Musikpreise & Menschenhandel

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. April

Ach, die Zeiten sind schon fürchterlich. Obwohl die Pressefreiheit nach dem jüngsten Bericht der Reporter ohne Grenzen weltweit unter Druck steht, gilt die Entwicklung in Europa nochmals als besorgniserregender. Kein Wunder – bewegt sich an dessen Ostrand neben Ungarn und Polen doch gerade die Türkei Richtung Diktatur, in der ein angeblich unabhängiges Gericht 14 Journalisten der regierungskritischen Cumhuriyet wegen konstruierter Terrorvorwürfe zu hohen Haftstrafen verurteilt hat. Aber auch Deutschland hat sich zuletzt um einen Rang verschlechtert, weil die Berichterstattung während des G20-Gipfels in Hamburg, durch Hetze im Netz oder das neue BND-Gesetz beeinträchtigt wurde.

In Zeiten wie diesen sorgt es da gelegentlich für etwas Wohlbefinden, wenn es auch mal was Positives zu vermelden gibt. Voilà: Der, hüstel, „Musikpreis“ Echo ist Geschichte. Leider folgen auf gute Nachrichten oft stehenden Fußes schlechte: Den Echo beerbt nämlich ein weiterer, hüstel, „Musikpreis“ vom, hüstel, „Musikverband“ BVMI, dessen letzter Buchstabe für Industrie steht und daher unter Musik auch weiterhin vornehmlich ein Business versteht, keine Herzensangelegenheit.

Und noch eine positive Meldung gab es vor ein paar Tagen: Die wunderbare Journalistin Dunja Hayali darf zu den Wurzeln ihrer Lehrjahre zurückkehren und ab August Das aktuelle Sportstudio im ZDF moderieren. Eine Ikone meinungsgetriebener Politikunterhaltung in einer Ikone des Leibesübungsfernsehens – ihre künftigen Kollegen dürften womöglich über weniger Sendezeit am Samstagabend klagen; dem Publikum erwächst daraus fraglos etwas ungemein Sehenswertes aus sachlicher Ebene.

Die Frischwoche

30. April – 6. Mai

Darin versucht sich ab heute auch die ARD. Unter der Überschrift Was Deutschland bewegt, lotet sie (im Anschluss vertieft bei Frank Plasberg und ab 22.45 Uhr gefolgt von Manuel Möglichs neuem Hardcore-Reportagemagzin Rabiat) sechs Montage lang zur besten Sendezeit all die kleinen und großen die Grausamkeiten unserer Gesellschaft aus von der sozialen Gewalt materieller Ungleichheit bis zur physischen Gewalt gegen Schwächere. Den Auftakt bildet der Kampf um und gegen den Mindestlohn. Das steht natürlich bereits im Kernschatten des Maifeiertags, an dem Arte ab 20.15 Uhr einen Schwerpunkt zum Thema Menschenhandel zeigt, den ausgerechnet der Spaß-Kanal Pro7 um zwei Filme zum Thema Sklaverei ergänzt: Steve McQueens 12 Years a Slave, gefolgt von Quentin Tarantinos Django Unchained.

Das ZDF hingegen verschiebt sein lang angekündigtes Dokudrama Karl Marx mit Mario Adorf in der Titelrolle seltsamerweise auf den Mittwoch. Obwohl – vielleicht ersparen sie dem Tag der Arbeit dieses herzlich missratene Biopic ja aus Rücksicht auf dessen Würde… Die gewährt ihm 3sat den gesamten Feiertag musikalisch. Von Joan Baez um 6.15 Uhr über Maffay, Minogue, Rammstein zwischendurch bis Mötley Crüe tags drauf um 5 Uhr gibt es 24 Stunden lang Pop around the Clock. Und dem setzt Arte tags drauf um 22.35 Uhr mit Sophie Fiennes‘ fast zweistündigem Porträt von Amazing Grace Jones gewissermaßen die Krone auf. Am Freitag dann startet bei Sky die britische Miniserie Save Me. Lennie James, bekannt aus The Walking Dead, sucht darin sechs Teile lang sein vermisstes Kind – was dadurch erschwert wird, dass ihm eine Beteiligung am Verschwinden unterstellt wird.

