August Diehl: Süskinds Parfum & Neos Serie

Alles riecht, alles!

Im Neo-Sechsteiler Parfum, der mit Abstand aufwändigsten Eigenproduktion des ZDF-Ablegers, spielt August Diehl (Foto: ZDF) derzeit die Figur mit der größten Nähe zu Patrick Süskinds Romanvorlage. Ein Interview mit dem Berliner Film- und Bühnenstar über Einsamkeit vorm Fernseher, das Gemeinschaftserlebnis Kino und warum ihm der Geruchssinn so wichtig ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Diehl, Ihre Filmliste ist lang, eine Serie findet sich darin allerdings bislang nicht.

August Diehl:Das stimmt fast. Ich habe mal eine BBC-Serie gedreht, aber hierzulande in der Tat noch keine. Was auch daran liegt, wie neu der Serien-Boom ist. Früher hat man sich vieles nur in 90-Minütern getraut, die man heute kaum noch finanziert bekommt, um bestimmte Geschichten zu erzählen. Dieser Bewusstseinswandel hat zu mehr Quantität, aber auch Qualität geführt.

Wurde Ihnen vorm Parfum also einfach noch nichts auf dem Niveau angeboten?

Vermutlich. Als Schauspieler denkt man allenfalls am Rande über Format und Umfang nach. Wichtig ist, welche Figur mir in welcher Geschichte zufällt und mit wem ich sie unter welcher Regie spielen darf. Da waren meine Begegnungen mit Philipp Kadelbach absolut ausschlaggebend. Außerdem durfte ich mit tollen Kollegen zusammenarbeiten, mit denen ich das zuvor vielfach noch nicht getan hatte.

Aber was hat sie an der Figur des Parfümeurs Moritz interessiert, dass Sie sie sechs statt üblicherweise maximal zwei Stunden verkörpern wollten?

Ganz banal, also gar nicht mal sonderlich intellektuell: die Lust darauf, ihr bei der Entwicklung zuzusehen. Das hat mir einen Heidenspaß gemacht.

Welche Rolle hat dabei Patricks Süskinds Romanvorlage genommen, die ja weltweit zu den erfolgreichsten unserer Zeit gehört?

Gar keine so große. Am Ende ist unsere Geschichte ja so weit davon entfernt, dass mir erst im Gespräch darüber so richtig auffällt, dass sie dennoch die Grundlage bildet. Beim Drehen fiel das gar nicht auf. Da habe ich mich ganz gegenwärtig vorbereitet, etwa Parfümeure getroffen und dabei gemerkt, was für ein ungeheuer aufregender, sehr handwerklicher, also bodenständiger, aber kosmopolitischer, weitgereister Beruf das ist. Ihn umweht etwas sehr Mystisches.

Stehen Sie Patrick Süskinds Grenouille damit von allen Charakteren am nächsten?

Das kann man vielleicht so sagen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, dass Moritz wie Grenouille kaum Eigengeruch hat, was seine Diabolik im Roman schon als Baby kennzeichnet. Tolle Idee, auch wenn sie der Wirklichkeit natürlich nicht standhält. Alles riecht, alles!

Sind sie ein olfaktorischer Typ, der seine Umgebung stark über die Nase wahrnimmt?

Absolut. Falls ein Hotelzimmer zum Beispiel schlecht aussieht, stört es mich weit weniger als wenn es schlecht riecht. Dann kann ich darin nicht wohnen. Wenn die Chemie zwischen zwei Menschen nicht stimmt, heißt es ja nicht umsonst, man könne sich nicht riechen. In dem Fall, kommt man selbst mit den wunderbarsten Menschen nur schwer klar. Insofern sind Parfümeure wie Moritz Meister der Manipulation des Unterbewusstseins. Dennoch finde ich andere Rollen im Film nicht unspannender. Trystan Pütters Butsche zum Beispiel oder Ken Dukens Roman.

