Marco Kreuzpaintner: Clubkulturkrimi & BEAT

Ich hatte sehr wenig Schlaf

Mit Filmen wie Trade oder Krabat hatte Marco Kreuzpaintner (2.v.li; Foto: Wolf Lux/Amazon) schon sehr jung sehr viel Erfolg. Durch sein Seriendebüt BEAT dürfte der bayerische Regisseur nun endgültig zum Star werden: Sein Amazon-Thriller spielt ab Freitag in jener Clubkultur, die der 40-Jährige noch selbst hautnah erlebt hat. Ein Gespräch über biografische Filme, feiernde Komparsen und liberale Streamingdienste.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Marco Kreuzpaintner, ist BEAT ein klassischer Thriller, der das Berliner Nachtleben nur als Kulisse nutzt, oder ein Film über die Clubkultur mit Krimi-Elementen?

Marco Kreuzpaintner: Zunächst mal ist es ein Thriller, aber so ein Genre-Thema kann immer nur vor einem bestimmten, prägenden Hintergrund stattfinden. Und dieser Backdrop ist in diesem Fall die Clubkultur.

Die also doch vornehmlich Kulisse ist?

Nein, viel mehr als das. Selbst wenn die Rahmenhandlung ein Thriller ist, erfahren wir enorm viel über die Systematik der Parallelwelt Clubkultur und ihrer Protagonisten. Die tanzen darin nicht nur vor sich hin, sie sind zentrales Element. Sämtliche Komparsen leben dieses Gefühl so, wie ich und meine Kumpels es über acht, neun Jahre hinweg als Ausdruck eines intensiven Lebensgefühls selber getan haben.

Mit allen Exzessen, die der Film zum wummernden Technobeat inszeniert?

Na ja. Ein Großteil meiner damaligen Freunde hatte ein intensives Nachtleben, das den Tag eigentlich nur zum Erholen davon brauchte. Ich hatte im Gegensatz dazu auch noch ein sehr intensives Tagleben, war also auch ohne die szenetypischen Exzesse viel auf den Beinen und hatte dementsprechend sehr wenig Schlaf. Darum sehe ich in meinem Alte so alt aus (lacht).

Ist BEAT so gesehen wie ihr bayerischer Coming-Out-Film Sommersturm vor 14 Jahren autobiografisch geprägt?

Absolut. Aber eigentlich fließt in jeden meiner Filme, den Plot, die Figuren, viel Autobiografisches ein. So gesehen entspricht auch der Charakter von Beat zumindest in Teilen dem, was ich selbst mal gelebt habe. Noch wichtiger ist jedoch meine persönliche Haltung. Sie wird in allem spürbar, was ich mache. Umso mehr natürlich, wenn es darin um Musik geht. Dennoch müssen wir vorsichtig sein, falsche Erwartungen gewisser Zielgruppen zu wecken. Aber weil wir stark mit dem darkem Techno arbeiten, der im Berghain läuft, ansonsten aber viel zu wenig vorkommt im Film, ist der Sound in etwa so zentral wie die Handlung.

Ist es da eine Reminiszenz ans deutsche Publikum, dass der Musik ein kriminologisches Thema übergestülpt wird, anstatt sich voll auf die Clubkultur zu konzentrieren?

Nein, es gibt ja kein Whodunnit oder Mordermittlungen, sondern Thriller-Elemente. Natürlich haben Filme wie Berlin Calling Kultstatus…

Der den DJ Paul Kalkbrenner in einer Art Mockumentary porträtiert…

Aber ich weiß nicht, ob das auf sieben Stunden ausgedehnt tragfähig wäre. Abgesehen vom Lebensgefühl des unbedingten Hedonismus muss anders als auf Spielfilmlänge irgendwann noch mehr passieren, Dramen und Konflikte. Bei uns bestehen sie darin, dass Beat aus seiner nächtlichen Subkultur abrupt in den Tag gerissen wird und dort mit dem international organisierten Verbrechen zu tun kriegt.

Wurde Ihnen das Thema vorgeschrieben?

Nein. Warner ist nur mit den Ansinnen auf mich zugekommen, eine deutsche Serie für Amazon Prime machen zu wollen. Das Thema habe ich mir selbst in nächtelanger Arbeit ausgedacht.

Und bei der Umsetzung die legendäre Narrenfreiheit der Streamingdienste genossen?

Narrenfreiheit würde ich nicht sagen. Aber ich war wirklich überrascht, wie viel Vertrauen mir geschenkt wurde. Wo man schwere See anderswo gern umschifft, durfte ich hier mitten hinein steuern, alle Risiken inklusive. Das waren schon deshalb ungewöhnlich große Freiräume, weil ich zuvor noch keine Serie gemacht hatte. Im deutschsprachigen Raum braucht man normalerweise schon sehr viel Glück, Talent und Geld, um mal einen Arthaus-Film wie „Toni Erdmann“ zustande zu bringen, der dann in der Regel nur einige zehntausend Zuschauer erreicht. Hier ist das Kräfteverhältnis zwischen Kreativität und Investment ein völlig anderes.

Auch, weil es neue Zielgruppen erreichen kann?

BEAT ist definitiv für jüngere Zuschauer als bei den Öffentlich-Rechtlichen üblich geeignet. Aber auch die älteren werden von dieser Subkultur mit ihrer sexuell extrem befreiten, drogenschwangeren Atmosphäre angesprochen.

Mussten Sie die künstlich erzeugen oder wächst so was in einem authentisch nachgebauten Technoclub organisch?

Letzteres. Als Regisseur stellt man ohnehin nur Weichen. Es ist ein Irrglaube, wir könnten die Darsteller wie Marionetten durch den Set bewegen. Für mich wäre es daher ein Alptraum gewesen, diesen Raum mit Menschen zu füllen und zum Tanzen animieren zu müssen. Weil die Serie auch daran gemessen wird, wie glaubhaft die Clubszenen sind, habe ich von Anfang an gesagt: wir machen eine Party und drehen dabei, nicht umgekehrt.

Wie darf man sich das vorstellen?

Wir haben rund 500 Komparsen einzeln aus der Techno- oder Fetisch-Szene und einfach feiern lassen, die Musik permanent am Anschlag. Die haben deshalb wirklich gefeiert – mit allem, was dazu gehört. Als wir ihnen erklärt haben, dass wir den Sound in den Drehpausen nicht abdrehen, gab es frenetischen Jubel. Am Ende haben die uns applaudiert, nicht wir denen. Bevor wir Bild und Spiel für einen sauberen Ton trennen, lasse ich lieber die 20 Sätze während der Party synchronisieren.

Haben Sie das erste Mal so realistisch gedreht?

Ja.

Werden Sie jetzt immer…

Ja!

Darf ich für dieses Format noch um ein Versprechen bitten?

Gern.

Als Alexander Fehling einem Mafiosi kurz vorm Zusammenstoß Kaffee kocht, bleibt die Kamera ohne Schnitt, ohne Ereignis, ohne Sound minutenlang auf ihm haften. Versprechen Sie, dass diese Ruhe in der Post-Produktion nicht dem üblichen Zappelschnitt zum Opfer fällt?

So arbeite ich seit meinem Polizeiruf vor zwei Jahren immer, weil ich seither noch mehr an die starke Einstellung glaube. Von daher ja – ich verspreche es!

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