Superhelden & Depridetektive

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Mai

Es glich einer Kulturrevolution: 2017 durfte Netflix gleich zwei Filme nach Cannes schicken. Dem Fernsehkonsumvieh war‘s zwar herzlich egal. Mancher Purist aber zeigte sich entsetzt über die cineastische Adelung des profanen Streamingdienstes. Zumal der Flatscreen für The Meyerowitz-Stories eigentlich viel zu schade ist. Und 2018? Aus Ärger über die Verpflichtung, dass jeder Wettbewerbsfilm vor der TV-Auswertung sichtbar im Kino laufen müsse, hat Netflix-Chef Reed Hastings all seine Kandidaten zurückgezogen. Selbst im Nebenprogramm wollte er nichts laufen lassen.

So!

Puristen dürfte das jedoch so gleichgültig sein wie dem Fernsehkonsumvieh. Während sich erstere im Wohnzimmer höchstens dafür interessieren, dass die famose NDR-Journalistin Anja Reschke für ihren fundierten Meinungsjournalismus mit dem Hans-Joachim-Friedrichs-Preis geehrt wird und dem ARD-Reporter Hajo Seppelt die Einreise zur Fußball-WM in Russland verweigert wurde, sind letztere aber ohnehin nicht so wahnsinnig scharf auf Streaming-Filme. Ihnen geht es um Serien wie die erste dänische Eigenproduktion The Rain, mit der Netflix zurzeit auch außerhalb Europas für Furore sorgt. Was gleichwohl nicht heißt, dass jede Serie derlei Furore auch verdient.

Nehmen wir zum Beispiel Striker Force 7. In der mangaesken Actionreihe des indischen Animationsstudios Graphic India rettet ein supercooler, superstarker, supernetter, supersexy Superheld demnächst die Welt und erinnert dabei superseltsamerweise an den Superstar Cristiano Ronaldo. Was auch damit zu tun haben könnte, dass der Fußballer die Selbstbeweihräucherung koproduziert hat. „Zu den Dingen, die ich in meiner Freizeit gerne mache“, erklärte CR7 bei der Vorstellung des Facebook-Projekts in Los Angeles, gehöre halt auch, „gutes Fernsehen zu schauen“. Na, wenn er damit Serien wie diese gemeint hat, möchte man die anderen doch besser nicht kennenlernen.

Die Frischwoche

14. – 20. Mai

Schwer zu glauben jedenfalls, dass ein Narzisst derart schlichten Gemüts gut vom britischen Krimivierteiler In the Dark unterhalten wird, den das ZDF ab heute um 23.20 Uhr in Doppelfolgen zeigt. Die schwangere Polizistin Helen (MyAnna Buring) steckt darin nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwei Fällen fest, was sehr eindringlich, aber nicht sonderlich aufregend inszeniert ist. Auch die BBC-Serie Strike – ab Donnerstag bei Sky – von der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling mit Tom Burke als kriegsversehrter, verbitterter, aber nicht fatalistischer Privatdetektiv in London ist mangels Glamour wohl nichts für den Sportmilliardär. Ja selbst mit der Mockumentary Der 90-Minuten-Krieg könnte er kaum was anfangen – obwohl es darin sogar um Fußball geht. Wenngleich ohne, dass der Ball rollt.

Die deutsch-israelische Koproduktion fabuliert heute kurz nach Mitternacht im ZDF, den Nahostkonflikt spielerisch auszutragen. Israel vs. Palästina, elf gegen elf, der Sieger kriegt das ganze Land. Klingt irre? Ist es auch! Und dabei extrem unterhaltsam, aber für CR7 womöglich ein bisschen verstiegen. Ein Typ wie Falk dürfte ihm da schon mehr behagen. Falk ist ein Exzentriker, der seine arrogante Selbstverliebtheit im Gerichtssaal auslebt. Und weil diesem Anwalt ein „unkonventionell“ vorangestellt wird, weiß man sofort: er ist es heute zur Primetime im Ersten, wo man derlei Knallchargen noch immer für so ulkig hält, dass sie selbst der aufopferungsvolle Fritz Karl nicht vorm Stahlbad bräsiger Klischee rettet.

Besser ließe sich kaum zu dem TV-Ereignis der Woche überleiten: Die Hochzeit von Harry & Megan. Das ZDF überträgt sie am Samstag von elf Uhr an vier Stunden lang. Was aber noch gar nichts gegen RTL ist. Dort folgen auf die Zeremonie noch Herzchen-Dokus und Schmalz-Reportagen bis – kein Scherz – 3.25 Uhr. Die ARD belässt es dabei, tags drauf um 19.15 Uhr ein Porträt ihres Adels-Beauftragten Rolf Seelmann-Eggebert zu zeigen. Wiedersehen mit Kenia entführt den Mittachtziger nach einem Korrespondentendasein in Dutzenden von Ländern an seine Wurzeln als Reporter – und das ist wirklich, wirklich sehenswert.

Wie auch, unter völlig anderen Vorzeichen, die 37°-Reportage K.o.-getropft, in der morgen um 22.15 Uhr drei Frauen (nach einem Porträt des englischen Brautpaars, versteht sich), von ihrem Filmriss erzählen. Bedrückend. Berückend ist dagegen genau 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle die US-Komödie How to Be Single, eine Art Sex and the City ohne Konsumgeilheit, aber mit Dakota Johnson. Und auch die Wiederholungen der Woche enthalten Filme, die den Mainstream auf kreative Art unterlaufen. Heute um 20.15 Uhr zeigt One The Wrestler, der Mickey Rourke vor zehn Jahren zwar nicht den Oscar, aber enorm viel Respekt eingebracht hat. Und exakt einen Tag später belegt Alexander Paynes Weinliebhaberkomödie Sideways auf Servus, dass Kino zu jener Zeit auch ohne Superhelden und Raumschiffe massentauglich war.

Fehlt noch ein Schwarzweiß-Tipp: Richard Burton als Anti-Bond im Agenten-Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam von 1965 (Freitag, 22.15 Uhr, 3sat). Der Alt-Tatort huldigt am gleichen Tag einem Ermittler, dem gewiss auch Cristiano Ronaldo viel abgewinnen könnte: Nick Bam Tschiller Bäng. In Der große Schmerz (Freitag, 20.15 Uhr, ARD) gab’s 2015 für die halbe Hamburger Unterwelt aufs Maul, während Schweigers Alabasterkörper glänzte. Till und Ron – Brüder im Geiste.

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