus Kassel über wechselnde Gäste bei konstant guter Laune.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schöneberger, Herr Meyer-Burckhardt – was könnten Sie mit Dagobert Lindlau, Wolf Schneider und Hermann Schreiber gemeinsam haben?

Barbara Schöneberger: Dass alle drei lange bei der NDR Talkshow dabei waren. Aber die sind doch eher dein Alter, oder Hubertus?

Hubertus Meyer-Burckhardt: Barbara, bitte. Die sind alle viel älter. Aber tolle Journalisten. Meinten Sie das (lacht)?

Nein, zu dritt haben sie 1979 die Premiere der NDR Talkshow moderiert.

Schöneberger: Ah, gut zu wissen. Ich bin offenbar nicht so gut in der Sendungsgeschichte, aber man darf sich auch nicht zu sehr mit theoretischem Wissen belasten.

Meyer-Burckhardt: Sonst agiert man unfrei. Dagobert Lindlau sagte mal über Talkshows, die Deutschen säßen dabei immer schön aufm Sofa und fragten sich, ob der Moderator dies und das dürfe. Man sollte in unserer Position also wissen, welche Instanz das Publikum ist.

Spüren Sie auch diesen inneren Zensor im Nacken?

Schöneberger: Nein. Aber es gibt beim NDR sogar eine personifizierte Standardfamilie, die wir uns stets vor Augen halten sollen, um zu wissen, wie die Menschen, für die wir das Ganze ja machen, so leben und wohnen und sind. Das ist sehr lehrreich, um nicht am Zuschauer vorbei zu talken und sich nicht zu wiederholen.

Meyer-Burckhardt: Wobei man sich bewusst sein muss, genauso wenig eine neue Talkshow zu machen wie einen neuen Krimi. Es geht nicht darum, wie sehr wir uns unterscheiden, sondern wodurch. Und da bekennen wir uns zur zweiten Silbe des Wortes Talkshow – was uns so manch verdrießlichen Kommentar des Feuilletons einbringt. Wir wollen Leute erreichen, die sich am Freitagabend vom Alltag entpflichtet fühlen, um easy, aber niveauvoll ins Wochenende zu starten. Dafür nehmen wir die Gäste ernst, aber uns nicht zu wichtig.

Schöneberger: Und das unterscheidet uns womöglich von den drei Herren der ersten Stunde. Das war aber auch zu einer Zeit, als die Leute solche Instanzen nicht nur akzeptiert, sondern förmlich gefordert haben. Auch deshalb sind wir eher unterhaltsame als moralische Instanzen. Zumal früher Konflikte förmlich geschürt wurden, es ging immer auch um Konfrontation.

Meyer-Burckhardt: Entsprechend wurden die Gäste geladen. Man könnte über Barbara sagen, sie sei die beste, schönste Entertainerin in der Tradition von Kulenkampff, Gottschalk, Harald Schmidt, so wie ich als Produzent mit die meisten Fernsehpreise gewonnen habe, aber darum geht’s nicht; die Zeit des Personenkults hat mit dem Fernsehen selbst an Relevanz verloren.

Schöneberger: Wir sind schlicht Gastgeber eines Begleitmediums, die sich nette Menschen einladen wie zuhause, nur dass es dort mehr zu essen gäbe.

Ist „nett“ nicht die hübsche Schwester von „scheiße“?

Schöneberger: Also für uns heißt nett, den Menschen, die was zu erzählen haben, eine Atmosphäre zu bieten, die sie zum sprechen bringt. Das ist bei Kamera-Laien besonders wichtig. Aber auch, wenn Til Schweiger auf Promo-Tour für irgendwas tagsüber auf drei Fernsehsofas saß, müssen wir es ihm am Abend gemütlich machen. Wenn ich mir privat Leute einlade, suche ich die auch nicht nach Streitpotenzial aus. Dafür bin ich viel zu harmoniebedürftig.

Auch der Begriff ist tendenziell negativ behaftet.

Schöneberger: Für mich nicht. Harmoniebedürftigkeit erweitert die gute Zeit in meinem Leben – ob beruflich oder privat. Ich mag es, wenn sich alle um mich herum wohlfühlen, das ist meine Natur.

Meyer-Burckhardt: Was unsere Sendung betrifft, bin ich da ganz deiner Meinung. Wir laufen nicht wie Anne Will am Sonntagabend, wo sich die Leute argumentativ aufrüsten für den Kampf der kommenden Woche. Als Unterhaltungsmedium darf man uns lieben oder hassen. Überschätzen sollte man es nicht.

Schöneberger: Dennoch verliert diese Talkshow nie vollständig an Aktualität. Es gibt wirklich viele Formate im Fernsehen, bei denen sich mir der Sinn nicht erschließt; den Geschichten interessanter Leute zuzuhören, davon kann ich nie genug kriegen.

