H.Schwarz, Tom Wu, Lauren Ward, Pressyes

Henrik Schwarz

Wenn elektronischer Dance auf klassische Orchestermusik trifft oder umgekehrt, hängt das Bild vom Soundtrack per se nicht so ganz schief. Henrik Schwarz aus dem oberschwäbischen Ravensburg, einer der weltweit angesehensten Producer digital erzeugter Klänge, hat sich mit dem womöglich letzten richtigen Rundfunk-Tanzorchester zusammengetan, der niederländischen Big Band Metropol Orkest, und das Ergebnis klingt irgendwie automatisch, als würde auf ihrem Projekt-Debüt ein Film von ungeheurer Wucht vertont, großes Hollywood aus einer Zeit, als noch Heist-Movies gemacht wurden.

Scripted Orkestra ist also richtig fettes Kino. Als säße sie live vor einer mächtigen Leinwand, kippt ihre Bläser-Sektion einen so grandiosen Sound übers digitale Beat-Gespinst von Henrik Schwarz, dass man beim Zuhören sofort im alten Mustang durchs noch ältere Nevada rast, das Verdeck offen, die Haare im Gegenwind. Käsige Vocals wie im eleganten Counter Culture könnte sich das Album zwar schenken. Aber spätestens dann, wenn sich hauchzarte Klarinetten übers klangfeine Xylophon legen, ist das Mash-up aus Pop und Klassik, Funk und Elektro perfekt.

Henrik Schwarz & Metropol Orkest – Scripted Orkestra (7K!)

Tom Wu

Wenn man sich vorstellt, nur mal so, Franz Ferdinand wären keine Salon-Löwen der Hollywoodglampopdisco von heute, sondern noch immer das, was sie zu Beginn ihrer Karriere waren, nämlich konstruktive Glamrockzerstörer, wenn eine Zeitreise in den Übungsraum von Franz Ferdinand demnach möglich wäre, als sie noch nicht so groß und berühmt waren – vielleicht klängen sie wie Tom Wu. Gut, der Schlagzeuger tritt meist solo auf und kommt auch nicht aus Schottland, sondern Bayern. Andererseits schafft er es spielend, Hände und Füße so zu vervielfältigen, dass sein analoger Elektropunk auch auf dem zweiten Album klingt, als sei da eine ganzes Orchester im Studio.

Es ist aber, wie gesagt, nur dieser Tom Wu, der sich auf All You Want zwar gelegentlich von Michi Achers (The Notwist) Trompete oder – da schließt sich der Kreis – dem früheren Franz-Ferdinand-Gitarristen Nick McCarthy unterstützen lässt. Ansonsten aber macht dieses musikalische Koordinationsgenie alles allein – den englischen Gesang, die vogelwilden Drums, das bizarre Synthie-Geflimmer – und mischt es zu einer Art Varieté-Techno, der so voll von sprühender Fantasie und dabei zum Abdrehen tanzbar ist, dass man sich die 75 Euro fürs nächste FF-Konzert leicht schenken kann. Als verschwitztes Kellerclubgewächs der aberwitzigsten Sorte, bringt er selbst Abstellkammern zum Kochen!

Tom Wu – All You Want (Echochamber)

Lauren Ruth Ward

Wer sich zeitgenössischen Pop genauer anhört, dem fällt darin schnell ein chronischer Mangel auf: Dringlichkeit. Oft fehlt ihm jener herzensgetriebene Eifer, der Musik vom Zeitvertreib und schlimmer noch: rein kommerziellem Interesse daran unterscheidet. Lauren Ruth Wards wunderbares Debütalbum Well, Hell als dringlich zu umschreiben, wäre hingegen noch stark untertrieben. Ihr Gesang durchströmt den fiebrigen Sound ringsum wie heißes Wasser. Seit sie 2015 in Los Angeles heimisch wurde, hat die gelernte Friseurin aus Baltimore nach jahrelangem Schlingerkurs in Stil- und Soundfragen offenbar endlich ihre Mitte gefunden – so flatterhaft und entfesselt die auch klingt.

Begleitet von klassischer Bandbesetzung scheppert ihr hippiesker Glamrock mit in einer Innbrunst aus der Box, als ginge es um alles. Immer. Jedes Gefühl in jedem Lied. Gitarre, Bass, Schlagzeug stets am Rand der Ekstase. Die Siebziger auf Hochtouren, als hätte Janis Joplin sie noch erlebt. Das dauernde Tremolo in Wards dunklem Timbre muss man zwar ebenso wie das gelegentliche Pathos in den neun Selbstverortungen zwar schon mögen. Doc wer es tut, erlebt hier das dringlichste Debüt des Plattensommers.

Lauren Ruth Ward – Well, Hell (Weekday Records)

Pressyes

Und als wäre Nostalgie das Postulat des Sommers, der dem Winter gerade ohne Umweg über den Frühling entspringt, suhlt sich auch René Mühlberger genüsslich in den Ausläufern des Flowerpower. Hatte sich der Gitarrist aus Wien mit seiner alten Band Velojet noch strikt am Sound der Sixties orientiert, reist sein Soloprojekt nun ein Jahrzehnt weiter Richtung Gegenwart und landet im teilsynthetischen Progrock der späten 70er. Von dort stammen schließlich auch sämtliche analogen Maschinen und Instrumente, mit denen er On The Run quasi im Alleingang eingespielt hat. Das Ergebnis ist ein fröhlich mäanderndes, lustig fiepsendes, luftig besungenes Potpourri der gut gelaunten Gestrigkeit.

Meist klingt es als träfe Beck die Beach Boys am Düsseldorfer Rheinufer, um dort leicht bekifft in Erinnerungen zu schwelgen, wie nah sich Melancholie und Frohsinn sein können, ohne gleich selbstgefällig zu wirken. Dass die zehn Stücke dann auch noch Namen wie Summertime oder California tragen, wäre dabei ebenso unnötig gewesen wie das ein oder andere Gitarrensolo. Der Summer of Love tanzt hier auch ohne Holzpfahlwinken sehr unterhaltsam im Stroboskoplicht von Disko und Pop weiter.

Pressyes – On The Run (Ink Music)

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