Balkausky & Fuhrmann: WM & Tyrannei

10 mit Sternchen

Genau 40 Jahren nach Argentinien, findet die Fußball-WM seit dieser Woche in einer Autokratie mit Tendenz zur Diktatur statt. ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann und sein ARD-Kollege Axel Balkausky erklären im Doppel-Interview, welche Anforderungen das mit sich bringt, was der Sportjournalismus zur Völkerverständigung beiträgt und wie man ein Turnier aus 2000 Kilometern Entfernung moderiert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Balkausky, Herr Fuhrmann – auf einer Skala von 1 bis 10: welche Bedeutung hat eine Fußball-Weltmeisterschaft für Sie im Terminkalender eines Lebensjahres?

Thomas Fuhrmann: 10.

Axel Balkausky: 10.

Und daran ändert der Umstand, dass diese WM in einer Autokratie am Rande der Diktatur stattfindet, nichts?

Thomas Fuhrmann: Nein, im Gegenteil. Die Tatsache, dass die WM für politische Zwecke eingespannt werden könnte, macht sie aus meiner journalistischen Sicht nur noch relevanter. Wir sind besonders herausgefordert. Also eher 10 mit Sternchen.

Axel Balkausky: Genau aus dem Grund liegt mein eigenes Interesse an dieser Veranstaltung mehr denn je am obersten Rand jeder Skala – egal, ob sie bis 10 oder 100 geht. Und sportlich ist die WM in Russland nach den Olympischen Winterspielen von Pjöngjang ohnehin das mit Abstand wichtigste Ereignis 2018.

Fuhrmann: Gerade weil diese Weltmeisterschaft auch in politisch so brisanten Zeiten und im Rahmen einer globalen Krise stattfindet, empfinde ich ihre Bedeutung als besonders hoch, was meine Vorfreude und Aufmerksamkeit noch weiter steigert.

Heißt das, durch die politische Komponente gewinnt der Sport auch journalistisch an Bedeutung hinzu?

Fuhrmann: Ein solches Großereignis ist grundsätzlich ein inhaltlicher Leuchtturm, der auf alle anderen Programmpunkte abstrahlt. Dankder Strahlkraft der WM haben wir die Möglichkeit, viele Zuschauer für ein Thema zu gewinnen, die sich ansonsten möglicherweise nicht für Russland interessieren würden.

Balkausky: Umgekehrt wecken wir aber auch das Interesse rein politisch interessierter Menschen fürs Sportereignis. 20 oder 25 Millionen, Richtung Finale sogar noch mehr Zuschauer vorm Bildschirm zu versammeln, das geht nun mal nur noch mit Fußball.

Fuhrmann: Anders als für ein kommerzielles Unternehmen, dient unser Geschäftsmodell der Berichterstattung, aber nicht der größtmöglichen Renditemaximierung. Gerade deshalb ist es wirklich gut investiertes Geld, dem Publikum mithilfe des Sports andere Länder, Systeme, Gesellschaften nahe zu bringen. Schon weil der Fußball im Zuge der Vergiftung des Doppelspions Sergej Skripal und seiner Tochter aktuell Gefahr läuft, politisch instrumentalisiert zu werden, können wir als Sportjournalisten nicht einfach sagen, wir sind für Spiele und Spieler zuständig, alles andere wird an die Politikredaktionen delegiert.

Ist es aus Ihrer Sicht geradezu Aufgabe, wenn nicht gar Verpflichtung von Sportjournalisten, die Aufmerksamkeit des Publikums an den Begleitumständen des Sports zu wecken?

Balkausky: Ach, Sport und Politik lassen sich doch schon lange nicht mehr so scharf trennen, vielleicht war das sogar nie vollends möglich. Je mehr beides wie jetzt gerade durch Doping, Korruption oder die Austragungsorte ineinander verschwimmt, müssen die Reporter vor Ort darauf natürlich eingehen. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass Sportreporter zunächst mal dazu da sind, über den Sport zu berichten.

Fuhrmann: Und wir wollen unseren Kommentatoren auch ganz gewiss nicht die Freude am Spiel, ihre Begeisterung dafür nehmen, aber darüber geht ihre Arbeit halt immer mehr hinaus.

Balkausky: Was allerdings zunehmend ein Spagat ist. Bei Sportjournalisten kommt schließlich erschwerend hinzu, dass sie gern als Fans mit Mikrofon betrachtet werden.

Fuhrmann: Weil bei diesem Turnier nochmals mehr als je zuvor weit übers Ergebnis und dessen Zustandekommen hinaus berichtet werden wird, sind wir diesbezüglich gut beraten, uns die Olympischen Winterspiele von Sotschi ins Gedächtnis zu rufen: Eine perfekte Inszenierung der Spiele und unmittelbar darauf die Annektierung der Krim. Die klassische Ressorttrennung ist also aufgehoben. Schon lange.

Aber wird diese Ressorttrennung nicht dennoch insofern weiter eingehalten, als die Berichterstattung übers politische Randgeschehen eher in den politischen Magazinen zwischen den Fußballspielen stattfindet, wie es zuletzt oft der Fall war?

