Rückeroberungen & Staatsfeinde

Die Gebrauchtwoche

30. April – 6. Mai

Ach, Jan Böhmermann: Weil sich dein Neo Magazin Royal gerade mit der Guerilla-Aktion Reconquista Internet das Netz von den Trollen, Hatern, Vollidioten zurückholt, ist die Welt zwar noch immer kein besserer Planet als zuvor. Wenn unerschrockene Entertainer wie du allerdings E und U, also Spaß und Politik so verbinden, dass all die Schlafmützen vorm Bildschirm kurz mal aufwachen und vielleicht sogar ihren Arsch aus dem Sessel kriegen, ist der Weg dahin zumindest humorvoll geebnet.

Und damit ist explizit nicht das aberwitzige Arschhochkriegen in Takeshi’s Castle gemeint. Gut 40 Jahre, nachdem sich erstmals ein Rudel schmerzbefreiter Kandidaten auf die japanische Sperrholzburg gestürzt hat, holt Comedy Central das analoge Jump’n’Run-Spiel seit Samstag aus der Mottenkiste des Trashfernsehens und schickt – kommentiert von Oliver Kalkofe – 100 thailändische Kandidaten auf den Parcours der Peinlichkeiten. Das ist in seiner Sinnlosigkeit fast schon wieder lustig, lenkt aber nicht ab von den ernsten Dingen der Medienlandschaft.

Die Freistellung von Gebard Henkes zum Beispiel. Dem hochgeachteten Filmchef des WDR wird sexuelle Belästigung vorgeworfen. Es gab zwar rasch weibliche Solidaritätsadressen an den erfolgreichen Tatort-Koordinator. Die leidvolle Erfahrung mit der diskreditierten Männermedienmachtelite lässt gepaart mit belastenden Aussagen von Charlotte Roche und Nina Petri aber erneut das Schlimmste befürchten. Eher ethisch missbraucht mussten sich 2017 indes die Fans von Max Giesinger fühlen, als – schon wieder – Jan Böhmermann aufdeckte, wie der Pop-Poet sein Publikum verachtet. Doch was ihn moralisch komplett diskreditiert haben sollte, dient dem NDR als Anlass, Giesinger in die ESC-Jury zu berufen.

Die Frischwoche

7. – 13. Mai

Wenn das Erste am Samstag also den Songcontest aus Lissabon mitsamt der – hoffentlich wie immer verregneten – Party von Hamburgs Reeperbahn überträgt, entscheidet ausgerechnet dieser verlogene Schlagerschleimer darüber, welcher Popsulz douze points aus Allemagne kriegt. Da kann man eigentlich nur noch empfehlen, zeitgleich auf 3sat das Zweipersonenstück Die Odyssee vom benachbarten Thalia-Theater zu sehen. Aber gut, macht natürlich fast niemand. Was die Leute wieder massenhaft tun, ist ab morgen Weissensee einzuschalten. Die Saga einer Familie voller Stasi-Opfer und -Täter geht bis Donnerstag in die 4. Staffel. Das ist auch nach dem Mauerfall zwar zusehends öde und berechenbar, aber immer noch sehr versiert inszeniert. Weshalb die Kupfers wohl auch noch die Besiedlung des Mars im 23. Jahrhundert in der ARD erleben werden.

Die parallel gezeigten Filmkonstrukte der Privatkonkurrenz werden da natürlich längst vergessen sein. Aber vergeben? Auf RTL startet um 20.15 Uhr die nächste Heimserie. In Lifelines schlägt sich der Ex-Militärarzt Alex Rohde (Jan Hartmann) zehn Teile lang durch den Alltag einer zivilen Klinik, was sendertypisch vor allem Gelegenheit zu kernig verpackter Gefühlsduselei liefert – und dem Staatsfeind auf Sat1 damit nicht nur atmosphärisch ähnelt. Dort gerät Henning Baum als empathischer Bulle in ein staatlich gelenktes Komplott, was dem Stammpublikum ein paar Verschwörungstheorien in den Fressnapf wirft, ansonsten aber höchstens als Echtzeit-Kompost dient.

Das hat der Film mit der US-Groteske The Interview gemeinsam, die RTL am Donnerstag um 23.45 Uhr erstausstrahlt. Inhaltlich ist das fiktive Treffen zweier Journalisten mit Kim Jong-un kaum der Rede wert. Doch weil es Nordkorea mit einer Reihe realer Cyberattacken verhindern wollte, bekam das harmlose Werk vor vier Jahren globales Gewicht. Dann also doch lieber bewusst irreale Grotesken. Auf Sky spielt der Comedian Bill Hader ab heute nach eigenem Drehbuch unter eigener Regie den Auftragskiller Barry, der sich bei einem Einsatz in Hollywood entschließt Schauspieler zu werden – was sehr unterhaltsam mit seinem alten Beruf kollidiert. Vor den Wiederholungen der Woche aber noch zwei Doku-Tipps: Heute (23.30 Uhr) beleuchtet das Erste Israel, Geburt eines Staates, was nicht nur im Licht des neuen alten Antisemitismus sehenswert ist. Und drei Stunden zuvor zeigt der rustikale Presenter von Wilmsdorff in der gefühlvollen Krebs-Reportage Jenke macht Mut! am Beispiel seiner eigenen Familie, dass auch privates Sachfernsehen zuweilen ohne Pathos auskommt.

Jetzt aber zur Gebrauchtware wie dem Auftakt der SciFi-Trilogie Matrix, mit der die Brüder Wachowski vor 19 Jahren vor allem in technischer Hinsicht Filmgeschichte schrieben (Montag, 20.5 Uhr, Kabel1). Nicht ganz so richtungsweisend, aber fünffach oscarprämiert ist tags drauf (20.15 Uhr, Nitro) Martin Scorceses grandioses Porträt des Flug- und Filmpioniers Howard Hughes von 2004 mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle als Aviator. Am Freitag ab 23.10 Uhr wiederholt RTL2 den Start der Zombie-Serie The Walking Dead von 2010. Und den NDR-Tatort namens Dunkle Zeit (Dienstag, 22 Uhr) mit Anja Kling als Politikerin im rechten Fadenkreuz empfehlen wir hier auch deshalb, weil man Kling beim Zappen zugleich im MDR-Polizeiruf Zerstörte Hoffnung als 27 Jahre jüngere Punkerin sehen kann.

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