Bolsonaro Trump & Kominsky Parfum

Die Gebrauchtwoche

5. – 11. November

Na ja, dass Donald Trump nach seiner Wahlniederlage vom Dienstag ein bisschen dünnhäutig war, durfte eigentlich ebenso wenig überraschen wie die Tatsache, dass Defensive beim Berserker im Oval Office stets nur das Vorspiel zur Attacke ist. Kein Wunder also, dass er dem CNN-Reporter Jim Acosta nach einer unbotmäßigen Frage zur Russland-Affäre wie zwei Jahre zuvor mit den Worten das Wort abschnitt, er sei Fake News, furchtbar, ein Volksfeind, das Übliche eben. Erstaunlicher ist da schon, dass ihm Trumps Pressestab unterstellt, er habe einer Mitarbeiterin beim Versuch, das Mikro zu verteidigen, körperlich attackiert. Vollends absurd ist es hingegen, dass dem gestandenen Journalisten daraufhin die Akkreditierung entzogen wurde.

Aber eben auch nicht absurder als Elon Musks Attacke auf alle, die es wagen, negativ, also sachlich über die Börsenmanipulationen des Tesla-Chefs zu berichten. „Die Zahl der unwahren Artikel, die über mich geschrieben worden sind, ist unglaublich hoch”, erklärte der Tesla-Chef mit einem Verweis auf einen Wall Street Journal-Artikel und erklärte den Berufsstand im Ganzen zu „schrecklichen Leuten“, was wiederum auch nicht großartig anders klingt als Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro, der kurz nach seiner Wahl ankündigt, unliebsamen Medien die staatlichen Werbeaufträge zu entziehen, besonders dem regierungskritischen Blatt Folha de S.Paulo, das seiner Aussage nach „erledigt“ sei.

Obwohl man sich an völkisch-nationalistischen Populismus fast schon gewöhnt hat, sind solche Töne doch immer noch verstörend. Und damit zum Wintersport, wie ARD und ZDF ab sofort sagen dürfen. Mehr als 200 Stunden Live-Berichterstattung an 46 Sendetagen kündigt allein das Erste bis Ende März 2019 an und muss sich dann im Wechsel mit dem Zweiten ganze Wochenenden lang keine Gedanken mehr um Alternativprogramme machen., wenn die prominenten Jubelperser von Kati Wilhelm über Dieter Thomas bis Maria Höfl-Riesch sich und uns kuschelpatriotisch in Stimmung bringen. Samstag beginnt die ARD damit unter anderem mit Eislauf in Japan, Alpinrennen in Finnland und dem Skispringen in Polen.

Die Frischwoche

12. – 18. November

Das ist für alle Formate ohne gefrorenes Wasser natürlich ein bisschen ungerecht, aber dafür geht es in der ARD-Themenwoche nahezu vollumfänglich um Gerechtigkeit. Weil sie wirklich alle Kanäle fast rund um die Uhr einnimmt, sind Einzeltipps da schwierig. Als kleiner Ausschnitt: Während der SWR-Report Ausgebeutet für den Online-Boom am Mittwoch zur besten Sendezeit Paketausfahrer bei ihrer Arbeit für den entfesselten Konsum begleitet, werden Alwara Höfels und Gitta Schweighöfer im Kostümfilm Keiner schiebt uns weg zeitgleich in die polyesterbunten, aber männertristen Siebziger geschickt.

Interessant dürfte auch sein, ob Ingo Zamperonis Reportage Und das soll Recht sein? ab heute drei Abende um 22 Uhr im NDR Justizskandalen vor so viel Zuschauern auf den Grund geht, um die Hürde zur fortgesetzten Reihe zu nehmen. Ganz ohne Testlauf zur Serie geschafft hat es die Provinzposse Milk & Honey, mit der Vox ab Mittwoch erneut beweist, dass niveauvolle Serien aus privater Produktion eigentlich nur beim Sender vom Club der roten Bänder zu finden ist. Die Geschichte um vier Brandenburger Kumpels, die ihre klammen Kontostände als Teilzeit-Huren aufmöbeln, ist zwar oft unbedacht und oberflächlich, aber gut gespielt und dezent inszeniert.

Letzteres gilt auch für die Fernsehadaption von Patrick Süskinds Bestseller Parfum, der am selben Tag auf Neo in Serie geht. Mit der Vorlage hat der Sechsteiler um einen Ritualmord im Milieu der Düfte zwar nur am Rande zu tun. Unter Philipp Kadelbachs Regie agieren Wotan Wilke-Möhring, Jürgen Maurer, Friederike Becht und Marc Hosemann als polizeiliche Verfolger von August Diehl, Ken Duken, Trystan Pütter Natalia Belitski und Christian Friedel als Verdächtige allerdings atmosphärisch so dicht, dass man kaum loskommt von der Miniserie.

Was Neo hier unbedingt mit Netflix gemeinsam hat. Dort startet am Freitag The Kominsky Method von Chuck Lorre (Big Bang Theory) mit Michael Douglas und Allen Arkin als alternde Hollywood-Stars auf der Suche nach Sinn und Würde. Fabelhaft! Ebenso, wie das deutsch-rumänische Cybercrime-Drama Hackerville um ein osteuropäisches Dorf, von dem aus die Online-Attacken aufs westliche Werte- und Wirtschaftssystem erfolgen – Donnerstag um 21.45 Uhr ist auf TNT Teil 2 im Original mit Untertiteln zu bestaunen, während Joko Winterscheidt um 23.10 Uhr die nächste Pro7-Show kriegt. Win your Song klingt nicht nur nach Sing my Song, es ist auch fast das Gleiche, nur dass sich dieselbe Riege Popstars ihr Instrumentarium erst erspielen muss. Lustig…

Nein, Scherz, gar nicht lustig. Lustig ist die farbige Wiederholung der Woche: Maren Ades hinreißende Generationenkomödie Toni Erdmann von 2016, heute Abend (20.15 Uhr) auf Arte. Der Tatort dagegen entstammt fast schon einer vormodernen Zeit: In Die kleine Kanaille von 1986 ermittelt schließlich kein Geringerer als der schwarzweiße Nachkriegsstar Heinz Drache in einem Berliner Villenviertel und startet damit heute um 22 Uhr die RBB-Reihe alter Fälle, als die Hauptstadt noch Frontstadt war.

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