De Staat, Frances Cone, Scarabæusdream

De Staat

Wer der alternativen Rockmusik jenseits tradierter Anti-Riffs und -Gesten noch wirklich Neues abgewinnen will, muss sich schon was einfallen lassen. De Staat haben sich dafür zweierlei erwählt: Einen aufgeweckt dystopischen Kunstpunk voller Sprachwitz, Spielfreude, Drones und Samples, gern visualisiert in Videos von ikonografischer Wucht. Mit Witch Doctor zum Beispiel hat die holländische Band um den charismatischen Sänger Torre Florim dabei fast, hüstel, Kultstatus erreicht. Und jetzt also KITTY KITTY.

Stilistisch angelehnt an Maximo Parks Meisterwerk Our Velocity zoomt die Kamera beim Opener ihres sechsten Albums Bubble Gum immer wieder auf das Quintett aus Nijmegen, das sich dabei permanent vervielfältigt. Dazu schleicht ein hypnotischer Bass unterm proklamatorischen Gesang über die Welt im Griff Donald Trumps hindurch, dass man sich in Film und Song verlieren kann. Wie in fast jedem der elf  variabel sägenden Stücke, die selbst für Autotune, R’n’B und Nu Metal nie zu monochrom sind. Ein irres, aber eingängiges Album.

De Staat – Bubble Gum (Caroline)

Frances Cone

Das neue Video von Frances Cone Arizona dagegen sticht mit wenig hervor, das sich nicht durchs Genre des Duos aus Nashville/Tennessee erklären ließe: gleißend trüber, leicht zerkratzter Indie-Pop, visuell in Zeitlupenbildern von Hedonisten mit Haltung vermittelt, die sich zwischen Lagerfeuer und Landstraße zwar mit der der hinreißenden Natur des amerikanischen Bible Belt, nicht aber dem reaktionären Konservatismus darin gemein machen. Obwohl – so funktioniert Neo Folk ja fast immer…

Und doch ist das Duo der gelernten Pianistin Christina Cone, die mit ihrem Bassisten und Freund Andrew Doherty eine Gemeinschaft fürs Leben bildet, weit mehr als der alternative Mainstream des zugkräftigen Metiers. Manchmal leicht schwulstig, meist angenehm rau erzählt die Tochter einer Opernsängerin wenige Millimeter unterm Rand nostalgischer Verklärung vom Gestern im Heute und erzielt damit eine Wirkung, die nicht ohne Grund millionenfach gestreamt wird, ohne Starrummel zu erzeugen. Die Nische für die Masse.

Frances Cone – Late Riser (Living Daylight Records)

Scarabæusdream

Dass Rockbands im Schnitt drei bis fünf Mitglieder und mindestens ein Saiteninstrument haben, hat die Digitalisierung des Pop zwar hinlänglich widerlegt. Trotzdem bleibt es bemerkenswert, wenn Rockbands ohne größere Unterstützung elektronischer Hilfsmittel auf Bass und Gitarre verzichten. Falls das allerdings doch gelingt und dann auch noch so grandios klingt wie Scarabæusdream, ist es kein Wunder, dass dieser ungemein gelungene Versuch der Reduktion mit größtmöglicher Opulenz aus dem Wunderpopland Österreich kommt, wo die Kulturszene seit langem schon auf engstem Raum ein Mehrfaches der Kreativität ihres nördlichen Nachbarlandes generiert.

 

Mit nichts als Schlagzeug und Piano erzeugen Hannes Moser und Bernd Supper eine Wall of Sound, als habe ein ganzkörpertätowiertes Symphonieorchester in Johannes Caps Studio gesessen, um sein drittes Album aufzunehmen. Zwischen Mathrock und Kammermusik, Postpunk und Neoklassik füllen allerdings nur zwei hagere Virtuosen den Raum mit einem Klangkonvolut, das dem Publikum alles, echt alles abverlangt. Aber es es lohnt sich! Suppers Stimme wechselt zwar bis an die Schmerzgrenze von Screamcore über Countertenor zum Hairmetal und zurück; doch jedes der zehn Stücke lotet die Bandbreite des Noise-Spektrums so ergreifend aus, dass man von Ideenreichtum und Leidenschaft schlicht mitgerissen wird. Hypnosemusik.

Scarabæusdream – crescendo (Noise Appeal Records)



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