You Are Wanted: Highheels & McGyver

Vin Bond Schweighöfer

In der zweiten Staffel von You Are Wanted kämpft Showrunner Matthias Schweighöfer auf Amazon Prime wieder liebenswert, aber schwer zerschunden fast allein gegen alle und wächst dabei weit über sich hinaus. Das ist wie in der ersten Staffel perfekt inszeniert, ungemein fesselnd, aber gewohnt klischeehaft und schlicht.

Von Jan Freitag

Der Mensch, er wächst bekanntlich an seinen Aufgaben. Lukas Franke zum Beispiel lebt als Manager eines Berliner Hotels zwar im Saus und Braus einer Designervilla mit Designmobiliar und Designehefrau, ansonsten aber recht gewöhnlich: Job, Familie, Freizeit, etwas Alltag, bisschen Spaß – von James Bond unterscheidet den arglosen Mann daher nicht nur der leutselige Dackelblick, sondern alles. Bis er zum Teil eines verwirrend vielschichtigen Komplotts wird und in Echtzeit über sich hinauswächst. Denn auf der Flucht vor BND und NSA, Gangstern und Gangsterjägern hackt Lukas Franke plötzlich die vertracktesten Computerprogramme, befreit sich aus jeder noch so prekären Notlage und haut bisweilen zu, als werde er von Til Schweiger gespielt. Es ist aber nur sein Bruder im Geiste.

Matthias Schweighöfer.

Zum wiederholten Mal gibt Deutschlands beliebtester Antiheld die aufrechte Unschuld vom Großstadtkiez mit Herz und Schnauze und Hang zum kontrollierten Chaos. In der zweiten Staffel von We Are Wanted allerdings kommt mehr noch als in der ersten etwas hinzu, was dem treudoofen Herzensbrecher bislang fremd war: Action um der Action um der Action Willen. Schweighöfer wird sein eigener Bürgerkriegsschauplatz, eine Art Berliner Bruce Bond für die Generation Y. Schon bei der Premiere vor Jahresfrist durfte der Ottonormal-McGyver die Welt quasi im Alleingang gegen Geheimdienste, Digitalterroristen und dem Friendly Fire seiner Verbündeten erretten. Doch jetzt kommt es richtig dicke.

Mit dekorativen Cuts im Gesicht, rast Lukas Franke von Beginn an dem Unglück entgegen. Nach Ansicht der ersten vier Teile wird es – kein Spoiler! – wohl mit einem Cliffhanger enden, der wie im Finale des Vorgängers Zuversicht weckt und Fortsetzungen ermöglicht. Im März 2017 nämlich hatte er den Armeen seiner hochgerüsteten Feinde den Laptop mit der faustischen Software „Burning Man“ entrissen, die ihrem Besitzer zur Weltherrschaft verhelfen könnte. Der nette Lukas indes will doch nur den Weltfrieden und scheint ihn zu Beginn des neuen Sechsteilers sogar gefunden zu haben. Doch nur Sekunden, nachdem er mit seiner Kleinfamilie im Badesee planscht, taucht der unfreiwillige Held beim Waterboarding fieser Folterknechte auf und entkommt ihnen fünf Minuten später gefesselt, betäubt, eingesperrt aus dem Heck eines rasenden Kleinbusses.

Das also ist die Geschwindigkeit, mit der Amazon Prime den globalen Erfolg von You Are Wanted reproduzieren will. Damals stellte die blutleere, aber spannende Hochglanzproduktion einen Abrufrekord des Streamingdienstes auf. Und damit dieser Wert nicht unterlaufen wird, ziehen Brutalität, Tempo und Drama nochmals gehörig an. Schon in der ersten von 300 Minuten also versucht Lukas alten wie neuen Gegnern zu enteilen, wozu seine Frau Hanna (Alexandra Maria Lara) im Kampf um ihr süßes Kind wieder unablässig dreinblickt wie ein verschrecktes Reh. Totgeglaubte wie der undurchsichtige Cop Siebert (Edin Hasanovic) erwachen – wenngleich schwer entstellt – zum Leben. Als seine Kollegin Jansen wirkt Catrin Striebeck hingegen noch ein wenig untoter als vor 14 Monaten. Und in Gestalt der Hackerin Angel (Hannah Hoekstra) oder der Journalistin Nelly (Jessica Schwarz) kriegt sie es mit zwei Femme Fatales wie vom Laufsteg zu tun.

Überhaupt sind die Protagonisten dieser Serie wie ihr Koproduzent, Koregisseur, Koautor und Alleinhauptdarsteller Matthias Schweighöfer selbst dann makellos fotogen, wenn sie zuvor ein paar Stunden lang Dresche von Bösewichtern gekriegt haben, die wie Alexander Radszun als gemeiner BND-Mann im Gestapomantel dann aber schon auch mal hässlich sein dürfen. Womit wir bei der Optik wären. Mit dem alten Kameramann Bernhard Jasper schaffen es die drei neuen Regisseure präzise, Licht und Kulisse mit Ton und Musik in einer herausragenden Ästhetik zu vereinen. Keine Einstellung, kein Schnitt, nicht der kleinste Blutstropfen an Schweighöfers Alabasterkörper bleibt dem Zufall überlassen. Alles ist im Dienste der oberflächlichen Thriller-Story angemessen artifiziell. Zwischen dem Waschbeton der Koolhaas-Architektur und dem Ghettobeton der Plattenbau-Siedlungen gibt es keinen Werkstoff. Hässlichkeit oder Haarausfall existieren in dieser Zweiklassengesellschaft nur situativ. Und bevor selbst Polizistinnen die Highheels gegen Turnschuhe tauschen, brechen sie sich bei der Verfolgungsjagd lieber die Knöchel.

All dies fällt umso mehr auf, als der Inhalt des neuen Autorenstamms von einer derart schlichten Klischeehaftigkeit ist, dass der 142. Teil von The Fast And The Furious verglichen damit dokumentarisch wirkt. Dabei ist das Thema soziokulturell durchaus bedeutsam. Big Data, Internetkriminalität, das zivilisatorische Dilemma technischer Revolutionen, die der Zivilisation in falscher Hand schnell mal ein Ende bereiten – darum geht es bei der permanenter Hatz auf die richtige Hand (Lukas Franke). Dummerweise ist sie seinem Darsteller und Showrunner herzlich egal.

Denn Matthias Schweighöfer geht es ersichtlich um steile Erregungskurven mit billiger Effekthascherei. Die aber ist so versiert inszeniert, dass die Zugriffszahlen wieder enorm sein werden. Freunde anspruchsvollen Fernsehens ist You Are Wanted daher ein beidfüßiger Vin-Diesel-Tritt aufs Großhirn. Für Fans rasanter Action rauscht die zweite Staffel hingegen direkt in den Magen und macht dort spürbar Laune. Wie gut, dass wir als Zuschauer die Wahl haben.

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