Meyer-Burckhardt: Geschichten, ob fiktional oder real, sind eben der Wesenskern des Fernsehens. In einer Zeit, wo der Umgangston nicht nur an den Brennpunkten wieder rauer wird, ist es doch ein gutes Zeichen, wenn sich verschiedene Typen, Temperamente, Haltungen hier hinsetzen und angenehm miteinander umgehen. Das hat schon fast eine politische Dimension.

Ist die Zielsetzung oder Nebeneffekt?

Schöneberger: Beides. Schon um abwechslungsreich zu sein, sind wir auf der Suche nach Heterogenität. Meine eigene politische Haltung ist mir dabei gar nicht so wichtig.

Meyer-Burckhardt: Doris Dörrie sagte kürzlich zu mir, neue Filmhochschüler schaffe sie erstmal raus aus ihren Milieus. Bildungsbürger ins Hofbräuhaus! Das wollen wir auch, und manchmal spürt man dann fast den Musenkuss auf einer einzelnen Sendung.

Gibt es da ein prägendes Beispiel?

Schöneberger: Immer, wenn aus acht Individualisten wie von Geisterhand eine Gruppe wird, die sich füreinander interessieren, engagieren, die sich für den Abend verantwortlich fühlen.

Meyer-Burckhardt: Nehmen Sie Diane Keaton bei der Goldenen Kamera. Ein Weltstar, der sich mit dieser deutschen Veranstaltung so identifiziert hat, dass alle Einheimischen bei ihrer Danksagen total alt aussehen. Deshalb ist es für jede Sendung hilfreich, wenn ein romanisch-katholisches Temperament dabei ist.

Schöneberger: Rolando Villazón!

Meyer-Burckhardt: Oder Uli Wickert, der seinen eigenen Käse mitbringt. Fantastisch!

Schöneberger: Essen und Trinken hilft sowieso immer.

Haben Sie in zehn Jahren Shows erlebt, bei denen wirklich alles gepasst hat?

Schöneberger: Unsere letzte hab ich stimmungsmäßig gut in Erinnerung. Von Schicksal über Humor und Drama bis hin zur Musik war alles dabei. Auch, weil sich Katrin Sass total quergestellt hat, dabei aber superlustig war. Es braucht Charaktere.

Meyer-Burckhardt: Schließlich schieben wir Individuen zusammen, die sich oftmals erst vor Ort kennenlernen. Das hat im Norden anders als etwa im Rheinland keine allzu große Tradition. Dieser Zusammenkunft haftet oft etwas Oberflächliches an, aber ich selber habe genau so ganz herrliche Abende verbracht.

Gehen Sie beide nach zehn gemeinsamen Talkshow-Jahren nach der Sendung auseinander und treffen sich zwei Wochen zur nächsten wieder?

Schöneberger: Wir sind keine engen Freunde, aber obwohl wir uns zwischen den Shows eher selten sehen, sind wir uns schon sehr nah. Vorige Woche zum Beispiel hast du mir eine liebe SMS geschrieben.

Meyer-Burckhardt: Und du hast sofort zurückgeschrieben! Wir sind aber auch nur die Spitze vom Eisberg der Harmonie, denn die Redaktion ist sich so nah, die hätte vor 30 Jahren eine Kommune eröffnet. Wir sind da Teil einer Familie.

Neigen Sie beide dazu, bei Familienfesten das Gespräch zu moderieren?

Meyer-Burckhardt: Moderieren nicht, aber weil man es als Produzent gewohnt ist, alle Abteilungen miteinander zusammenzuführen, bin ich zumindest immer am reden. Aber gut – falls man keine Freude an der deutschen Sprache hat, sollte man vielleicht einen anderen Beruf ergreifen…

Schöneberger: Ich bin mir viel zu sehr meiner selbst bewusst, um auch privat zu moderieren, achte aber bei mir und anderen darauf, dass der Redeanteil ungefähr gleich ist. Schon weil ich mich fürs Gelingen eines Abends stets mitverantwortlich fühle. Ich neige zur Gestaltung, aber solche Gäste sind mir selbst auch die liebsten.

Meyer-Burckhardt: Du bist halt von deinem immensen Erfolg völlig unbeeindruckt geblieben, liebe Barbara, das schätze ich sehr. Und das bleibt auch so.

Treffen wir uns in 15 Jahren wieder zur Silbernen Hochzeit der NDR-Talkshow?

Schöneberger: Ja!

Meyer-Burckhardt: Mit Ende 70? Ich weiß nicht…

Schöneberger: Komm, dann hak ich dich eben unter.

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