Talkshow-Geplauder & Fünfziger-Feminismus

Die Gebrauchtwoche

12. – 18. März

Es gab mal ein Genre, das so unabänderlich war wie die vulgärsexualisierte Frauenverachtung von Heidi Klum. Bislang. Denn nun kommt da ein scharfgescheitelter Frechdachs aus Lübeck und probt die Revolte: Als Klaas Heufer-Umlauf am Montag erstmals zur Late Night Berlin auf Pro7 lud, platzierte er seine Gesprächspartnerin nämlich zur Linken, statt zur Rechten, wie es das Branchengesetzbuch spätestens seit David Lettermans Zeiten fast zwingend vorschrieb. Gut – Anne Wills Sitzposition war abgesehen vom Moderator auch schon das Eindrucksvollste am Neustart einer brachliegenden Fernseh-Institution. Vom zehnminütigen Standup-Opener übers anschließende Sidekick-Geplauder bis hin zum Talk-Teil mit seiner Kollegin wirkte der Host nämlich spürbar eingepfercht in den Grenzen des Formats.

Sein Beritt ist schließlich die chaotische Improvisation nach Drehbuch – darüber täuschen auch permanent ekstatische Mietfans im Publikum oder der Wir-sind-Helden-Bassist Mark Tavassol in der Studioband nicht hinweg. Trotzdem: Sympathisch ist er ja schon, der Klaas. Und unterhaltsam sowieso. Dafür, unterhaltsam zu sein, überraschend und außergewöhnlich, fabelhaft fotografiert und sensationell gespielt, wunderbar ausgestattet und überhaupt sehenswert von der ersten bis zur letzten Sekunde, hat die Netflix-Serie Dark am Mittwoch sieben Grimme-Preise erhalten und damit immerhin die Hälfte der Sky-Serie Babylon Berlin, aber doppelt so viel wie der TNT-Sechsteiler 4 Blocks, womit praktisch alle Trophäen im Bereich Fiktion an nicht lineare Sender gehen, wenn sie am 13. April in Marl verliehen werden.

Immerhin im Sektor Information sahnen die Öffentlich-Rechtlichen wie gewohnt alles alleine ab. Schließlich sind sie die einzigen, die wirklich glaubhaft Wahrhaftigkeit von Populismus unterscheiden können. Und wollen. Denn auch wenn die EU-Kommission den Begriff „Fake News“ gerade auf Anraten einer Expertenkommission durch „Desinformation“ ersetzen ließ, bedarf es auch künftig zwingend gebührenfinanzierter Kanäle, um im Fernsehen seriös zu informieren. Die kommerzielle Konkurrenz kann dafür halt definitiv besser entertainen.

Die Frischwoche

19. – 25. März

Heute und Mittwoch zeigt das ZDF im 2. und 3. Teil 2 des Fünfzigerjahre-Panoramas Ku’damm 59 zwar, dass es Historytainment mit (toll ausgestattetem) Glamour und (soziokulturellem)Tiefgang kann. Sky aber zeigt ab Sonntag am Beispiel des Auftragskillers Barry von und mit dem Saturday Night Life-Star Bill Hader, der durch Zufall zum Theaterstar wird, wie hinreißend Humor sein kann, wenn man ihn und sich nicht allzu ernst nimmt. Nach demselben Prinzip holt Netflix ab Freitag in Heather Wordhams Teeny-Serie Alexa und Katie das Coming-of-Age-Genre aus seiner Blabla-Ecke und erweitert es um eine krebskranke Schülerin.

Spaß mit Randgruppen kann allerdings auch Arte verbreiten. Donnerstag (21.45 Uhr) läuft dort der französische Dreiteiler Ich liebe euch! am Stück, in dem ein schwules Paar die Fortpflanzung mit seiner lesbischen Mitbewohnerin plant. Eher unfreiwillig komisch könnte dagegen die RTL-Serie Tatverdacht sein, in der zwei Frankfurter Kommissare am fast zeitgleich (22.15 Uhr) zehnmal im Dokumentarstil Verbrecher jagen. Aber das ist natürlich ein Vorurteil. Musikalisch heiter wird es am Mittwoch um 1 Uhr, wenn die Metal-Pioniere Black Sabbath im MDR ihre Abschiedstour vom Vorjahr nachfeiern. Musik kann Netflix allerdings mindestens ebenso gut. Die Doku-Serie The Defiant Ones zeichnet ab Freitag vier Folgen lang die Karriere des Produzenten-Duos Jimmy Iovine und Dr. Dre nach, was den HipHop in seinen Grundfesten erklärt wie selten zuvor.

Die Wiederholungen der Woche fangen diesmal übrigens ausnahmsweise mit einer Erstausstrahlung an. Hannelore Hoger beendet am Samstag im ZDF nach fast einem Vierteljahrhundert ihre Karriere als übellaunige Ermittlerin Bella Block, was in nunmehr 38 Folgen am Drehort Hamburg spürbar selbstreflexiv geworden ist – zumal im Finale nochmals ihre alten Weggefährten Rudolf Kowalski und Devid Striesow Gastauftritte haben. So richtig alt, ein halbes Jahrhundert nämlich, ist dagegen der Sci-Fi-Klassiker Barbarella (Donnerstag, 0.15 Uhr, Arte) mit Jane Fonda als Dada-Weltraumreisende.

Bisschen jünger, ähnlich bizarr, dabei aber erschreckend real: Helmut Dietls Kino-Legende Schtonk von 1991 (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele 5) mit Götz George als Hitlertagebuch-Fälscher in absoluter Bestform. Und zeitgleich bei Servus TV, noch jünger, noch bizarrer, eher am Rande realistisch, aber schon deshalb grandios, weil es von Wes Anderson ist: Darjeeling Limited, die irre Irrfahrt von Adrien Brody, Owen Wilson und Jason Schwartzman durch ein Nostalgie-Indien des Jahres 2007 auf Wiederverbrüderungskurs. Besser geht’s nicht!

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