Yftach Katzur: Eis am Stiel & Segensfluch

Ich habe mich geschämt

1978 wurde der israelische Nachwuchsschauspieler Yftach Katzur mit einem Schlag weltberühmt. Genau 40 Jahre nach dem ersten Teil der Filmreihe Eis am Stiel empfindet er seine Hauptrolle als Teenager Benni zwar eher als Segen. Für viele Kollegen jedoch haben sich die acht Sex-Klamotten jedoch als Fluch erwiesen – wovon Eric Friedlers grandiose Dokumentation “Eskimo Limon” im Ersten erzählt, die noch bis Sonntag in der Mediathek abrufbar ist. 

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Yftach Katzur, als Eric Friedler Sie angerufen hat, um genau 40 Jahre nach Eis am Stiel eine Doku über die Filmreihe zu machen – was war Ihre Reaktion: Oh Gott, bitte nicht?

Yftach Katzur: Nein, nein, nein. Meine Reaktion war sofort: Ja! Die Reihe hat so viele Leben so vieler Menschen so vielfältig beeinflusst, dass ich eigentlich immer auf einen Dokumentarfilmer wie Eric gehofft habe, der das Kapitel aus öffentlich-rechtlicher, nicht kommerzieller Perspektive beendet. Nach so langer Zeit brauchte Eskimo Limon, Eis am Stiel, Lemon Popsicle – wie immer Sie es nennen – einfach einen Abschluss.

Wenn man Ihr feines Lächeln sieht, das Sie die meiste Zeit des Films zeigen, scheinen Sie allerdings vollauf mit sich im Reinen zu sein.

Absolut. Meine Reise mit Eric zu den Ursprüngen dieser Reihe war ja auch eine zu den Wurzeln meines Berufs und mehr noch meiner Persönlichkeit. Sie müssen bedenken: Kurz bevor mich der Regisseur Boaz Davidson zum Star einer weltweit erfolgreichen Filmreihe machte, hatte ich in Peter Shaffers Theaterstück Equus erstmals in meinem Leben auf der Bühne gestanden – der größten im Land. Ich war damals gerade 18 Jahre alt geworden und überwältigt von allem. Zumal mir überhaupt nicht bewusst war, ein Schauspieler zu sein.

Danach schon?

Ja, und zwar für 15 Jahre, in denen ich neben Eis am Stiel auch Shakespeare gespielt habe. Aber mit jedem weiteren Film der Reihe, die ich schon damals überaus kritisch gesehen habe, fragte ich mich mehr, ob das dem entspricht, was ich will. Ich kannte die Welt damals so wenig, wie die Welt Israel kannte. Und plötzlich stand ich im Rampenlicht des internationalen Films, auf der Berlinale, in Hollywood. Für diesen Rummel fehlte mir damals jedes Rüstzeug.

Wie haben Sie es erlangt?

Durch mich selbst, ganz allein. Ich hatte keine Hilfe dabei, in mich hinein zu hören. Deshalb blieb mir gar nichts anderes übrig, als die Sache laufen zu lassen und die Welt kennenzulernen. Es war ein jahrelanger Selbstversuch. Als ich diese Zeit mit Eric nochmals erleben durfte, konnte ich endlich von außen darauf blicken und sah die Dinge fortan klarer. Deshalb das Lächeln während der Dreharbeiten. Ich war wie erleuchtet. Natürlich habe ich auch zuvor im Leben dauernd die Zeit von damals reflektiert, aber der Film war wie der Schlussakt im Theaterstück meines bisherigen Lebens. Mit Eric und mir als Regisseure.

Haben Sie jemals bereut, Eis am Stiel gemacht zu haben?

Ja und nein. Einerseits fühlte ich mich unwohl mit den Botschaften der Filme, die nach dem ersten Teil folgten. Ich habe mich geschämt, weil die Filme einfach sexistisch waren und eine verzerrte Realität der Beziehungen zwischen Männern und Frauen zeigten. Andrerseits war die Filmarbeit die Entdeckung einer neuen Welt für mich, für dich dankbar bin. Also kann ich nicht hundertprozentig sagen, dass ich es bereue.

Einige Ihrer Kollegen schon wie Zachi Noy, der im Film deutlich beklagt, dass er bis heute als „dicker Johnny“ über die Dörfer tingelt.

