Intern. Music, Fantasma Goria, Willie Nelson

International Music

Der damals brandneue Musikstil New Wave hatte vor rund 40 Jahren ein besonderes Geschenk fürs deutsche Publikum: Humor ohne Umpftattaa. Gab es ihn im Pop bis dato nur als Schlagerklamauk, gebar NDW abseits einiger Zote plötzlich tiefgründigen Nonsens, der zudem oft virtuos instrumentiert war. Als Beweis reichen ein paar Takte Fee, Ideal, DAF. Bis heute profitiert der Pop hierzulande von dieser Pionierleistung. Darunter eine Band, die ihr Popdasein schon dem Namen nach nicht übertrieben ernst nimmt: International Music. Sie besteht mutmaßlich aus Berliner Exil-Rheinländern oder umgekehrt und macht eine Neo New Wave Welle in deutscher Sprache, die zutiefst gaga ist, aber mit sehr viel Stil.

“Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen”, nölen die Sänger Pedro und Peter auf ihrem Debütalbum Die besten Jahre im emblematischen Stück Cool bleiben und puffert beginnende Fremdscham wie folgt ab: “Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen. Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen”. Unterlegt von einem Schreddersound zwischen Element of Crime, Die Türen, Einstürzende Neubauten und Ja, Panik stopft stopft das Trio so die Selbstoptimierungsgesellschaft in ein buntes Spielplatzförmchen und macht daraus trockenen, aber erfrischenden Sandkuchen fürs Kind im Erwachsenen der Großstadtbohème. Manchmal nervt das, meist erfreut es.

International Music – Die besten Jahre (staatsakt)

Fantasma Goria

Es ist ja nicht so, dass Fantasma Goria den Ball zuvor je flach gehalten hätte. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum war ein Feuerwerk der Bilderstürme. Erfrischend aufgewiegelt und konsternierend durcheinander hat es dem deutschsprachigen HipHop eine Ladung Chaos verpasst, dass mancher Rap-Purist die Zugehörigkeit zum Genre negiert haben mag. Warum also noch eine Schippe Exzentrik drauflegen, könnte man da fragen? Weil es nun mal geht, ließe sich antworten. Weil weniger eben nicht grundsätzlich mehr sein muss. Weil Fantasma Goria eben Fantasmal Goria ist. Und so hat die Hamburgerin Remixe ihrer eigenen Platte initiiert, die sich genüsslich im Dreck des örtlichen Asphaltdschungels wälzen.

Kein Wunder, dass die leicht selbstverliebte Latex-Lady ihr Resultat Safari nennt. Bassfett unterfüttert vom Mannheimer Electro-Virtuosen Hans Nieswandt, wird aus dem irrlichternden Rap vom Herbst ein Kettenkarussell aus Techno, Funk, Psychotrance und Punk, das sich permanent selbst überholt, bis alle Ketten miteinander verknotet sind. Während das poppig verspielte Magnet dabei sogar den Dancefloor loungiger Clubs kurz betritt und Ha Ha auch Teenager zum Mittanzen einlädt, testet das dronige Lied vom Bonig alternative Musikgeschmäcker aus. Nichts für schwache Mägen, alles für den kleinen Exzess zur Nacht.

Fantasma Goria – Fantasma Remix Safari (Fantasmic Productions)

Willie Nelson

Wer ein Album Last Man Standing nennt und sich damit selbst bezeichnet, ist entweder steinalt und entsprechend starrsinnig oder selbstironisch, furchtbar eitel oder realitätsbewusst, verblendet oder einfach alles in einem. Auf Willie Nelson dürfte definitiv letzteres zutreffen. Nach drei Dutzend Platten in vier Jahrzehnten ist das Country-Fossil aus Texas noch immer auf den Beinen, noch immer unterwegs, noch immer im Studio, noch immer so beweglich und wach wie viele seiner Kollegen nicht mal mit der Hälfte seiner 85 Jahre auf dem Buckel. Da darf man sich auf einem Spätwerk schon mal als Aufrechter im Meer der Rückgratlosen bezeichnen. Zumal er es im Titeltrack gleich zu Beginn gar nicht sein will, aber knurrend bereit ist, die Bürde zu tragen.

Spirenzchen macht er dabei keine. Sein Western-Woogie ist wie eh und je ein bisschen funky, aber strukturell wertkonservativ. Nelson, dieses kiffende Relikt eines lang zurückliegenden Culture-Clashs zwischen Erhalt und Aufbruch, Konservatismus und Moderne, ist dank seiner Slide-Guitars und Mundharmonika-Fetzen auch im Rustbelt akzeptabel. Die unversiegbare Ironie im alterslosen Gesang allerdings macht ihn auch an West- und Ostküste hörbar. Ach Willie, falls du irgendwann mal stirbst, was noch ein paar Hundert Jahre dauern dürfte – dann kipp’ bitte tot von der Bühne! Oder wie er er es auf dieser Platte ausdrückt: “A bad breath is better than no breath at all”.

Willie Nelson – Last Man Standing (Sony)

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