The Terror: Weißer Tod & Mythenmonster

Der weiße Terror

Die fesselnde AMC-Serie The Terror erzählt seit Anfang der Woche auf Amazon Prime die halbwegs wahre Geschichte einer katastrophalen Polarexpedition der entdeckersüchtigen Zeit vor 170 Jahren (Foto: AMC) – mit reichlich Horrorelementen und doch ohne viel allzu Effekthascherei. Das macht den Zehnteiler jeden Dienstag aufs Neue so herausragend.

Von Jan Freitag

Manchmal, zugegeben sehr selten, dann aber umso sehnsüchtiger, wünscht man sich die Vergangenheit zurück. Im Herbst 1846 zum Beispiel hatte der Klimawandel die legendäre Nordwestpassage noch nicht enteist, weshalb Winter weltweit richtige Winter waren, Sommer echte Sommer und die Überlebenschancen der Menschheit auf dickerem Eis gebaut als das, was heutzutage den kanadisch-arktischen Archipel bedeckt. Wer sich seinerzeit jedoch jenes hausgemachte Tauwetter gewünscht hätte, das die Pole jetzt unaufhaltsam zum Schmelzen bringt, war die Besatzung eines Schiffs, dessen Name damals noch nicht für Islamisten, sondern Entdeckergeist stand.

Terror.

So hieß einer der beiden Zweimaster, auf denen die Exkursion des Polarforschers John Franklin vor 172 Jahren im Auftrag seiner Majestät den Pazifik durchs Packeis erreichen sollte. Seit Christoph Columbus war die Abkürzung der Handelsroute Richtung Asien ein europäischer Traum. Für die Besatzungen der HMS Erebus und Terror hingegen wurde er zum Albtraum. Der war zwar schon öfter Inhalt dokumentarischer und literarischer Werke; nun aber wird die berühmte Franklin-Expedition zum Stoff einer fiktionalen TV-Serie. Und auch wenn dessen Ausgang bekannt sein dürfte: Spannender, intelligenter und dabei unterhaltsamer kann man den Hergang dieser nautischen Katastrophe kaum erzählen.

Im Mittelpunkt der zehnstündigen Adaption von Dan Simmons‘ Tatsachenroman „The Terror“ steht dessen Kapitän Francis Crozier. Mit reduzierter Virtuosität macht der Shakespeare-Virtuose Jared Harris (The Crown) daraus das grüblerische Gegenstück zum Schwesterschiffkommandeur James Fitzjames, dem Tobias Menzies (Game of Thrones) seinerseits einen betriebsblinden Optimismus verleiht, der nur vom Reiseleiter Franklin (Ciarán Hinds) noch übertroffen wird. Während Crozier vorm zweiten dreier gnadenlos strenger Polarwinter rät, in sicheres Gewässer abzubiegen, schlägt der fast kindliche Enthusiasmus seiner Kollegen alle Warnungen in den eisigen Wind. Wie David Kajganich und Soo Hugh dieses Gefälle inszenieren, das ist mindestens zwei Seewölfe, drei Schatzinseln und vier Meutereien auf der Bounty entfernt von dem, was im Abenteuermetier zur See üblich ist.

Allenfalls unterlegt vom bedrohlichen Geräuschteppich synthetisch verstärkter Naturgeräusche, verbietet Produzent Ridley Scott sich und seinem Team nämlich alle Effekthascherei. Zur Eindrucksverstärkung bedarf der Überlebenskampf in so lebensfeindlicher Umgebung bedarf schließlich weder Geigenteppiche noch Gewaltorgien geschweige denn telegene Filmgesichter. Und dass bis auf seltene Rückblenden in die Zeit vor der Abreise auch keine Frauen im Cast nötig sind, ist eher der Epoche als Geschlechterklischees geschuldet. Zum Männerformat macht es den Zehnteiler nicht. Im Gegenteil.

Die Erbarmungslosigkeit von klirrender Kälte über ewige Dunkelheit bis hin zur Enge an Bord wird im Auftrag des US-Kabelkanals AMC selten dramatischer dargestellt als es die Umstände erfordern. Wenn 134 Männern im ewigen Dämmerlicht des arktischen Winters acht Monate nur bleiverseuchter Dosenfraß und die Ödnis totaler Untätigkeit vorgesetzt wird, sind Konflikte zwar unausweichlich; es ist allerdings das Verdienst der Shworunner, daraus keinen Actionthriller zu machen. Die Sitten an Bord bleiben abzüglich einiger Ausbrüche selbst dann sehr britisch, wenn die Besatzung auf unerklärliche Weise dezimiert oder die schwule Frohnatur Cornelius Hickey (Adam Nagaitis) für einen Anflug von Renitenz ausgepeitscht wird.

Im Zentrum der 600 Minuten steht daher trotz drastischer, gelegentlich bluttriefender Morde durch unsichtbare Schreckenswesen der regionalen Mythologie kein Horrorkabinett klaustrophobischer Exzesse, sondern die Frage: Warum dringt der Mensch notorisch dorthin vor, wo er nicht hingehört? Und was macht dieser Mensch daraus, sich dessen bewusst zu werden? Eine Antwort von The Terror ist das feine Austarieren von Humanität und Barbarei im Angesicht einer Natur, in der die vermeintliche Krone der Schöpfung bis zur Unkenntlichkeit schrumpft. Die Kamera fängt das besonders dann imposant ein, wenn sie wie so oft himmelwärts fährt und Mensch samt Material im gleißenden Weiß des ewigen Eises verschwinden lässt.

Es ist das Gegenteil opulent kostümierter Zeitsprünge in den Londoner Adel, der die abfahrbereiten Entdecker vor ihrer Abfahrt umjubelt. Denn nur einen Schnitt später schrumpfen die Popstars ihrer Epoche mit jeder Stunde, jedem Tag, jeder Woche, jedem Jahr mehr im eisigen Gefängnis der Arktis zu Opfern ihrer eigenen Zuversicht. „Diese Gegend will uns tot sehen“, sagt Kapitän Francis frühzeitig und dringt auf Umkehr, wofür ihm Kollege Fitzjames verächtlich vorwirft, „er verachtet den Ruhm, sogar den Ruhm eines guten Puddings“. Dass beide Recht haben? Am Ende einer herausragenden Serie, die so viel besser ist als alles, was dazu bislang bekannt war, wird das furchtbar egal sein.

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