Sam Vance-Law, Suuns, Isolation Berlin

Sam Vance-Law

Wer schon immer wissen wollte, wie die Editors wohl klingen, wenn ihnen irgendwer einfach mal die verstaubten Vorhänge im Kellerloch aufreißt und zeigt, dass da draußen manchmal doch die Sonne scheint, kriegt jetzt das vielleicht schönste Anschauungsmaterial des Frühjahrs. Sam Vance-Law, ein Songwriter aus dem kanadischen Edmonton, bringt heute sein Debütalbum raus, und schon das Ausmaß zuvor verabreichter Lorbeeren zeigt: hier wächst etwas Großes heran. Aufgewachsen mit Klassik, geschult im Kinderchor, beeinflusst vom zeitgenössischen New New Wave bläst der Wahlberliner den Pop unserer Tage zu einer Grandezza auf, die Pathos durch Bescheidenheit ersetzt und Renditedenken durch Eigensinn.

Weil Sam Vance-Law schwul ist und auch noch gern über dieses richtige Leben im vielfach immer noch feindseligen Umfeld singt, wird Homotopia bereits als homosexuelles Manifest gefeiert. Mehr noch als dieser unbeirrbar zum Ausdruck gebrachte Kampfesmut beeindruckt allerdings, wie er ihn musikalisch begleitet. Ständig durchdringen hoffnungsfrohe Trompeten und Streicher die Poesie. Wenn der Songwriter “I’m a Faggot” singt, tut er es in einem energischen, fast aufgewühlten Tempo. Die Stimme getragen, ihr Ausdruck wuchtig, schwillt der Kammerton dabei ständig zur Orchesterlautstärke an und umgekehrt wieder ab. Das geht ungemein zu Herzen, ab auch in Bauch, Beine, Po, das Gehirn vor allem. Ein Wunderwerk des politisch relevanten Pop. Nicht weniger, eher mehr.

Sam Vance-Law – Homotopia (Caroline)

Suuns

Mehr Fläche, mehr Gitarren, mehr Brett, mehr Rausch, mehr von allem, was Krautrock amerikanischer Prägung zum sehr trägen, aber massereichen Wasserfall musikalischer Impulse macht, haben die Suuns im Repertoire. Bislang. Jetzt nämlich bringt das Quartett aus dem kanadischen Montreal sein neues Album raus, und nicht alles, aber vieles ist anders als auf den drei Platten zuvor. Auch Felt lotet die Atmosphäre neopsychedelischen Art-Punks bis an den Rand des Harmonischen aus. Im Gegensatz zu vorher allerdings ist den meisten der elf Stücke eine unterschwellige Portion LoFi beigemengt. Es scheppert nicht mehr so wie zuletzt noch auf Hold/Still, die Saiten dürfen auch mal schweigen. Dafür wird es elektronischer, bisweilen technoid.

Stücke wie das dadaistische Watch You, Watch Me zum Beispiel klingen wie eine modernisierte Version von Kraftwerk, produziert von Air, eingespielt von The Notwist, extrem kleinteilig, voll verspielter Eskapaden und nostalgischer Spirenzchen, aber gerade darin so Suuns, dass die Wurzeln der Band in jedem Track ein wenig mehr zur Geltung kommen. Bis auf Gitarrist Joseph Yarmush kommen die Mitglieder schließlich allesamt aus dem Jazz und lassen diese Filigranität besonders in den elliptischen Drums permanent durchscheinen. Das ruhigste, das variabelste, nicht das beste, aber noch weniger das schlechteste Album dieser außergewöhnlichen Formation.

Suuns – Feld (Secretly Canadian)

Isolation Berlin

Das Leben der Großstadt scheint ohne die Dreingabe körpereigener und -fremder Substanzen offenbar nur schwer vorstellbar zu sein. Auf ihrem neuen Album pfeifen sich Isolation Berlin jedenfalls andauernd dabei irgendwas Biochemisches rein und nennen es folgerichtig Vergifte dich. Gleich zum Auftakt baut sich die notorisch übellaunige Band „ein Kartenhaus aus Serotonin“, fleht sodann nach Rauschgift, um am Ende zittrig „K-K-K-Kicks“ zu fordern. Glaubt man Sänger Tobi Bamborschke, ist das Leben seiner Großstadt also kein amüsanter Berghain-Exzess, sondern sauer, trist und erschöpfend. Während der Opener noch fast exilwienerischen Esprit versprüht, schreddern David Specht, Max Bauer und Simeon Cöster danach jeden Anflug von Harmonie.

Und zwar in einem derart kakophonischem Missklang, als instrumentierten sie eine Art Anleitung zur Suizidgefahr. Vergifte dich klingt demnach eher wie der schwäbische Noise-Nihilismus der Stuttgarter Schule von Karies bis Die Nerven als nach der sprichwörtlichen Partypartyhauptstadt Berlin-Mitte. Dennoch nimmt das Quartett die äußerst hohe Hürde des Nachfolgerwerks eines gelungenen Debüts mit großer Bravour; musikalisch ist es bis an die Grenze des Erträglichen eigensinnig und kreativ. Man sollte halt bloß seine Antidepressiva zur Hand haben.

Isolation Berlin – Vergifte dich (staatsakt)

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