Staubsaugervertreter & Alphatiere

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. März

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Nur Tage, nachdem der frühere Versicherungsvertreter Thomas Ebeling an der Spitze des früheren Fernsehunternehmens ProSiebenSat1 durch den früheren Staubsaugervertreter Max Conze ersetzt wurde, wird der Onlinehandel-Konzern mit Plastikfernsehsparte nun im Deutschen Aktienindex durch einen Kunststoffhersteller namens Covestro ersetzt. Der Höhenflug des Ex-DAX-Konzerns scheint damit vorerst gestoppt, die Wandlung vom medialen Kerngeschäft zum eCommerce hingegen nicht, weshalb man das Programmangebot der zugehörigen TV-Kanäle in Kürze vermutlich vollends ignorieren darf.

Ignoriert hätte man nur allzu gerne auch den Auftritt des schwer reichen, schwerer nationalistischen, schwerst egomanischen Steve Bannon in Zürich. Doch als Donald Trumps gefallener Untergangsprophet dort unlängst vor geladenen Gästen seine Vision vom Königreich der Alphamänner absonderte, applaudierten ihm Menschen mit sehr viel Macht vor der eigenen Haustür. Dass sich der publizistisch tätige Rechtspopulist Roger Köppel, der nicht nur äußerlich an einen SS-Sturmbannführer im hiesigen Historytainment erinnert, mit Bannon gemein machte, war dabei kein Wunder. Aber dass es ihm der gefallene Handelsblatt-Chef Gabor Steingart, der zumindest wie ein fernsehfiktionaler SS-Sturmbannführer heißt, an selber Stelle gleicht… wobei – nein, ist eigentlich jetzt auch nicht sooo überraschend.

Ebenso wenig übrigens wie das Ende der einst weltweit wichtigsten Musikzeitschrift – dem britischen New Muscial Express. Stolze 64 Jahre lang war der wöchentliche NME das Maß aller Pop-Dinge, bevor er 2016 zur kostenlosen Ramschpostille verkam und nun ganz ins Internet abwandert. Ebenso wenig auch wie das Engagement des publicityfröhlichen Barack als Talkhost bei Netflix. Und sowieso ebenso wenig wie die Tatsache, dass partout niemand die Film-Company des skrupellosen Emanzipationsverlierers Harvey Weinstein kaufen will, die nicht nur übel beleumundet, sondern hoch verschuldet ist.

Die Frischwoche

19. – 25. März

Auch der britische Vierteiler Ende einer Legende porträtiert Donnerstag von 20.15 Uhr an auf Arte übrigens am Stück ein solches Alphatier unterm Verdacht des Machtmissbrauchs: Gespielt vom Hagrid der Harry-Potter-Reihe Robbie Coltrane, verliert ein früherer Comedy-Star durch Vergewaltigungsvorwürfe seinen Kultstatus. Und die Drehbuchautorin Annette Hess hat sich interessanterweise bereits zwei Jahre vor #MeToo eine Art deutschen Nachkriegs-Weinstein in die Fortsetzung des ZDF-Dreiteilers Ku’damm 56 geschrieben.

An gleicher Stelle einer Tanzschule der frauenfeindlichen Fünfziger betritt ab Sonntag der windige Filmregisseur Kurt Moser die Szenerie. Ulrich Noethen verleiht ihm dabei einen erschreckend nonchalanten Schmäh, mit der er seine Darstellerinnen sexuell auf die Besetzungscouch nötigt. Wie der Vorgänger (den 3sat Freitag zeigt) ist Ku’damm 59 zwar oft arg kaugummibunt nostalgiebesoffen, skizziert die aasige Frauenverachtung jener angeblich sittsamen Zeit jedoch unverblümter als alles, was fiktional bisher in Deutschland gedreht wurde.

Woran sich hingegen schon viele versucht haben, ist die Königsdisziplin des Infotainments: Late Night. Mit der Ortskennung Berlin hintendran versucht es heute Abend Klaas Heufer-Umlauf. Knapp 60 Minuten pro Woche darf die Allzweckwaffe von Pro7 ab 23 Uhr abzüglich einer gehörigen Ladung Werbung beweisen, ob die Fußstapfen von Harald Schmidt selbst für diesen äußerst talentierten Entertainer nicht doch zu groß sind. Ob das Thema Wohnungsnot zu groß für leichte ZDF-Kost ist, wird man dort erst ab 16. April sehen. Bis dahin beschäftigt sich die Web-Comedy Just Push Abuba auf Youtube mit einer WG, deren Geldsorgen zur Vermietung eines Zimmers an Berlin-Touristen führt – skurrile Begegnungen inklusive. Klingt ulkig, ist in der Realität aber womöglich zu ernst, um in der Fiktion nicht thematisiert zu werden.

Aber gut – Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Zumal die Wirklichkeit sachlich abgebildet schon trist genug ist. Das zeigt heute (23.30 Uhr, ARD) etwa Als das Gewissen geprüft wurde über die Wehrdienstverweigerung der Vorwendezeit. Noch schlimmer steht es um „Russland vor der Wahl“, dem Arte am Dienstag einen Themenabend mit bedrückenden Beiträgen wie Propaganda 3.0 und Moskauer Medienkrieg widmet. Auch Netflix hat eine Dokumentation von tragischer Tiefe im Angebot: Freitag wird in Take Your Pills die epidemische Sucht der USA nach legalen Schmerzmitteln behandelt. Das spielt, wenngleich heiterer, übrigens auch eine Nebenrolle in der amerikanischen Coming-of-Age-Serie On My Block, die – selber Tag, selber Sender – das Großwerden im derben South Central L.A. skizziert.

Ebenfalls an einem ziemlich verlotterten Ort, allerdings in Hamburg, spielt die Wiederholung der Woche namens Soul Kitchen (Mittwoch, 23 Uhr, RBB). Fatih Akins Meisterwerk über eine Party-Location im sozial schwierigen Stadtteil Wilhelmsburg war 2009 nicht weniger als der heiterste Beitrag zum Prekariat des Jahres. Noch schnell ein Schwarzweißtipp: Seilergasse 8 (Montag, 23.05 Uhr, MDR), ein Defa-Giftmordkrimi, der 1960 für DDR-Verhältnisse erstaunlich subversive klang. Und im Tatort (Dienstag, 22 Uhr, NDR) bekam es das Dortmunder Team vor drei Jahren mit der Hydra rechtsradikaler Milieus zu tun.

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