Christopher, Doré, Arctic Monkeys, Kontra K

Sean Christopher

Singer/Songwriter, machen wir uns nichts vor, gibt es wie Sülze im Formatradio, und den meisten davon ist ein gewisser Hang zur Meldodramatik mehr zu eigen als ein breites Spektrum abwechslungsreicher Gitarrenriffs. Auch Sean Christopher hat es gern leicht pathetisch im Gesangston. Seine Vocals sind meist getragen, die Melodien schleppen sich vorwiegend im gedämpften Moll durchs Dickicht verletzter Gefühle, alles in allem ist Yonder also kein Debütalbum für die gehobene Feierlaune am sonnigen Frühlingstag. Was aber macht es dann so berückend?

Es ist ein verstiegener Flamenco-Sound, den sein fein kalibriertes Picking gelegentlich in den Regenhimmel seines Herzens schickt. Es sind kakophonische Unwetter, die stille Stücke wie Asphalt schon mal lautstark aufmischen. Hinzu kommt eine Vielzahl kleiner Fluchten vom Alltag eines Pop-Poeten aus dem britischen Bristol, dessen zerkratzer Gesang schon mal – wie in Cherokee – neugierig unterm Ethno indianischer Ureinwohner wühlt oder wuchtigen Indierock ausprobiert. Und das ist allemal ergreifender als manch hyperharmonische Selbstspiegelung seiner Singer/Songwriter-Kollegen.

Sean Christopher – Yonder (Dumont Dumont)

Julien Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Julien Doré – Vous & Moi (Sony)

Arctic Monkeys

Der Ruf nach radikaler Erneuerung ist die wohl größte Bigotterie des Pop. Weder Gäste noch Käufer wollen von einer Band ja etwas anderes als das Bekannte hören. Die Arctic Monkeys waren daher gut beraten, sich auf den Nachfolgern ihres epochalen Debüts kaum zu wandeln oder wie es im PR-Deutsch heißt: erwachsen zu werden. Ihr sechstes Album jedoch offenbart einen Sinneswandel, der auch damit zu tun haben dürfte, dass es von Alex Turner produziert wurde. Nicht nur atmosphärisch erinnert Tranquility Base Hotel & Casino nämlich an dessen Last Shadow Puppets.

Mit großer Eleganz, aber gedrosseltem Tempo reist die Platte zurück in den Cool der frühen Sechziger, als es beim Paartanz noch viel um Anmut im Anzug ging. Selbst den diskoesken Bombast des Vorgängers AM hat der Sänger seiner alten Band zugunsten eines Vintage-Appeals ausgetrieben, der Frank Sinatra näher ist als fünf Jahre zuvor Franz Ferdinand. Ab und an zersägen hochgestimmte, grobverzerrte Gitarren zwar noch die Aura des Cocktailbar. Darüber hinaus aber wird in Tranquility Base Hotel & Casino nicht nur das Outfit der Ex-Garagenrocker aufgebügelt, sondern auch ihr Sound. Lässig, kreativ und energisch ist er noch immer, mitreißend nur selten.

Arctic Monkeys – Tranquility Base Hotel & Casino (Domino)

Hype der Woche

Kontra K

Nein, als vernunftbegabter, feministischer, homophobophober HipHop-Fan wird man nie ganz seinen Frieden machen mit Gangster-Rappern – selbst wenn sie wie Kontra K spürbar die Kurve Richtung Zivilgesellschaft genommen haben. Der dreiviertelkörpertätowierte, vierfüntelkörpergepumpte Berliner hat einfach zu testosterongesättigt gegen Frauen, Schwule und friedliche Konfliktlösungen gereimt, um ihm den Wandel zum Kritiker der eigenen Vergangenheit komplett abzunehmen. Dummerweise aber zählt sein Style zum Besten, was das Genre im Ghetto der Gewalt zu bieten hat. “Ich trag ein dickes Fell unterm letzten Hemd” sind Lines von fast einschüchterner Wahrhaftigkeit. Und falls auf seiner siebten Platte Erde & Knochen (BMG) doch mal das Profilneurosenvokabular von “Fotze” über “Hurensohn” bis “Schlampe” fällt, dann überlässt er das mittlerweile seinen Features wie Fatal, Gzuz, SSIO. Tolles Album. Trotz allem.

 

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