Augenrollen & Terrorschiffe

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. März

Es sind gerade die kleinen Dinge, mit denen Krankheit wie Heilung der Mediengesellschaft in einem verdeutlicht werden. Das Augenrollen der Shanghaier Journalistin Liang Xiangyi zum Beispiel, mit dem sie bei einer Pressekonferenz zum chinesischen Volkskongress bildmächtig zum Ausdruck brachte, wie lächerlich die devote Frage einer, nun ja, „Kollegin“ war. Die Beharrlichkeit, mit der aufrechte Blogger in Ermangelung einer freien Presse über die abgekartete Putin-, äh – Präsidentschaftswahl in Russland berichtet haben. Oder auch das Interview mit Mark Zuckerberg, der den Verlust/Verkauf/Verrat von mehr als 50 Millionen Datensätzen seiner Facebook-Kunden drei Tage später wie immer nett lächelnd, aber gewohnt unverbindlich bereut hat.

Jetzt also, beteuert die mächtigste und reichste Datenkrake der Welt mit seinem arglosesten Dackelblick, werde alles besser, also auch Hassposts jeder Art der Garaus gemacht und überhaupt die Erde ein besserer Ort dank Magic Mark und seiner Plattform, die doch für alle nur das Beste will, den Weltfrieden, globale Glückseligkeit, das Ende aller Gewalt und kostenlos Gummibärchen für alle. Weil Facebook für all dies aber wohl noch ein paar Wochen benötigt, trösten wir uns für den Moment mit dem kalendarischen Frühlingsanfang, der in den Wettervorhersagen noch nicht so rechten Widerhall findet, aber immerhin schon mal im öffentlich-rechtlichen Restprogramm.

Dort nämlich läuft seit Sonntag nicht mehr Woche für Woche von morgens bis abends Wintersport, Wintersport und nochmals Wintersport, sondern – nun ja, alles andere, was bekanntlich meistens Krimi, Krimi, nochmals Krimi und ein bisschen Traumschiff (ab Sonntag Barbara Wussow als Ersatz der abgeheuerten Heide Keller) ist. Das ZDF hat daher die irre Idee, nach den SOKO von Leipzig über München und Oer-Erkenschwick bis Tasmanien, der erdabgewandten Mondseite und Alpha Centauri am Dienstag um 18 Uhr endlich eine in Hamburg zu eröffnen. Schließlich hat die Hansestadt bislang überhaupt noch keine Fernsehermittler, weshalb man sich zusätzlich was wie ein „Großstadtrevier Hafenkante“ oder so ausdenken könnte, nur so als Vorschlag.

Die Frischwoche

26. März – 1. April

Auch die ARD versucht Mittwoch was total Neues: Ein Historiendrama vom Kriegsende, das ja nun wirklich überhaupt noch nie Teil einer Fernsehfiktion war. Zur Ehrenrettung muss allerdings erwähnt werden, dass Friedemann Fromms Adaption von Oliver Storz‘ Bestseller Die Freibadclique über fünf schwäbische Jungs zwischen Pubertät und Volkssturm schon sehr ordentliche TV-Unterhaltung ist. Und vielleicht findet das Erste dafür ja auch mal ein Thema ohne Nazis. Ist aber auch echt kompliziert. Denn obwohl im Arte-Film Junges Licht (Donnerstag, 22.30 Uhr) niemand mehr SS-Uniform trägt, ist die einfühlsam erzählte Story um ein sexuell erwachendes Kind im Ruhrpott der Sechzigerjahre so vom biederen Zynismus der Tätergeneration geprägt, dass die (auch real liierten) Lina Beckmann und Charly Hübner alle Mühe haben, ihr als Eltern mit humorvoller Leichtigkeit zu begegnen.

Schaffen beide aber sehr gut. Ganz im Gegensatz zu The Terror, was ja schon im Titel schwer spaßbefreit und schwer klingt, aber wirklich gar nichts mit Islamisten oder NSU zu tun hat. Vor 172 Jahren war es der Name eines Schiffes, auf dem der britische Polarforscher James Franklin die damals noch überwiegend vereiste Nordwest-Passage von Europa nach Asien durchfahren wollte. Ein Himmelfahrtskommando, Geschichtskundige wissen das. Produziert von Ridley Scott ist der Zehnteiler ab sofort auf Amazon-Prime dennoch bis zum fatalen Ende ansehnlich und spannend. Was vor allem damit zu tun hat, dass die Kammerspielatmosphäre im ewigen Eis praktisch ohne Effekthascherei und Streicherquark auskommt.

Beides gilt uneingeschränkt auch für Anne Zohra Berrachads umjubelten (aber nicht preisgekrönten) Berlinale-Beitrag 24 Wochen vom Vorjahr, in dem Julia Jentsch und Bjarne Mädel heute auf Arte mit der Nachricht eines schwer geschädigten Kindes im Mutterleib fertig werden müssen. Sie tun das ohne Melodramatik ganz wunderbar! Gewohnt albern, aber doch irgendwie liebenswert stümpern sich die Blockbustaz Eko Fresh und Ferris MC ab morgen (22.35 Uhr) wieder durch ihr prekäres Kifferdasein auf ZDFneo. Und wenn sich RTL fiktional am heiklen #MeToo-Thema vergreift, muss man trotz Torben Liebknecht in der Rolle als vergewaltigungsverdächtiger Familienvater in Das Joshua-Profil am Freitag skeptisch sein, ob das nicht doch nur die Oberfläche ankratzt. Ganz im Gegensatz zu Alan Balls Neuschöpfung Here and Now mit Holly Hunter und Tim Robbins als Eltern adoptierter Kinder aus aller Welt, denen das Fremdsein im eigenen Land peu à peu bewusst wird, ab Mittwoch bei Sky.

Zwei Sachtipps noch: Die Netflix-Reihe Rapture porträtiert zeitgleich HipHop-Stars in sehr sachkundigen Homestories. Und ebenfalls am Freitag kriegt der grandiose Infotainer Michel Abdollahi (Das Nazidorf) zur Geisterstunde die Late-Night-Show Der deutsche Michel beim NDR, die er zum Thema Gentechnik mit Wigald Boning eröffnet. Sehr unterhaltsam! Wie die Wiederholungen der Woche. Zum Beispiel Vernehmung der Zeugen (Montag, 23.05 Uhr, MDR), ein Defa-Film von 1986, der mit einem Mord unter Schülern viel über die DDR im Endstadium aussagt. Weniger schwer, obwohl es darin um zwei Krebskranke geht: Knockin‘ on Heaven’s Door mit den 1997 noch ziemlich jungen Til Schweiger und Jan Josef Liefers beim aberwitzigen Roadtrip ans Meer (Dienstag, 20.15 Uhr, Nitro). Und der Tatort-Tipp führt Fans zurück in die große, stille, bürgerliche Zeit des Formats (1977) wenn Gustl Bayrhammer als Kommissar Veigl (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) unterm Titel Ende der Schonzeit ermittelt.

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