Fernsehpranger & Cyberpunk

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Januar

Da Aufmerksamkeit die Leitwährung des Medienzeitalters ist, ist Dieter Wedel im deutschen Fernsehfach ihr Krösus. Nur bewirkt der Reichtum an dieser Ressource nicht, dass sein nächster Mehrteiler alle Quotenrekorde bricht, sondern das Ende seiner beispiellosen Karriere. Der Regisseur, so viel lässt sich nach dem nächsten Schwung enthüllter Gewaltexzesse sagen, ist tot. Nicht physisch, aber als öffentliche Person. In diesem Pranger steckt zwar auch der Mangel, einer juristischen Verurteilung durch die soziale vorgegriffen zu haben; aber die Beweislast ist so erdrückend, dass beides gerecht erscheint.

Noch allerdings steht das wirklich große, das reinigende Gewitter aus: Die Enttarnung jener Omertà nämlich, die von Kollegen über Redakteure bis ins öffentlich-rechtliche System hinein alle zum Schweigen gebracht hat über etwas, das viele wussten, aber niemand aussprechen durfte. Konnte. Wollte? Dass dieser Sturm auf lange Sicht über Dieter Wedel allein tobt, ist da so wahrscheinlich wie ein Wechsel von Heidi Klum aus dem Metier zynischer Frauenverachtung zur Emma.

Weil vorher Horst Seehofer Frauenbeauftragter der Grünen würde, klopft die Zuchtmeisterin männlicher Frauenerniedrigungsphantasien in zwei Wochen den Wedels dieser Welt wieder entwürdigtes Frischfleisch mürbe. Die feministische Initiative Pink Stinks hat nun eine kluge wie nötige Kampagne gegen Germany‘s Next Topmodel gestartet. Ein Dutzend Schüler*innen zweier Hamburger Schulen machen per per Video deutlich, was Heidi Klum ist: Ursache und Wirkung, Täterin und Opfer von allem, was in unserer Gesellschaft falsch läuft im Umgang mit ihren Geschlechtsgenossinnen, die sie noch mehr zu verachten scheint als Ebbe auf dem Konto.

Von dem dürfte sich Netflix trotz konstant roter Zahlen bald verabschieden. Allein im Vorjahr legte der Streamingdienst um mehr als 25 Prozent auf weltweit 118 Millionen Abonnenten zu. Der gleichzeitige Umsatz von zwölf Milliarden Dollar deckt zwar längst noch nicht die entstandenen Kosten des hochverschuldeten Unternehmens. Da der Börsenwert dennoch grad die 100 Milliarden geknackt hat, also zehnmal mehr als ProSiebenSat1, sind die Zahlen wohl bald tiefschwarz. Und weil in diesem Jahr mehr ins Programm investiert werden soll als ARD und ZDF insgesamt zur Verfügung steht, dürfte das dem Angebot keinesfalls schaden.

Die Frischwoche

29. Januar – 4. Februar

In dieser Woche zum Beispiel startet dort am Donnerstag ganz großes Fernsehserienkino namens Damnation, wo sich ein falscher Pfarrer während der Großen Depression in eine Kleinstadtgemeine schmuggelt und für ungewohnten Optimismus sorgt. Tags drauf startet die Cyberpunk-Dystopie Altered Carbon aus einem sehr düsteren 24. Jahrhundert. Und auch sonst ist es das neue Fernsehen, das auch neue Maßstäbe setzt. Mit Ryan Murphys zweitem Streich zum Beispiel: Der Fortsetzung seiner Anthologyserie American Crime Story ab Montag auf allen Sky-Kanälen mit Édgar Ramírez, Ricky Martin und Penélope Cruz in der neunteiligen Aufarbeitung vom Mord an Gianni Versace.

Diesen Mix aus kriminalistischer Konvention und experimenteller Ästhetik schafft das Erste allerdings auch mal auf seinem Schnulzenplatz am Freitag: Als Die vermisste Frau engagiert Corinna Harfouch einen Auftragskiller, der sie selbst töten und mit der Lebensversicherung die Firma ihres Mannes retten soll. Der jedoch hat zuvor den gleichen Mörder beauftragt, seine todessehnsüchtige Gattin zu töten, was nicht nur dank Ulrich Matthes zur bizarren Sensation der Woche wird. Unterhaltsamer Irrsinn hat auch im weniger lustigen Film der Reihe Spuren des Bösen (Montag, 20.15 Uhr, ZDF) seinen Auftritt; diesmal in Gestalt von Tobias Moretti, der in Verdacht gerät, sein Kind ermordet zu haben.

Ebenfalls mysteriös sehenswert ist der neunteilige deutsch-belgische Psychothriller Tabula rasa um die Amnesie der dubiosen Mie (Veerle Baetens) ab Mittwoch (23.15 Uhr) auf ZDFneo. Dagegen zum Abgewöhnen: der nächste RTL-Versuch, den Dienstagabend mit deutscher Comedy zu füllen. Beck is back um einen Hausmann (Bert Tischendorf) mit vier Kindern (total aufgeweckt), den die Trennung seiner Frau wieder zum Anwalt macht, ist ab Dienstag um 21.15 Uhr so banal, dass das Dschungelcamp-Finale am Samstag fast außergewöhnlich wird. Bevor es zu den Wiederholungen der Woche kommt, noch ein paar Doku-Tipps: Arte setzt am Mittwoch seinen Holocaust-Schwerpunkt mit vier Sachfilmen von, mit, über, rund um Claude Lanzmann fort. Und zeitgleich zeigt 3sat zwei Reportagen aus Nordkorea, dem Absurdistan des Steinzeit-Stalinismus.

Aus einer Zeit, als dessen Gründer noch im Amt war (1952), stammt Sonntag (18.50 Uhr) an gleicher Stelle die Legende Zwölf Uhr mittags mit Gary Cooper beim Warten darauf, der größte Held des Genres zu werden. Der größte Held romantischer Komödien wurde Hugh Grant in Mike Newells Vier Hochzeiten und ein Todesfall (Donnerstag, 20.15 Uhr, Disney) aus einer Zeit (1993), als Romantic Comedys noch zu Dutzenden die Kinokasse füllten. Aus einer Zeit als der Tatort-Münster noch witzig war, stammt am selben Abend um 20.15 Uhr im WDR die Version Mörderspiele von 2005. Und aus einer Zeit, als die Coen-Brüder noch unbekannt waren (1990), stammt ihr Frühwerk Miller’s Crossing (Samstag, 22.40 Uhr, Servus) um einen Gangster zur Zeit der Prohibition.

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