Sonnabend lässt die ARD mal wieder im Ausland Verbrecher jagen. Wenn Philipp Hochmair ohne Augenlicht, aber mit Wiener Schmäh Blind ermittelt, wird es allerdings weit skurriler, also ansehnlicher als in den üblichen Urlaubsortkrimis der ARD. Am Sonntag muss man indes schon länger aufbleiben, um den Film des Tages im Regelprogramm zu erleben. Die Dokumentation Eskimo Limon begibt sich auf die Spuren der weltweit erfolgreichen Filmreihe Eis am Stiel. Was Regisseur Eric Friedler dabei an Überraschungen zutage fördert, ist allerdings zu unglaublich, um sie zu verraten. Oder wusste irgendwer, dass der 1. Teil vor 40 Jahren im Wettbewerb der Berlinale lief? Eben!

Und weil danach nichts mehr kommen kann, geht es jetzt flugs zu den Wiederholungen der Woche, dafür von denen ein paar mehr. In schwarzweiß das hypnotische Filmabenteuer Der Schamane und die Schlange von 2015 aus Kolumbien (Montag, 22.15 Uhr, Arte) um Europäer in Bann amazonischer Schamanen. An selber Stelle, 20 Jahre älter, ebenso hypnotisch und doch unvergleichbar: Terry Gilliams irre SciFi-Dystopie 12 Monkeys mit Bruce Willis als Zeitreisender in eine zukünftige Vergangenheit (Samstag, 21.45 Uhr). Nochmals elf Jahre älter ist die Mutter aller Kuscheltierhorrorfilme Gremlins (Dienstag, 20.15 Uhr, Kabel1) von 1984.

Noch gar nicht so alt, aber längst legendär: Lars Jessens Mockumentary um die Wiedervereinigung der fiktiven Band Fraktus (Montag, 1.15 Uhr, Arte). Weil es jetzt einen Heimatschutzminister aus Bayern gibt, stehen die Tatort-Tipps ganz im Zeichen der Dialekt-Festwoche im BR: Dienstag laufen ab 20.15 Uhr zwei Siebzigerjahre-Fälle mit Gustl Bayrhammer als Melchior Veigl. Und um zu zeigen, dass die Reihe eher besser als schlechter wurde, zeigt der HR am gleichen Tag um 21.45 Uhr den Frankfurter Fall Weil sie böse sind von 2009 mit Matthias Schweighöfer in seiner letzten seriösen Rolle als dekadenter Snob.

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3 Comments on “Musikpreise & Menschenhandel”

  1. Felix Jung says:

    Optisch war “Blind Ermittelt” überraschend überzeugend. Gerade in der finalen Sequenz zeigt der Regisseur sein Gespür für Asthetik, welche er schon um ganzen Werk andeutet. Da stehen Erblindet mit dunkler Sonnenbrille im von Blaulichtern durchflackerten Raum eines Wiener Altbaus, während zu dumpfen Klängen das Sondereinsatzkommando mit Gewehr und Taschenlampe ausgestattet, in Slo-Mo den Raum stürmt. Bilder und Stimmungen, welche selten in der ARD aufkommen. LG TBC

    • Jan Freitag says:

      Das sehe ich ähnlich, Konventionelle ist allerdings mal wieder die Grundkonstellation zweier grundverschiedener Ermittler, die Fälle ermitteln, bei denen wir auch schon dutzendfach zugesehen haben…

      • Felix Jung says:

        Ich stimme zu. Die Chemie der beiden kommt auch nicht wirklich ins Rollen. Die Blindengags funktionieren zwar sogar teilweise, aber richtige Motivationen warum die beiden zusammen arbeiten bekommt der Zuschauer leider auch nicht wirklich.


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