Tocotronic, ********, Tiny Moving Parts

Tocotronic

Es gibt viele Fans von Tocotronic, die den Wechsel der Hamburger Schulschreihälse ins gedeckte Fach des Diskurspop nie verkraftet haben. Spätestens mit dem „Weißen Album“ von 2002 sind Dirk von Lowtzows Ich-Parolen ja einer Wir-Lyrik gewichen, die von introvertierter Klangkunst statt DIY-Geschrubbe begleitet wird. Doch der Stilwechsel war nicht nur radikal, sondern einflussreich, weshalb Tocotronic erneut die Meinungsführerschaft im Underground übernahmen. Um diese zwei Pole zu vereinen, hat der Kopf des zum Quartett gewachsenen Trios nun ein autobiografisches Album verfasst, das die Entwicklung der Band mit seiner eigenen in Deckung bringt.

Anfangs räudig wie die ersten vier Platten, arbeitet sich Die Unendlichkeit in die verstiegene Poesie von heute vor, bis der Sound wie die Fusion aus einst und jetzt, Bauch und Kopf klingt. Wenn 1993 zwischendurch die Ankunft des Freiburgers in Hamburg beschreibt und Unwiederbringlich ein Leben ohne Handy, wirkt der Rückblick dabei fast wehmütig. Mit Nostalgie hat das 12. Album dennoch nichts zu tun. Eher gleicht es einem Glossar der kreativen Potenziale im Spiegel einer Zeit, die aus Tocotronic den Bewegungsmelder deutscher Befindlichkeiten gemacht hat. Und die beste Popband im Land.

Tocotronic – Die Unendlichkeit (Masterworks)

********

Es gibt Bands, die wollen partout nicht zu googeln sein, weshalb sie sich verwechselbar Fotos oder Band oder anderswie nennen, damit die Suche erst 200.000 andere Treffer erbringt als den geplanten. Andere hingegen, die lettischen Metalheads Eximperituserqethhzebibšiptugakkathšulweliarzaxułum zum Beispiel oder ihre Kollegen Paracoccidioidomicosisproctitissarcomucosis aus Mexiko, sind schlicht zu kompliziert betitelt, um eine messbare Aussicht auf richtige Schreibweise zu haben. Und dann gibt es da noch ********, was gar keinen Google-Hit ergibt, aber auch ebenso wenig Sinn wie die angebliche Leerstellen-Übersetzung Underwhelmed. Incognito. Nicetie. Not Even Slightly Suggestive. Macht aber nix. Das Debütalbum des Glasgower Duos ist von so grandioser Unfassbarkeit, dass ein griffiger Name noch viel absurder gewesen wäre.

https://www.youtube.com/channel/UC9-VMgDa8T5SizJXE3pOn8Q

Bis zur Eruption des Raum-Zeit-Kontinuums kryptisch, hat die Künstlerin mit etwas namens Ω im Team, der oder die angeblich unter diversen Pseudonymen Dance Music veröffentlicht hat, ein Werk aufgenommen, das der Projektbezeichnung gemäß mit Musik nur halbwegs korrekt beschrieben wäre – und dennoch eines von herausragender Größe ist. Zwölf Stücke lang torpediert [The Drink] so inbrünstig sämtliche Soundstrukturen, dass es vor Funken nur so sprüht. Mal bloß dystopisches Grundrauschen wie das Titelstück gleich zu Beginn, mal schnodderiger Alternative-Pop wie das windschiefe Readymade, zwischendurch der pure Spaß an der heiteren Dekonstruktion wie die saxofonzersägte Dada-Lyrik von Kinderpunsch – dieses Album ist ein Wunderwerk des Nihilismus, von dem man kaum genug kriegen kann, bis die Besinnungslosigkeit eintritt. Und die kommt. Freut euch drauf!

******** – [The Drink] (Domino Records)

Tiny Moving Parts

Die Zeit, als sich der Punkrock vom ausgestellten Dilettantismus struppiger Fußgängerzonenrevolutionäre emanzipiert hat, sind noch älter als Johnny Rottens Versuch, die Sex Pistols zur Weltmarke zu machen. Schon bald nach dem kurzen Sommer der Dekonstruktion von Hippie und Glamour begannen die Enkel der Sex Pistols ihr Instrumentarium ja erstaunlich versiert zu beherrschen. Weil das Ganze dann meist weder politisch noch musikalisch mit Punkrock zu tun hat, aber dessen Geist zu atmen verspricht, schob man ihm halt ein Post voran, das Negation und Fortentwicklung zugleich symbolisiert. Ein doppelter Etikettenschwindel, ohne Frage – selbst wenn man Punk irgendwann durch Hardcore ersetzt hat und seinerseits mit Postpunk versehen hat. Wie schön dieses Blabla-Kombinations-Geschwurbel klingen kann, beweist allerdings eine unscheinbare, aber wirklich wunderbare Band aus Minnesota: Die Tiny Moving Parts.

Das Trio hat gerade sein viertes Album aufgenommen. Und Swell ist so ungefähr das Liebenswerteste, was im Genre der Tausend Namen an Filigranität und Spielfreude möglich ist, ohne die Wurzeln des wütenden Garagenrock zu vergessen. Gemeinsam mit seinen seinen Cousins Matthew und Billy Chevalier zaubert Sänger Dylan Mattheisen vielschichtige Klangbretter aus seiner Gitarre, dass es dem fast schon mythisch verkopften Math-Core nicht fern ist und doch irgendwie räudig bleibt. Sicher, man muss dieses Gute-Laune-Uptempiwechsel-Gewitter mit Geschrei statt Gesang schon mögen; aber auch für Außenstehende zeigt sich auf Swell, wie großartig es klingen kann, wenn man sich harte Gitarrenstile zu Bindestrichungetümen kombiniert!

Tiny Moving Parts – Swell (Big Scary Monster)

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