Yo Billag & Geiseldramen

Die Gebrauchtwoche

27. März – 5. Februar

Alles oder nichts – darum schien es vor der gestrigen Abstimmung über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Schweiz zu gehen. Mit welcher Deutlichkeit die rechtspopulistisch neoliberal marktradikale Forderung „No Billag“ sollte Dreiviertel der teilnehmenden Eidgenossen ebenso wie die schweigende Mehrheit all jener in Europa, denen ein paar Euro mehr in der Tasche weniger wichtig sind als ein wirtschafts- und parteiunabhängiger Rundfunk, davon überzeugen, ihre Hasenfüßigkeit mal aufzugeben. Nur mit etwas mehr Vertrauen in die Vernunft bei deutlich größerem Bekenntnis zum demokratischen Wert einer freien Presse kann man dem zynisch-verlogenen Populismus von Christoph Blocher und Donald Trump, AfD oder FPÖ etwas Substanzielles entgegensetzen. Die Schweizer*innen mit Empathie und Hirn haben das am Sonntag ziemlich wuchtig getan ihre Gegner*innen mit Ego und Hass getan.

Wie wenig der populistische Widerstand dem objektiven Bedarf nach gemeinschaftsfinanzierten Medien inhaltlich entgegenzusetzen hat, zeigten Beatrix von Storch und Georg Kofler am Mittwoch schließlich abermals bei Sandra Maischberger. Andererseits sollten sich etwa ARD und ZDF nicht zu sicher sein, dass seriöses Infotainment mit der Rundfunkgebühr im selben Grab beerdigt würde. Der slowakische Netzreporter Ján Kuciak hat mit seiner Recherche über Mafia-Verstrickungen seiner Regierung zum Beispiel gerade hinlänglich bewiesen, wie journalistisch auch ohne Gebührengelder gearbeitet wird – und dafür sogar mit seinem Leben bezahlt. So bitter das ist: einen mächtigeren Beleg für seine Bedeutung hätten ihm und uns die Auftragskiller gar nicht liefern können.

Trotzdem bleibt das öffentlich-rechtliche Angebot auch weiterhin die tragende Säule der informationellen Grundversorgung. Das belegt gerade wieder der Jugendkanal Funk, auf dem am Dienstag das investigative Rechercheformat STRG_F freigeschaltet wurde, um die Geschichten hinter den Geschichten kenntlich zu machen und nebenbei junge Journalisten zu scouten. Wann die Streaming-Dienste auch in so etwas investieren, statt sündhaft teure Hochglanzserien zu produzieren oder sündhaftteurere Kooperationen wie jetzt die von Sky und Netflix zu finanzieren, bleibt schließlich bislang offen.

Die Frischwoche

27. März – 5. Februar

Und selbst die Platzhirsche vermögen es ja gelegentlich, abseits ihrer (einzig von rechten Hetzern bezweifelten) Nachrichtenkompetenz bedeutungsvolle Fiktion zu erzeugen. Nach der ZDF-Sensation Bad Banks, die heute (22.15 Uhr, ZDF) ins Finale geht, schafft es das Erste Mittwoch und Donnerstag, die Wirklichkeit spielerisch unterhaltsam zu machen. Kilian Riedhofs Zweiteiler Gladbeck inszeniert das berühmte Geiseldrama von 1988 so intensiv, so spannend, als wäre sein Ende nicht hinlänglich bekannt. Verantwortlich dafür ist die einfühlsame Kamera, der kontrapunktische Soundtrack, Holger Karsten Schmidts präzises Porträt exekutiver Zwänge, vor allem aber Sascha Geršak und Alexander Scheer, die den Gangstern Jürgen Rösner und Dieter Degowski eine fast wortlose Physis geben, vor der man förmlich erstarrt.

Bei allem Lob ist aber auch dieser Film einer von Männern mit Männern, die Frauen als Objekte behandeln. Das kann man einem derart dokumentarischen Stoff natürlich schwer vorwerfen, es kennzeichnet aber ein Problem der Branche insgesamt – und macht das Angebot von Arte zum Weltfrauentag am 8. März umso wichtiger. Ab morgen wird dort allabendlich zur besten Sendezeit die weibliche Gleichberechtigung mitsamt der männlichen Reaktion thematisiert. Zum Auftakt geht es um Topmanagerinnen und Abtreibungsgegner. Mittwoch zeigen Spielfilme wie Die unerschütterliche Liebe der… oder Shoes Frauen in aufrechter Abwehrhaltung. Tags drauf erzählt der Vierteiler Nachdem ich ihm begegnet bin eine Art Coming-of-Age-Drama einer scheinbar glücklichen Mutter (Emily Watson), die im Desaster endet. Und der Start ins Wochenende widmet sich erst The Queen of Funk Betty Davis (21.40 Uhr), dann der Jazz-Sängerin Dee Dee Bridgewater beim Konzert in Paris (23.30).

Wieder sehr männlich, aber sehenswert ist die Amazon-Serie The Looming Tower. Ab Freitag spielen Peter Sarsgaard und Jeff Daniels darin zwei Hauptverantwortliche von FBI und CIA im Vorfeld von 9/11, deren Rivalität keinerlei Hinweis darauf gibt, dass beide demselben Staat dienen. Und noch ein Mann im Vordergrund, der zu Lebzeiten allerdings im Hintergrund stand: Harry Dean Stanton. Am Samstag um 23.35 Uhr porträtiert Sophie Huber auf 3sat, unterlegt von dessen eigener Country-Musik, Hollywoods wohl bekanntesten Nebendarsteller. Bei den Wiederholungen der Woche war er jedoch nicht dabei.

In Endstation Schafott von 1973 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) setzt dagegen Jean Gabin alles daran, einen geläuterten Bankräuber (Alain Delon) an den Galgen zu bringen. Das französische Drama Unser Weg ist der beste war vier Jahre später eines der intelligentesten Apelle gegen Homophobie seiner Zeit (Montag, 22.05 Uhr, Arte). Morgen zeigt der WDR Wolfgang Petersens Gaunerkomödie Vier gegen die Bank aus dem gleichen Jahr. Nur der Tatort-Tipp ist neueren Datums. Mit Der Himmel ist ein Platz auf Erden wiederholt der RBB (Montag, 22.15 Uhr) das Debüt von Dagmar Manzel und Fabien Hinrichs als Ermittler-Duo Ringelhahn/Voss 2015.

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