Inwiefern?

Sie haben einfach klarere Problematiken. Moritz dagegen ist schwer zu definieren und damit zu greifen. Wie ein diffuser Geruch. Natürlich macht es Riesenspaß, einen Manipulator, vor denen alle Angst haben, zu spielen, aber es ist auch ein wenig dankbar. Dennoch finde ich alle Figuren und damit die Geschichte auf ihre Art herausfordernd.

Hebt es das Parfum somit auf jenes angloamerikanische oder skandinavische Niveau, von dem das deutsche Fernsehen seit langem träumt?

Zu solchen Gedanken muss ich mich manchmal ein bisschen zwingen. Ich finde uns gar nicht so schlecht. Weil die Bedeutung und Akzeptanz der Serie als Genre auch hierzulande wächst, kommt das dem Handwerk früherer Tage fast zwangsläufig näher, bei dem man sich halt viel mehr Zeit gelassen hat, bis ein Produkt vollendet war. Wie im klassischen Roman ermöglicht es diese Zeit, erst in der dritten Folge eine Hauptfigur einzuführen oder drei Folgen vorm Ende zu verabschieden. Welchen Suchtfaktor Serie da ausübt, merke ich ja an mir selbst. Er hat allerdings auch damit zu tun, wie sehr wir mittlerweile vereinsamen.

Und uns die Zeit allein gern mit Serien vertreiben?

Mehr noch: abends zu bekannten Gesichtern zurückzukehren, die uns im realen Alltag zusehends fehlen. Nach dem Motto: Ach, da sind ja all meine Freunde wieder, machen wir’s uns zusammen auf dem Sofa gemütlich. Trotzdem hoffe und glaube ich, dass der Spielfilm Zukunft hat. Eine Geschichte auf diesen Zeitraum zu verdichten, hat auch seinen Reiz. Wie im Theater.

Oder im Kino.

Wo dieses gemeinschaftliche Erlebnislangsam ausstirbt, dass sich Wildfremde nach dem Abspann, wenn das Licht angeht, in die Augen blicken und ohne viele Worte über die vergangenen zwei Stunden austauschen. Das macht das neue Kino Serie allein am Fernseher daheim ein bisschen einsam. Für meinen Beruf hingegen ist die Komplexität der Serie ein Geschenk.

Interessanterweise sind Sie unter den Hauptdarstellern am längsten im Geschäft.

Rund 20 Jahre, das stimmt.

Parallel zu ihrem Durchbruch in 23 waren Sie ein gefeierter Bühnenstar. Gab es je den Punkt, sich zwischen Bühne und Film entscheiden zu müssen?

Nie, nein. Ich konnte immer beides machen – obwohl Film eher bildende Kunst ist und Theater darstellende, ist ersterer für mich am Ende fotografiertes Theater ohne Publikum vor Ort. Aber im Schauspiel ist ohnehin alles miteinander verwandt. Filmen finde ich allerdings schon deshalb so fantastisch, weil man so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern trifft.

Dennoch haftet Ihren Rollen dabei oft etwas Melancholisches, fast Trauriges an.

Mhmm.

Ist das eine Typ-, womöglich gar Persönlichkeitsfrage oder liegt es nur am Angebot?

Das ist sehr kompliziert zu beantworten. Einerseits bringe ich diesen Typ, diese Persönlichkeit natürlich mit, andererseits legen bestimmte Rollen immer bestimmte Charakterarten fest. Ich habe zwar auch fröhliche Figuren gespielt, würde aber gern mal eine richtig waschechte Komödie machen, sofern der Humor da hintergründig abläuft, nicht nur auf Pointen-Niveau. Mit Gewinnern lacht man weit weniger herzlich als mit Verlierern. Gut gemachte Komödien (lacht laut) sind voll melancholischer, fast trauriger Figuren. Voila!

Gibt’s da schon ein Angebot?

(zögert kurz) Ich warte noch…

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