Nico Hofmann: Amazon & Deutschland 86

Mir geht’s um den Brennmoment

Seit er vor 20 Jahren erst als Regisseur, dann als Produzent das deutsche Fernsehen von Autorenkino auf Eventmehrteiler gekrempelt hat, beeinflusst Nico Hofmann (Foto: Ufa/RTL) sein Medium mehr als jeder andere in Fernsehland. Für die Fortsetzung der RTL-Serie Deutschland 83 hat er nun Amazon ins Boot geholt, wo sie ab heute ins Jahr 1986 verlegt wird. Ein Gespräch mit dem 58-jährigen UFA-Chef über globale Zusammenarbeit und dramaturgische Herzensangelegenheiten.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Nico Hofmann, wenn heute Abend die Fortsetzung von Deutschland 86 startet – sieht man der Serie an, dass es nicht vom deutschen Fernsehsener RTL, sondern dem amerikanischen Streamingdienst Amazon verantwortet wird?

Nico Hofmann: Ob man es an der Ästhetik sieht, weiß ich nicht. Aber es ist ganz sicher so, dass es im Rahmen der erzählerischen Konzeption von Anna und Jörg Winger mit ihrer Verlagerung des Geschehens nach Südafrika und Libyen, mit mehr politischer und dramaturgischer Radikalität, mit dieser spielerischen, fast tarantinohaften Persiflage von Actionelementen vom Auftraggeber eine Art von Freiheit erfordert, die Amazon wahrscheinlich eher gewährt als lineare Fernsehsender. Ich erinnere mich gut ans „Macht mal!“ von Prime-Chef Christoph Schneider. Das war ein toller Moment für uns als UFA und mich als alter Hase.

Zugleich beinhaltet des „Macht mal!“ offenbar die Erlaubnis, ruhige Handlungsstränge von Deutschland 83 drei Jahre später mit allerlei Bombast zu füllen. Ist das die Steigerungslogik internationaler Koproduktionen, um weltweit zu funktionieren?

Nein. Zu Beginn, in Afrika, mag es vielleicht mehr Action geben, aber das ist ganz klar der Dramaturgie geschuldet. Sicherlich wird das Meinungsspektrum durch die Fangemeinde dieses Formats in fast aller Welt enorm erweitert. Weil die Autorin Anna Winger nicht vom ZDF-Hauptabend, sondern vom amerikanischen Serienfernsehen kommt, ist der Look natürlich international. Dennoch gibt es keine Steigerungslogik, im Gegenteil: Das serielle Überangebot sorgt für eine immer rigidere Eingrenzung der Themen und ihrer Darstellungen. Als Zuschauer breche ich selbst ja nach einer Folge ab, wenn sie mittelmäßig und durchschnittlich unterhalten will. Die weltweite Konkurrenz sorgt daher verglichen mit dem engeren deutschen Markt dafür, dass man hervorstechen muss. Aber da hat sich dadurch auch schon vieles geändert.

Dummerweise hat das besonders der enge deutsche Markt mit miesen Einschaltquoten für Deutschland 83 honoriert.

Offenbar gibt es bei uns ein Verständnis davon, wie historische Fiktion auszusehen hat – was bestimmt auch durch unsere Produktionen geprägt wurde. Mit Die Flucht hat Deutschland 86 nichts zu tun, und Anna Winger findet vieles von dem, was ich einst öffentlich-rechtlich gemacht habe, eher konservativ. Für jemanden, der Geschichte im Fernsehen wie das deutsche Publikum, sehr didaktisch kennt, ist die Serie eher außergewöhnlich – meine Eltern inklusive. Im Ausland dagegen ist Deutschland 83 sensationell gelaufen. Als erste deutschsprachige Serie überhaupt lief die erste Staffel zuerst auf einem US-Kabelsender und erzielte bei Sundance überragende Marktanteile, auf Channel 4 in Großbritannien war es das stärkste nichtenglische Format seit Jahren. Aus dem Ausland  kamen deshalb früh Signale, das Format fortsetzen zu wollen.

Ist Amazon demnach auf die UFA zugekommen?

Die Initiative ging von der UFA aus, aber eigentlich sind beide gemeinsam aufeinander zugekommen. Wir haben ja auch in den Jahren zuvor – wie andere Produzenten – viel gepitcht bei Prime-Video. Als Anna und Jörg dann ihr Fortsetzungskonzept entworfen haben, war relativ schnell klar, dass dessen Radikalität für ein deutsches Privatprogramm allein nicht machbar war – zumal die neue Staffel deutlich teurer ist als die erste. Umso schöner war die Begeisterung von Christoph Schneider, das gemeinsam mit Fremantle, RTL und der UFA zu machen.

