Hotel Herzklopfen: Altersliebe & Fremdscham

Im Seniorenzoo

Seit Sonntag (17.55 Uhr) steckt Sat1 zwei Dutzend Senioren ins Hotel Herzklopfen, um sie innerhalb von drei Doppelfolgen möglichst anrührend zu verkuppeln. Im Boom-Genre Flirtshow klingt das nach einer Extraportion Zynismus. Wären da nicht die überraschend eigensinnigen und selbstbestimmten Teilnehmer…

Von Jan Freitag

Fremdscham ist ein lukratives Fernsehgut – erst recht, wenn sie den Desperados der Zivilgesellschaft gilt. Außenseitern bei der Suche nach Anerkennung etwa, Arbeitslosen bei der Suche nach Jobs oder Alleinstehenden bei der Suche nach Nestwärme. Damit selbst untere Zuschauerschichten ab und an ein Gefühl von Erhabenheit haben, verkuppeln Privatsender beziehungsgestörte Menschen ja gern mit Bäuerinnen, Schwiegertöchtern, Traum-, gar Jungfrauen. Kein Wunder, das nun auch solche ins Rampenlicht der Kuppelindustrie geraten, deren Gegner im Kampf mit der Einsamkeit unbesiegbar scheint: Die Zeit.

Deshalb lädt Sat1 ab Sonntag zwei Dutzend Senioren in ein pittoreskes Gasthaus unter den Gipfeln der Schweiz, um ihnen sechs Folgen lang den Weg in die Zweisamkeit zu ebnen. Oder wie es die Dokusoap genannte Realitätssimulation aufgekratzt vom Flatscreen brüllt: für die „Liebe ihres Lebens“, stürzen sich 24 Singles über 60 ins „größte Abenteuer ihres Lebens“ – darunter macht es das kommerzielle Fernsehen auch nicht, falls die Betroffenen jahrzehntelang lang Zeit für weit umfangreichere Risiken und Wagnisse hatten.

Während der ARD-Film Altersglühen das Thema Ende 2014 noch als improvisiertes Speeddating mit Schauspielerin inszeniert hat, simuliert Sat1 die Wirklichkeit altersbedingter Isolation nun also in einer ulkigen Flirtshow. Dafür durchlaufen vom hemdsärmeligen Metzger Gusti bis zum Hansi-Hinterseer-Double Alf, von der aktiven Hamburgerin Astrid bis zur häuslichen Kölnerin Christine je zwölf Frauen und Männer aller Dialekte und Biografien den Unterhaltungsparcours des Beobachtungsfernsehens: Tretrollerrennen, Kostümdisco, Wettbacken – stets unterm Argusblick diverser Kameras und dreier Moderatoren, die jede Regung süffisant kommentieren.

Das klingt – zumal im Soundbrei aus Kirmestechno und Liebesschnulze – so zynisch wie alles, was im kommerziellen Programm unterm Label Real Life firmiert. Schließlich setzt das Plagiat des belgischen Originals die werberelevante Generation 60+ den Reizkollektoren der Erregungsgesellschaft aus. Und das wird selten schmeichelhaft. Als Gastgeber Lutz van der Horst die Gruppe auf grellpink dekoriertem Trecker grölend ins Hotel Herzklopfen fährt, liegt die Messlatte des Niveaus jedenfalls frühzeitig tief. Und sie rutscht auch nicht höher, wenn seine Ko-Moderatoren Sarah Mangione und Daniel Boschmann all die entzweiten Rest-Ager ständig zu Signalen der Paarungsbereitschaft („nun küss euch mal“) auffordern.

Der Fernsehmenschenzoo, er hat also wieder Stoßzeit. Besser: noch immer. Seit RTL die Zugkraft unvermittelbarer Landwirte 2005 aus Österreich importierte, stand besonders die Sendergruppe aus Köln tief im Dreck ausgestellter Bindungsstörungen. Wurden beim Bachelor noch wohlgeformte Modepüppchen frauenverachtet, die in Formaten wie Adam sucht Eva nicht mal mehr Zeit mit Ausziehen verplempern, stellte die Sendergruppe bald Heiratsmarktverlierer von dick bis doof ins Schaufenster ihrer Menschenverachtung. Mal mehr, eher weniger selbstbestimmte Voyeurismusobjekte auf der Jagd nach Geborgenheit zu verhöhnen, zählt seither zum Markenkern der Scripted Reality.

Während die Kopie vom arglosen Herzblatt auf Sat1Gold floppte, sank die Hemmschwelle – vom Pöbel begafft, vom Feuilleton ignoriert – also zügig ab. Wie tief, zeigt Vera int Veen. Vor zwei Jahren lancierte Jan Böhmermann in ihrer Freakshow Schwiegertochter gesucht einen Darsteller mit gespielter Geistesschwäche, die von RTL genüsslich ausgeweidet wurde. Der Aufschrei war groß, die Wirkung weniger. Im Gegenteil. Weil schlechte Werbung allemal besser ist als keine, wird weiter nach unten getreten. „Bauer sucht Frau“ erzielt damit noch immer fünf Millionen Zuschauer. Und so liegt der Verdacht nah, auch im Hotel Herzklopfen gehe es um Fremdscham. Das tut es, ohne Frage. Aber nicht nur.

Die Bewohner zeigen nämlich etwas Ungewöhnliches im Kuppelgenre: Noch weithin unverbildet von der Selbstdarstellungsdiktatur des Internets, sind viele der 24 Gäste glaubhaft authentisch. Wenn ältere Herren beim Balzen ständig zugreifen, wirkt das im Angesicht von #MeToo zwar erschreckend übergriffig. Weil ältere Damen darauf giggelnd entgegnen, vom „starken Mann“ halt gern „erobert werden“ zu wollen, passt das allerdings zu einer Generation, die noch Prügel als Erziehungsmethode kennt und nicht bei Tinder, sondern der Lokalzeitung Anschluss sucht. „Mehr als manche jungen Kandidaten“, meint Moderator van der Horst, „können die Senioren Verantwortung für sich übernehmen“. Wenn er versucht, sie mit Witzen über Langsamkeit und Torschlusspanik aufzuziehen, stellt er demnach meist sich selber bloß. Ansehnlich ist das zwar nur für die passende Alterskohorte. Aber ein Format ohne Zynismus im Billigmetier Flirtshow – das ist ja schon mal was…

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