Fuhrmann: Natürlich erwarten die Zuschauer im Zweiten erstmal, dass wir ein Fußballspiel professionell und kompetent übertragen. Sie wollen vom Kommentator vor allem erfahren, was da gerade wieso auf dem Platz passiert, nicht das Drumherum – und zwar völlig unabhängig davon, ob da Marokko spielt, Brasilien oder Deutschland.

Balkausky: Das ist bei unseren Zuschauern nicht anders. Unsere Reporter sind in einem Land wie Russland gewiss ganz anders gefordert als zuhause, aber das ist situationsabhängig. Am Ende bleibt das Spiel immer noch das Spiel.

Fuhrmann: Und keine Sorge – wir werden auch jenseits der politischen Magazine ausreichend übers Umfeld berichten. Genau dafür hat das ZDF für die Dauer des Turniers den Kollegen Andreas Kynast aus dem Hauptstadtstudio ausgeliehen, um Land und Leute vorzustellen. Ein exzellenter Russland-Kenner, kein Fußball-Experte, der dem Publikum Orientierungspunkte fürs Verständnis des Landes liefern wird.

Haben Sie andersrum manchmal das Gefühl, die klassischen Sportfans fühlen sich von dieser Art ganzheitlicher Berichterstattung ein wenig infiltriert?

Fuhrmann: Diesem Vorwurf setze ich mich gerne aus. Gerade von Ihnen, also der Presse, kriegen wir ja eigentlich immer eher das genaue Gegenteil vermittelt: Wir seien eindimensional interessierte Sportfreaks, denen der Rest der Welt herzlich egal sei, solange der Ball rollt, und machen uns schlimmstenfalls auch noch mit den Protagonisten unserer Berichterstattung gemein.

Balkausky: Dennoch gibt es gewiss auch beim Publikum unterschiedliche Auffassung darüber, wie viel Politik der Sport verträgt. Einige goutieren die Aufklärung der Dopingskandale, andere wollen davon unbehelligt bleiben. Unsere Aufgabe ist es, fast eine Kunst, kein Informationsbedürfnis unbefriedigt zu lassen, auch wenn man dabei nicht den Geschmack aller treffen kann.

Sprechen sich Ihre Sender dabei auch inhaltlich ab oder bleibt es bei der technischen Kooperation?

Fuhrmann: Wir reden viel miteinander, sind also in ständigem Austausch. Zugleich allerdings befinden sich ARD und ZDF in einem fairen, gesunden Wettbewerb ums beste Programmangebot, das unsere Kommentatoren, Moderatoren und Experten auf journalistisch eigenständige, möglichst hochwertige Art und Weise machen wollen.

Balkausky: Und da wir diesmal so eng zusammenarbeiten wie nie zuvor, gewinnt die redaktionelle Eigenständigkeit sogar nochmals an Bedeutung. Der Ehrgeiz, exklusiv zu berichten, bleibt trotz unserer technischen Kooperation völlig ungemindert. Dennoch stellen wir exklusives Material der ARD nach unserer Berichterstattung gern zur Verfügung, so wie es das ZDF umgekehrt auch täte.

Fuhrmann: Umso wichtiger ist es, Technik und Knowhow zu teilen. Nur so bleibt genügend Freiraum, inhaltlich Akzente zu setzen. Gerade, was die gemeinsame Infrastruktur betrifft, ist das Turnier in Russland ein echter Quantensprung.

Worin zeigt der sich genau?

Fuhrmann: Darin, was in unserem Jargon centralized production genannt wird. Im gemeinsamen Landesstudio des SWR in Baden-Baden poolen wir in einem Ausmaß Equipment, das hat es zuvor noch nie gegeben. Beide Sender haben ihre Stärken, wobei wir in der Aufgabenteilung von ARD und ZDF seit vielen Großereignissen für das internationale Fernsehzentrum zuständig sind, da ist unsere Expertise einfach größer. Es findet ein enormer Wissenstransfer statt.

Balkausky: Der bis tief ins Personal reicht. Alle Techniker arbeiten auch für den jeweils anderen Sender, da geht es überhaupt nicht mehr um Zugehörigkeit, sondern einzig und allein um die Effizienz.

Kann man die Personaleinsparung beziffern?

Balkausky: Für den Aufbau des Sendezentrums in Baden-Baden brauchen wir zunächst sogar mehr Leute. Weil wir während des Turniers allerdings mit weit weniger Personal vor Ort in Russland sind als vor vier Jahren in Brasilien, dürfte die Einsparung insgesamt bei 25 bis 30 Prozent liegen.

Fuhrmann: Wie viel Personal schon allein dadurch eingespart wird, dass das ZDF kein komplettes Team vor Ort hat, ist noch nicht genau abzusehen. Finanziell jedoch spart jede Anstalt nach der bisherigen Kalkulation einen deutlich siebenstelligen Betrag.

Wirkt sich die räumliche Distanz zwischen Sendezentrum und Austragungsort nicht negativ aufs journalistische Ergebnis aus?