Kann man sich die Verhandlungen der vier dann als runden Tisch vorstellen, an dem jeder seine Wünsche und Vorstellungen geäußert hat?

Natürlich gab es Treffen, aber auch zahlreiche Telefonate und Mails.

Die eher dem ökonomischen oder künstlerischen Bedarf nach einem Mitspieler wie Amazon entsprangen?

Insofern beides, als das Programm einzig in dieser Konstellation weitergeführt werden konnte. Wir wollten immer drei Staffeln; ohne Amazon wäre nach der ersten Schluss gewesen.

Ist diese Partnerschaft demnach der Ausnahmefall oder Teil einer größeren Strategie?

Wenn’s nach mir ginge, unbedingt letzteres; ich finde die Partnerschaft ungemein spannend. Zugleich aber werden solche Kooperationen eher schwieriger, weil alle Anbieter am Markt im Moment die Stärkung ihrer eigenen Plattformen betreiben – das gilt für die Mediatheken von ARD und ZDF genauso wie für Amazon oder RTL.

Zugleich wächst der Hang zur internationalen Koproduktion ja schon deshalb, weil sich aufwändige Formate allein kaum noch finanzieren lassen. Wie sorgt man da für Exklusivität?

Jeder Sender nimmt sehr genaue Analysen vor, was prioritär ins eigene Hauptabendprogramm passt. Und da hat RTL rasch entschieden, dass Deutschland 86 zwar ein tolles Angebot, aber kein typisches signature product ist. Genau davon hängt auch ab, welches Budget ein Sender in die Hand nimmt.

Vielleicht haben Sie das deutsche Publikum mit Teamworx und UFA aber auch schlicht zu lang mit deutsch-deutscher Geschichte unterhalten, um es noch damit zu erreichen…

Das glaube ich nicht. National wie international ist das Interesse an historischer Unterhaltung nach wie vor ungebrochen. Besonders die jüngere DDR-Geschichte ist ganz gewiss noch lange nicht auserzählt, inklusive der unmittelbaren Wende-Jahre. Dennoch bin ich weniger denn je auf Geschichte festgelegt.

Haben aber immer noch Lust darauf?

Schon, ich schaue aber sehr viel mehr auf die Erzählart. Mein nächstes großes Thema ist etwa deutsche Kriegsgefangenschaft am Beispiel von Stalingrad, wobei mich die Verzahnung mit der Nachkriegszeit weit mehr interessiert als die Schlacht selbst. Meine Lust auf historische Produktionen lässt da keineswegs nach. Im Gegenteil.

Gibt es dabei denn noch so eine Herzensangelegenheit wie Unsere Mütter, unsere Väter, mit der Sie ja auch die Biografie der eigenen Eltern verfilmt haben?

Klar, etwa Siegfried und Roy mit Philipp Stölzl und Jan Berger. Es ist eine große Kraftanstrengung, das Leben der beiden filmisch in eine adäquate mehrteilige Form zu bringen. Aber was mich dabei immer wieder antreibt, ist die Leidenschaft für zwei Menschen, die Unglaubliches geschaffen haben. Mit beiden bin ich mittlerweile gut befreundet. Das elektrisiert mich ebenso wie Stefan Austs Familienbiografie der Porsches, wobei mich hier die Zeitgeschichte weniger interessiert als die Familiengeschichte. Mir geht es um den inneren Brennmoment.

Der bei Ihnen also nicht autobiografisch verlinkt sein muss?

Nein. Es reicht ein Faszinosum.

Wie lange lässt sich das denn noch im linearen Fernsehen erzählen, bevor es vom liberalen Streaming gefressen wird?

Ich bin mehr denn je überzeugt, dass das Free-TV noch sehr lang überleben wird. Das hat mit der freien Empfangbarkeit zu tun, also dem demokratischen Faktor, nicht wie in Amerika üblich bis zu 150 Dollar im Monat für seine Lieblingsportale auszugeben. Wenn Netflix nicht acht, sondern 25 Euro im Monat kostet, werden die Leute das Abo genauso hinterfragen wie bei der Tageszeitung. Mein Eindruck ist, dass sich die Plattformen eher untereinander als mit Fernsehsendern Konkurrenz machen – die allerdings ihrerseits eigene Mediatheken massiv ausbauen, was zu unglaublich viel In- und Output führen dürfte. Wir erwarten da eine unglaubliche Leistungsschau. Für uns Produzenten ist das natürlich eine tolle Sache.

Mit permanent steigender Qualität?

Das wird garantiert auf die Qualität einzahlen, aber nicht nur. Es wird eher einen Wettbewerb um Talente geben, wie man an der Verpflichtung der Showrunner von Netflix sieht. Nur: im Gegensatz zum Sendeplatz sind Talente begrenzt.

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