Prodigy, Anoraque, Orchestra of Spheres

The Prodigy

Als The Prodigy vor 20 Jahren im Grunde nicht weniger taten, als die elektronische Musik zu revolutionieren, wirkte ihre brachiale Vorform des Brostep noch seltsam deplatziert. Die Dot-Com-Blase blähte sich noch hoffnungsvoll, Demokratie und Wohlstand schienen den Planeten endgültig zu erobern, trotz anhaltender Kriege in entlegeneren Winkeln der Welt waren Staatskrisen und Terror zumindest aus mitteleuropäischer Sicht fern. Warum also zersägten die drei Briten mit den absurden Tattoos und Frisuren das beginnende Zeitalter himmlischer Harmonie da bloß mit so infernalischem Krach? Vielleicht weil sie ihrer Zeit damals voraus waren.

Und es bis heute noch sind! Nicht, dass die verbliebenen Bandmitglieder Keith Flint und Liam Howlett auf der siebten Platte signifikant anders randalierten als auf dem legendären The Fat Of The Land; wie damals zertrümmert ihr Electropunk jedes Wohlklangbedürfnis mit Dauersalven brutaler Breakbeats, die nur unwesentlich digital verfeinert wurden. Im Jahr 2018 jedoch ist No Tourists der passgenaue Soundtrack einer Zeit zertrümmerter Werte und Gewissheiten. Dass die heile Welt total kaputt ist, haben The Prodigy schließlich schon immer gewusst.

The Prodigy  – No Tourists (BMG)

Anoraque

Den Schlagzeuger einer neuen Band in den Vordergrund zu rücken ist nicht unbedingt das gängigste Stilmittel der Musikkritik, und die Drums sind im Grunde auch gar nicht das Hervorragendste am Debütalbum des Postcore-Quartetts mit dem angenehm bilingualen Namen Anoraque. Trotzdem wird D A R E von wenig mehr geprägt als Jan Schwinning. Wie seine Hi-hat gleich den Auftakttrack Peaks vor sich hertreibt, wie sein Kesselrand das zartbesaitete Outside Us untermalt, wie seine Becken das schrille Uh-Oh schreddern, wie seine Snare den flatternden Bass von Using You zerdrischt – das stellt den Rest der Band manchmal schon leicht in den Schatten.

Und das will was heißen. Denn nach zwei EPs rauscht ein Instrumentarium durch den ersten Longplayer der schweizerisch-deutschen Formation, das weit mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Jazzige Gitarren-Stakkati mischen sich da mit dronigen Bassflächen, verschrobene Synths mit nervöser Irrenhauselektronika. Und über allem schwebt geisterhaft schwebend der Gesang von Lorraine Dinkel, die mal klingt wie gerade aus dem Tiefschlaf erwacht, mal wie auf Drogenmix im Kellerclub. Ein Album von gleißender Dunkelheit, also ganz  gewiss nichts für gewöhnliche Ohren.

Anoraque – D A R E (Radicalis Music)

Orchestra of Spheres

Wenn ein Album schon so losgeht: ein didgeridooartiges Raunen, überlappt von fiebrig an- und abschwellender Percussion, orientalischem Getröte und seltsam tonlosen Mantras. Wer diese Kakophonie offenbar unversöhnlicher Töne knappe zehn Minuten durchhält, ist entweder stocktaub, masochistisch veranlagt oder belastbar genug, um sich den Rest eines durch und durch erstaunlichen Werkes zu verdienen. Mehr noch als auf den drei Platten zuvor nämlich verlieren sich die neuseeländischen Neokrautrocker Orchestra of Spheres nicht in ihren teils absurden Klangkonstrukten.

Kurz vorm Hörsturz biegt Mirror auf afrikanisch angehauchten Future-Funk ab, der oft mitunter klingt, als seien The Mamas and the Papas in einer Science-Fiction-Bigband gelandet. Begleitet von einem halben Dutzend klassisch ausgebildeter Virtuosen wirbelt das Kammerquintett voller Kunstnamen wie Baba Rossa durch tropische Ethnosounds und wird mit jedem der zehn Stücke ein bisschen bekömmlicher, ohne den Mainstream auch nur zu streifen. Oboe und Drums, Harfe und Bass, E-Gitarre und Geschrei, Klarinetten und Synths – erstaunlich, was hier am Ende alles harmoniert. Wer soweit kommt, wird fürstlich belohnt.

Orchestra of Spheres – Mirror (Fire Records)

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