Mag sein. Mir hat die Reihe ein Geschenk gemacht, nämlich die Möglichkeit, ein Star zu sein. Das ist ein echtes Privileg. Fragen Sie mal junge Menschen, was sie sich vom Leben erhoffen. Da werden einige antworten, berühmt sein zu wollen. Ich war es und hab dadurch Orte gesehen, Leute getroffen, Erfahrungen gemacht, die mir sonst verborgen geblieben wären. Nun, da ich erwachsen bin, würde ich die Erkenntnisse dieser Zeit gerne als Schauspieler anwenden. Aber das Kapitel ist geschlossen. Ich bin jetzt Unternehmer und sehr glücklich damit.

Welche Art Unternehmer?

Zurzeit baue ich eine Immobilienfirma namens Feijoya auf, benannt nach einer sehr speziellen Frucht. Unser Startup entwickelt Methoden, um Häuser zu kaufen und zu verkaufen. Zunächst in Israel, wir würden aber gern auch nach Europa expandieren. Außerdem kreiere ich Business-Strategien.

Mit Schauspielerei hat das wenig zu tun oder?

Na ja, ich nenne es die Kunst des Geschäftemachens, es ist ein kreativer Prozess.

Vermissen Sie das echte Schauspiel da nicht umso mehr?

Jetzt, wo die Dokumentation fertig ist, tue ich das in der Tat. Andererseits mochte ich am Beruf des Schauspielers noch nie, wie sehr er einen zur Passivität verdammt. Man wartet ständig darauf, Teil der Vision eines anderen zu sein. Das ist okay, reicht mir aber nicht mehr. Ich bin jetzt der Regisseur meines eigenen Lebens.

Heißt das, Sie werden nie mehr vor die Kamera treten?

Wenn mir jemand die Möglichkeit gibt, meine Fähigkeiten selbstbewusst einzubringen, würde ich es mit Freuden wieder tun.

Und wenn jemand käme, um den neunten Teil von Eis am Stiel zu drehen, als Sequel 30 Jahre später?

Das kommt darauf an. Es gab immer wieder Gespräche über eine Fortsetzung, aber das hängt von der Geschichte ab, von den Darstellern, vom Konzept. Die Story mit Erwachsenen neu zu denken, könnte durchaus seinen Reiz haben, ich bin da offen für vieles. Aber bislang kam da wenig Konkretes, was dem Alten etwas Neues abgewinnen würde.

Inwiefern hat Jesse, pardon: Yftach von Benni profitiert…

Interessant, dass Sie mich noch als Jesse kennen. Der deutsche Produzent Sam Weinberg fand Yftach seinerzeit offenbar zu sperrig für die Filmplakate, deshalb hat er meinen Namen geändert. Einfach so. Ohne mich zu fragen! Das irritiert mich bis heute.

Wie viel von Benni steckt also in Yftach und umgekehrt?

Viel. Ich habe meinen Preis dafür bezahlt; zum Beispiel, dass viele Menschen mich zu kennen glauben, ohne die geringste Ahnung von mir zu haben. Auch im Geschäft muss ich andauernd über Eis am Stiel reden. Aber sofern ich nicht danach bewertet werde, ist das okay. Denn andererseits habe ich ja sehr profitiert von Benni. Er öffnet mir bis heute Türen, ich muss nur hindurchgehen. Benni hat mir die Chance zu Abenteuern gegeben, die ich ohne ihn nie erlebt hätte. Wichtig ist jedoch, dass er nicht an mir klebt, ich werde durch ihn nicht definiert. Anders als bei ein paar Kollegen wurde er nicht zur Identität, sondern blieb stets nur Teil davon. Zum Glück. Es ist ungeheuer traurig, wenn deine Persönlichkeit von einer einzigen Rolle definiert wird, die auch noch 40 Jahre zurückliegt.

Davon können weit berühmtere Darsteller ein Lied singen. Fragen Sie mal Darsteller von Star Wars

Ganz genau. Ruhm, Aufmerksamkeit, Publikumsliebe macht abhängig, wer ihn einmal probiert hat, kommt schnell nicht mehr davon los. Zum Glück war mir das schon früh bewusst. Auch deshalb bin ich heute ein glücklicher Mensch mit zwei tollen Kindern und einem Beruf, den ich liebe. Auch das bringt mein Lächeln in Erics Film zum Ausdruck.

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