Fuhrmann: Bei der EM 2016 hat unser Duo aus dem Internationalen Fernsehzentrum berichtet und war nicht in den Stadien. Die Stimmung in Paris, in Frankreich haben sie natürlich schon mehr wahrgenommen, als das jetzt der Fall sein wird. Aber bei unseren Kommentaren und Reportern ändert sich nichts; die sind weiter im Land des Gastgebers. Zu einem Teil sind wir aber auch Getriebene der technischen Entwicklung.

Balkausky: Und der Confed-Cup hat voriges Jahr ja gezeigt, wie gut das mittlerweile funktioniert, wie die technischen Möglichkeiten die personellen quasi vor sich hertreiben. Für den Zuschauer ist die Überbrückung solch großer Distanzen jedenfalls kaum spürbar

Fuhrmann:Ich würde mich davor hüten, zu sagen, so machen wir das jetzt immer; die Nähe zum Land, dessen Atmosphäre zu schnuppern, bleibt für alle Beteiligten nach wie vor unersetzlich. Zugleich aber müssen wir uns in Zeiten des Sparzwangs nach der Decke strecken.

Balkausky: Selbst euer Moderator Oliver Welke sagt ja, dass es für einen Großteil seiner Arbeit nicht so wahnsinnig wichtig sei, ob sie nun in einem Medienzentrum am Stadtrand von Moskau stattfindet oder eben in Baden-Württemberg. Umso mehr glaube ich, dass es richtig war, in Brasilien vor Ort zu sein. Die Leidenschaft für Fußball ist dort einfach eine ganz andere, das wirkt sich auch auf die Berichterstattung aus.

Zumal der Gastgeber damals ein absoluter Turnierfavorit war und der diesjährige aller Voraussicht nach bestenfalls die Vorrunde übersteht

Fuhrmann: Das steht zu befürchten.

Drücken Sie Russland bei aller gebotenen Objektivität die Daumen, möglichst weit zu kommen, damit die Stimmung im Land gut bleibt?

Balkausky: Davon abgesehen, dass es auf die gebotene Objektivität keinerlei Einfluss hat, wem ich die Daumen drücke – beim Confed-Cup im vorigen Jahr durften wir erleben, dass die Menschen in Russland extrem gute Gastgeber sind.

Fuhrmann: Und als Südafrika bei der WM 2010 ebenfalls ungewöhnlich früh ausgeschieden ist, war die Stimmung weiterhin grandios. Natürlich ist an Ihrer These etwas dran, dass es sich positiv auf die Stimmung auswirkt, wenn der Gastgeber lange im Turnier bleibt. Aber eine Hammergruppe hat Russland ja jetzt auch nicht gerade erwischt.

Balkausky: Und selbst, wenn Russland früh ausscheidet, glaube ich nicht an den Ausbruch einer kollektiven Depression. Zumal man sich dort ohnehin keiner allzu großen Illusion hingibt, dass es ihr Land allzu weit bringt im Turnier.

Fuhrmann: Ich mag da jetzt Äpfel mit Birnen vergleichen, aber wie Südafrikaner und Brasilianer sind auch die Russen ein fußballverrücktes Volk, das sein Land gewiss auch nach dem Ausscheiden als Schaufenster für die ganze Welt präsentieren will. Denken Sie da nur mal an 2006.

Das sogenannte Sommermärchen in Deutschland.

Fuhrmann: Da hat unser Land in den Augen der Welt auf äußerst positive Art und Weise überrascht. Vor der Heim-WM galten wir als grimmige, kleinkarierte Besserwisser, danach hat man uns plötzlich Frohsinn und Feierlaune attestiert. Das war global betrachtet ein echtes Erweckungserlebnis. Vielleicht könnte diesmal Russland positiv am Image basteln.

Balkausky: Selbst wenn es nicht den 3. Platz erreicht.

Also nochmals auf einer Skala von 1 bis 10 – wird es ein sportlich erfolgreiches Turnier, bei dem Russland der Welt und insbesondere Deutschland wieder etwas näher kommen wird?

Balkausky: Das ist deutlich schwieriger als die Skalierung der Vorfreude. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass eine WM und der Sport insgesamt noch immer zur politischen Entspannung beitragen können.

Fuhrmann: Wenn ich sehe, wie gut Berichte über das Gastgeberland, die verfahrene Situation dort, all die Missverständnisse und Konfrontationen schon im Vorfeld der WM eingeschaltet werden, bin ich – bei aller gebotenen Skepsis – jedenfalls recht guter Dinge. Das Interesse beider Nationen und Bewohner füreinander ist ja offenbar doch groß.

Balkausky:Und wie groß genau, werden wir abgesehen vom Fußball journalistisch sehr genau beobachten.

Fuhrmann: Und weil wir das Turnier in seiner Gesamtheit mit fachlich guter, ausgewogener Berichterstattung begleiten, kann auch die Sportberichterstattung da ein Brückenbauer sein.

Der Text ist vorab im journalist erschienen
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