Stolze, Superorganism, Blunck, Odd Couple

Alex Stolze

Die Geige ist nicht grad ein Standardwerkzeug der elektronischen Musik. Allenfalls als Sample eingefügt oder schlimmer noch: in Teppichform untergeschoben, dient das älteste Instrument der westlichen Klassik meist nur noch zur Garnierung. Und live gespielt wird es außerhalb des Orchestergrabens schon gar nicht mehr. Bei Alex Stolze hingegen ist die Geige absolut zentral. Fünfseitig und selbstgebaut lässt er sie über etwas fließen, in etwas prasseln, durch etwas rauschen, was im digitalen Pop bislang nur selten zu hören war. Schon als Teil des Berliner Trios Bodi Bill ließ Alex Stolze gern Violinenfetzen ins avantgardistische Mashup einfließen. Erstmals auf Solopfaden jedoch hebt er das Accessoire auf ein neues, höheres, hinreißend schönes Niveau.

Atmosphärisch erinnert Outermost Edge dabei an den französischen Dance-Virtuosen Chapelier Fou. Im Kern aber bleibt das Album ganz bei sich selbst. Stücke wie das verträumte Black Drop zum Auftakt, das schwungvolle Alkorhythmus danach oder die vielschichtige, fast poppige Videoauskopplung New arbeiten mit den fünf Saiten seines Instruments, als sei es nicht eines, sondern ein Dutzend. Mal zupft er es wie eine Harfe, mal streicht er wie ein Cello, mal brummelt es wie ein Bass, oft zerhackt es sich selbst in 1000 Teile und rekonstruiert daraus ein kleines Kammerorchester, das die Stimmung der getragenen Vocals darunter senkt oder hebt, je nach Tonart. Musik für den Ohrensessel, aber um drauf herumzuspringen.

Alex Stolze – Outermost Edge (Nonostar)

Superorganism

Pech und Schwefel, Arsch auf Eimer, Ying & Yang – wer mehr zu sein vorgibt als ein loser Zusammenhang mannigfaltiger Individuen mit verschiedenen Instrumenten, verwendet gern Gemeinschaftsattribute auf sich. Familie zum Beispiel, Freundeskreis, Band of Friends oder: Superorganism. Als solchen bezeichnen sich Orono, Emily, Harry, Ruby, Soul, Robert, Tucan und B aus London, und in der Tat: Die acht Freunde aus Großbritannien, Japan, Neuseeland, Südkorea, Australien leben nicht nur im selben Haus, sie kreieren dort auch einen Sound, der ebenso super wie organisch klingt. Das heillose Durcheinander aus Synths und Samples, Drums und Riffs bildet eine Art halbkybernetischen Orchesterpop.

Und er ist von so funkensprühender Natürlichkeit, dass artverwandt kuriose Bands von Bonaparte bis zum isländischen Gagaviruositätsprojekt Retro Stefson verglichen damit fast bodenständig wirken. Selbst, dass der Sound geschlechtertraditionell von den vier Jungs stammt, während die weiblichen Mitbewohner für den vielstimmigen Gesang zuständig sind: geschenkt! Dieses selbstbetitelte Debütalbum macht – besonders im Zusammenspiel mit den halluzinierenden Videos – unbedingt Lust auf eine Einladung zur nächsten WG-Party.

Superorganism – Superorganism (Domino)

Timo Blunck

Der Tod kann durchaus ein Lebenselixier sein. Timo Blunck zum Beispiel, kreativer Kopf des Hamburger NDW-Relikts Die Zimmermänner, stand nach deren Live-Comeback vor gut drei Jahren plötzlich vorm Himmelstor: Kollaps, Darmverschluss, Not-OP. Für einen Mann ab 50 eröffnet das eigentlich nur diese Perspektiven: Weitermachen, Neustart oder Midlife-Crisis. Timo Blunck jedoch hat alle drei zur vierten vereinigt und auf ein Soloalbum gepackt. Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern? orgelt das Repertoire männlicher Überlebensstrategien nämlich mal trotzig, mal weise, hier gockelhaft, dort reflexiv, gelgentlich zotig, oft geschmackvoll durch und liefert damit zwar diverse Gelegenheiten zur Fremdscham.

Im Großen und Ganzen aber ist dieser vollständig allein eingespielte „Yacht-Rock-Porno“, wie ihn Bluncks Stadtmitbewohner Rocko Schamoni augenzwinkernd, zugleich aber höchst respektvoll genannt hat, zum Niederknien prickelnd und gut. Einerseits. Andererseits hinterlässt die Melange aus elektronischem Gossen-Funk und nostalgischem Pianobar-Pop auch abseits saftiger Titel wie Koks und Nutten das Gefühl, Männer werden halt nie so ganz erwachsen und sind sogar stolz aufs Gegenteil. Nur: wenn der zugehörige Sound so elegant ist – eigentlich auch egal.

Timo Blunck – Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern? (Tapete)

Odd Couple

Es muss wirklich toll sein, kompetent und dämlich in einem zu sein, zugleich kindisch und seriös, ebenso irre wie kontrolliert. Das ziemlich junge Odd Couple Tammo Dehm und Jascha Kreft ist all dies und noch viel mehr. Zum Trio angewachsen macht das frühere Paar Landeier von der Nordseeküste am Standort Berlin einen Dadapostpunk, der von so gleißender Verschrobenheit ist, dass man vor jedem einzelnen der neun neuen Stücke des dritten Albums Yada Yada kurz ratlos in sich zusammenfällt, um dann aufzuspringen und herumzuhüpfen wie man noch nie ohne Drogenbeigabe herumgehüpft sein dürfte. Zum dreckig gewaschenen Gitarrenbrett hagelt es schließlich einen Sound, hinter dem die artverwandten Mudhoney klingen wie ein Knabenchor.

Oder besser: als hätten sie sich mit dem Palais Schaumburg gepaart. “Er will mein Geld / aber ich bin blank / das Bier vom Späti frisst ein Loch in mich / die Handy-Rechnung war auch ziemlich hoch “, singen scheinbar alle drei gemeinsam im grandiosen Opener Bokeh 21, fahren mit “der Selektionsvorteil ist klar / ich bin ehrgeizig und aus Stahl” ähnlich aberwitzig fort, und nichts an diesem HipRock ohne Punkt und Komma erweckt je den Anschein der Berechnung. Alles poltert scheinbar wahllos aus der Garage heraus, fortgespült von Bier und Spaß und Spielfreude und allem, was guter Popmusik auch sonst meistens fehlt. Das Album des Jahrtausends, wenn nicht der Neuzeit insgesamt.

Odd Couple – Yada Yada (Cargo Records)

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