Audio Dope.Nai Palm.Kat Frankie.Dream Wife

Audio Dope

Namen sind Schall und Rauch. Klaro, “Karl” füllt dem Träger anderes Gepäck in den Rucksack als “Kevin”, aber ob ein DJ sich nun nennt, wie ihm im Pass steht oder irgendwie crazy, hat selten tieferen Sinn, sondern impulsive Ursachen. Paul van Dyk heißt Paul van Dyk und DJ Hell hätte auch als Helmut Josef Geier keinen Metal-Head zum Kochen gebracht. Selbst wenn sich ein Produzent Audio Dope nennt, schürt er kaum Erwartungen an die berauschende Wirkung seiner Musik. Welch ein Irrtum. Selten zuvor wirkte die Konserve eines Live-Acts, der mit einer Reihe Videos zum frischen Shootingstar der Streaming-Plattformen wurde, ähnlich psychedelisch wie das selbstbetitelte Debütalbum von Mischa Nüesch, so heißt er bürgerlich, aus Basel.

Es ist sehr anhaltender, aber völlig ungefährlicher Rausch. Im Downtempo mäandern tiefenentspannte Beats und Samples unter eine Melange aus trippigem HipHop, funkigem Nu-Jazz und einer Art retrofuturistischem Synthiepop hindurch, der kein Zeitalter kennt, nur Augenblicke. Gewiss, wenn man ein Netz-Phänomen ist, lässt sich House-Geschlabber wie das neunzigerdurchtränkte Unconditional offenbar nicht vermeiden. Aber schon der Opener Dawn entschädigt in seiner wunderbaren Lofi-Verträumtheit für spätere Ausrutscher in den Mainstream. Nicht die Neuerfindung des elektronischen Kreises, aber für einen kurzen Moment zumindest seine Neudefinition.

Audio Dope – Audio Dope (Majestic Casual Records)

Kat Frankie

Menschen aus dem englischsprachigen Raum, die nach Berlin ziehen, sind zunächst mal ähnlich bemerkenswert wie Menschen aus dem englischsprachigen Raum, die es bleiben lassen. Über eine davon müssen wir alledings doch kurz mal ein Wort verlieren: Kat Frankie. Geboren in Sidney, lebt sie seit 2004, also einen Großteil ihres bewussten Lebens, in Berlin. Ob die Impulse ihrer musikalischen Karriere nun von dort stammen, sei mal dahingestellt. Aber wer sich ihr viertes Album anhört, kommt nicht umhin zu sagen: Wer so fabelhaften Indiepop kreiert, würde ihn auch auf dem Mars hinriegen.

Bad Behaviour ist ein in seiner Vierlschichtigkeit so mitreiendes Werk alternativen Mashups, als hätten sich Joan Wasser, Kate Nash, Annie Lennox, Amy Whinehouse und Team Dresch zur feminen Supergroup vereinigt. Allein Home: Es ist absolut beispiellos, wie das Mitglied der Live-Band von Olli Schulz da zwischen Wave und Hardrock und Schnulze und Dance und Pop hin und herfegt, dass selbst Gitarrenbretter melodisch wirken. Zehn Tracks für eine Ewigkeit, die uns Männern unmissverständlich zeigt: auch musikalisch werden wir irgendwann einfach nicht mehr gebraucht.

Kat Frankie – Bad Behaviour (Grönland)

Nai Palm

Wititj – ungemein schwer zu verstehen, dieser Titel. Fast so schwer wie sein Inhalt, der nach Popmusik-Kriterien definitiv mehr an Geschrei erinnert als artikulierten Gesang. Wititj – selten zuvor hat der Opener die Messlatte eines Debütalbums demnach noch tiefer gelegt als das erste Stück auf Needle Paw, dem furiosen Solo-Ausritt von Nai Palm. Selten zuvor jedoch lag die Messlatte nach den ersten zwei Minuten einer Platte gleichsam höher als beim kreativen Kopf der australischen R’n’B-Dekonstruierer Hiatus Kaiyote. Über den nordamerikanischen Tribal zum Einstieg nämlich legt sie kaum hörbar und doch prägnant ein Gitarrenriff, das den Tonfall der folgenden 13 Stücke phänomenal vorwegnimmt.

Viele davon stammen von ihrer umjubelten Band, andere von Radiohead, Bowie, Jimi Hendrix, allen ist gemeinsam, dass Nai Palm mit ihrer vielschichtigen Stimme Symphonien des Future Soul macht. Die Harmonien darin wechseln noch öfter als die Motive auf ihrem ganzkörpertätowierten Körper. Das exzellente Picking, der dauernde Hall, die vielen Choräle, eine fast gospelhafte, zugleich poppige Aura machen aus Needle Paw eine Art Anthologie der Wandlungsfähigkeit schwarzer Musik, die nicht an Kraft verliert, nur weil sie von einer Weißen mit Zackengitarre zelebriert wird. Schon jetzt: Der Suchtfaktor des Frühjahrs.

Nai Palm – Needle Paw (Masterworks)

Dream Wife

Die Frage, ob Frauen den Rock und seine Mechanik zerstören müssen, um beides zu erobern, haben Betroffene von Babes in Toyland bis Team Dresch vor bald 30 Jahren leider unbeantwortet gelassen. Tatsache aber ist, dass weiblicher Erfolg im Männerbusiness Pop oft nur von Erfolg gekrönt ist, wenn einige Regeln beachtet werden, etwas Sexappeal zum Beispiel! Damit räumen die Lipstick-Feministinnen Dream Wife auch nicht auf, falls ihr Wasserstoffblond wie der Bandname ironisch gemeint ist; mit ein paar Vorurteilen tun sie es dagegen schon.

Bis heute hält sich der Glaube, abgesehen vom Gesang sei die Frau dem Mann musikalisch unterlegen. Doch so sehr das Trio aus Brighton bei Konzerten und Videodrehs aufs Äußere achtet, so filigran ist ihr fröhlicher Psychowave. Die Melodien von Alice Go etwa begnügen sich nie mit einer Klangfarbe pro Lied. Gemeinsam mit Bassistin Bella Podpadec wechselt sie fröhlich Tempi, Temperament und Stile, ohne durcheinander zu geraten. Und Rakel Mjöll schreddert das Ganze mit hinreißend nöligem Sprechpunk, in dem es auf heitere Art emanzipiert zugeht. Wenn die Isländerin „I am not my body / i’m somebody“ singt, klingt es daher nie verbissen, sondern selbstgewiss und offenherzig. Wie das Debütalbum insgesamt.

Dream Wife – Dream Wife (Lucky Number Music)

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