The Alienist: Daniel Brühl & Lazlo Kreizler

History für starke Mägen

Wenn der deutsche Weltstar Daniel Brühl ab heute auf Netflix The Alienist ist, sucht sein Nervenarzt Lazlo Kreizler (Foto: Netflix) im menschlichen und stofflichen Morast des New York von 1896 nicht nur einen Kindermörder, sondern sich selbst. Das ist zwar gelegentlich Effekthascherei, aber sehr unterhaltsam und spannend.

Von Jan Freitag

Historytainment ist schon lang nichts mehr für schwache Mägen. Wird die Welt vorm Siegeszug der Menschlichkeit Mitte des vorigen Jahrhunderts verfilmt, starrt das Fernsehbild meist vor Dreck, Gewalt, vor Grauen und Tod, der möglichst grausam eingetreten sein sollte. Auch der feminin gekleidete Stricher im neuen Netfix-Produkt The Alienst wurde daher nicht nur umgebracht, sondern ausgeweidet. Und die Kamera zoomt fast genüsslich durchs leere Loch der kindlichen Augenhöhle ins New York des Jahres 1896, eine Arte Vorhölle der Zivilisation – zumindest in der Fernsehunterhaltung.

Die Bestseller-Verfilmung des belgischen Regisseurs Jakob Verbruggen (Black Mirror) entführt uns demnach an einen Schauplatz, der nur noch im Groschenroman oder ZDF-Melodram romantisch sein darf. Hier jedoch leidet das Fin de Siècle und stinkt, es lärmt und blutet aus jedem Morast, der sich Straße schimpft. Statt Recht herrscht Gewalt, statt Ordnung Korruption. Nach dem Leichenfund arbeitet daher nicht die mafiöse Polizei an der Klärung des Mordes, sondern Lazlo Kreizler. Ein Nervenarzt, der wegen seiner Suche nach dem entfremdeten Geist Wahnsinniger auf Englisch einst „Alienist“ genannt wurde. „Heute würde man ihn als Kriminalpsychologen bezeichnen“, beschreibt der deutsche Weltbürger Daniel Brühl seine bislang größte Rolle auf dem globalen Parkett.

Bald 25 Jahre nach seinem ungelernten Karrierestart in der ARD-Telenovela Verbotene Liebe, dem 2001 der preisgekrönte Durchbruch als schizophrener Student in Das weiße Rauschen folgte, ist das der nächste Schritt zum Superstar. Dabei war der 39-Jährige – geboren in Barcelona, aufgewachsen in Köln, großgeworden in Berlin – schon mit 22 international tätig. Drei Jahre vor Good Bye Lenin (2003) drehte er fürs Teenagerdrama Deeply an der Seite von Kirsten Dunst auf Englisch. Es folgten Geschichtsepen (Salvador), Liebeskomödien (2 Tage in Paris), Actionbombast (The Bourne Ultimatum), bevor ihn sein Fliegerheld in Quentin Tarantinos Inglorious Basterds endgültig nach Hollywood katapultierte, wo er mal mehr (Rush), mal weniger tiefgründiges (Captain America) Popkornentertainment macht und zuletzt im Politthriller Colonia Dignidad glänzte.

Im neuen Kino Serie aber ist The Alienist nochmals eine Stufe bergan – auch weil er weit weniger heroisch ist, als es scheint. Brühls Lazlo Kreizler ist ein zutiefst diffuser, spürbar seelenwunder, äußerst eindringlicher Charakter, dem im Kampf gegen das Böse mit oder ohne Uniform nur zwei Verbündete beistehen: Der Presseillustrator John Moore (Luke Evans) und die Polizeisekretärin Sara Howard (Dakota Fanning), deren Boss kein Geringerer als der spätere US-Präsident Theodore Roosevelt ist und schwer am unaufdringlichen Feminismus der Frau im Männerberuf zu tragen hat. Je tiefer das Trio nun in den bizarren Fall eines Serienkillers eintaucht und je weniger die Staatsmacht dagegen tut, desto mehr wird besonders Brühls Figur vom Beobachter zum Beteiligten.

„Weil er in seinem Leben viel Schmerz erlitten hat“, meint dessen Darsteller, „versteht man besser, warum Kreizler so besessen davon ist, den Killer zu finden“. Diese oft rauschhafte, mitfühlende Verbissenheit spielt Daniel Brühl mit der glaubhaften Arroganz eines Wissenschaftlers, der sich noch vorm Siegeszug von Freuds Psychoanalyse ins Innerste menschlicher Seelen wagt. Was genau ihn antreibt, bleibt zwar wie vielen der Protagonisten knapp unter der Oberfläche; die aber ist von einer Detailverliebtheit, der man gelegentliche Effekthascherei gern nachsieht. Huschende Schatten sind geräuschvoll und Gangsterblicke verschlagen, Tote werden nur nachts exhumiert, wobei es das Tageslicht sowieso nur in die Stadt schafft, wenn es durchs Kellerfenster in die Irrenanstalt dringt, während vor der Tür nicht nur dauermorbide Stimmung, sondern ewig mieses Wetter herrscht.

Gut, das sind nun mal die Regeln des Genres. Und dramaturgisch hat die aufgeblasene Historienästhetik ohnehin Gründe. Im hygienisch-juristisch-sozialen Desaster von „Charité“ über The Knick bis Babylon Berlin darf sich das Publikum anders als bei der vormodernen Wanderhure nämlich seiner eigenen Behaglichkeit versichern; zugleich jedoch erfährt es mit etwas Grusel, wie dünn der zivilisatorische Firnis sein kann, wenn selbst New York nur 122 Jahre zuvor ein solches Höllenloch war. Daniel Brühl bewegt sich darin mit einer Souveränität, die nicht nur am beeindruckenden Englisch des Sprachtalents liegt; es ist seine Aura zwischen wehrhaft und sensibel, nüchtern und zornig, die der „Einkreisung“, wie der Mix aus Jack the Ripper und Gangs of New York hierzulande heißt, ihren Stempel aufdrückt. Ein ziemlich unterhaltsamer. Zumindest für stabile Mägen.

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