Fernsehkonsum & Grenzgebiete

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Januar

Was die einen womöglich als Beleg für lebensbereichernde Freizeitgestaltung betrachten, das halten andere womöglicher für den Untergang des TV-Abendlandes: Laut einer GfK-Studie sahen die Deutschen 2018 mit 217 Minuten pro Tag zwar nur vier weniger fern als im Rekordjahr zuvor; das liegt aber ausschließlich an denen über 50, die mittlerweile mehr als fünf Stunden pro Tag glotzen, während der Konsum in der Zielgruppe drunter radikal sank – bei den 14-  bis 29-Jährigen gar auf Spielfilmlänge.

Worauf sich altersübergreifend in der Vorwoche – Mediathekenzugriffe nicht eingerechnet – nochmals gut fünf Millionen Zuschauer einigen konnten, war einmal mehr das Dschungelcamp. Nach holprigem Start erzielt RTL kurz vorm Finale seiner Cash-Cow am kommenden Samstag also wieder Topquoten. Was vor allem daran liegt, dass die Teilzeitbewohner des australischen Kleintierrestaurants trotz Dauerbeobachtung durch Dutzende Kameras als vergleichsweise real gelten, unverstellt, ja wahrhaftig.

Alles Dinge, die man von der WDR-Reihe Menschen hautnah bei aller Kritik am seifigen Charakter irgendwie auch immer gedacht hatte. Nun aber wurde bekannt, dass eine Autorin mehrere Alltagsprotagonisten der Porträtreihe gecastet hat, was uns wieder und wieder und wieder zum Fall Claas Relotius mitsamt der Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Fernsehformate bringt. Ohne die Aufrichtigkeit durchdachter Medien kriegen rechtsradikale Spinner wie die Identitären halt nur immer noch mehr Rückenwind, der sie erst kürzlich dazu animiert hat, von der taz über den Spiegel bis zur Tagesschau politisch missliebige Redaktionen zu attackieren.

Am Bildschirm heißt ein durchaus wirksames Gegenmittel gegen die geistig Armen, aber physisch Präsenten unverdrossen: Gutes, relevantes, breitenwirksames Angebot an alle. So, wie es das Grimme-Institut dieser Tage für den wichtigsten TV-Preis nominiert hat. Unter den 70 Kandidaten sind viermal RTL, fünfmal funk, meistens ARZDF und erstmalig – Achtung! – Youtube mit dem unermüdlichen LeFloid und der Talkshow Neuland. Gegen den Favoriten Bad Banks (ZDF) dürften Online-Serien wie Hackerville (TNT) oder Das Boot (Sky) zwar keine Chance haben. Aber Streamingdienste zählen längst automatisch zum Kreis der Preisanwärter.

Die Frischwoche

21. – 27. Januar

Deshalb beginnen wir die aktuellen Highlights auch einfach mal mit denen. Die Miniserie Valley oft the Boom etwa, in der Sky seit gestern Nacht die frühen Jahre des Silicon Valley nachstellt. Ab Mittwoch dann an gleicher Stelle die 2. Staffel der herausragenden Hotelzimmeranthologie Room 104, gefolgt von der 9. Staffel Pastewka ab Freitag auf Prime Video, wo die Titelfigur seine Freundin zurückerobern will und dabei ähnlich unterhaltsam wie bei Sat1 und hoffentlich weniger Schleichwerbung als in vorherigen Zyklus am eigenen Ego zerschellt. Parallel dazu zeigt Sky aber das absolute Zuckerl dieser Tage: Der Pass, eine Art deutsch-österreichische Die Brücke, bei der Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch als grundverschiedene Cops Ritualmorde im alpinen Grenzgebiet aufklären. Das ist vom Thema her zwar arg aufdringlich, ästhetisch und dramaturgisch aber vielfach herausragend.

Was man am Mittwoch weder von ARD noch ZDF sagen kann. Im Ersten inszeniert Tödliches Comeback die heillos unwahrscheinliche Konstellation eines Kleinganoven, dessen Sohn bei der Mordkommission anheuert, mit Paps einen Fall löst und trotz des großartigen Martin Brambach die Frage aufwirft, warum selbst Komödien in Deutschland ohne Polizei schwer denkbar sind. Im Zweiten ist die Vorabendserie Die Spezialisten weiter so flach, dass selbst die tolle Alina Levshin als soziopathische Forensikerin das tiefe Niveau nicht hebt.

Bleiben zwei öffentlich-rechtliche Dokus. Morgen um – danke, ZDF – Mitternacht erklären uns Dimitrij Kapitelmann und Ralf Dörwang in Meschugge oder was, warum hierzulande 100 Menschen pro Jahr zum Judentum konvertieren. Und Freitag (21.50 Uhr) zeigt Arte den überwältigenden Konzertfilm Rammstein: Paris, für den Jonas Akerlund einen Auftritt der Brachialrocker 2017 mit 30 Kameras eingefangen hat. An der Grenze zur Doku ist hingegen der Tatsachenspielfilm Nebel im August mit Sebastian Koch als empathischer Euthanasie-Arzt nach Robert Domes gleichnamigem Roman, für den das ZDF die zugkräftige Geisterstunde am Sonntag geräumt hat. Danke … ach, das hatten wir ja schon.

Zu den Wiederholungen der Woche: In schwarzweißer Erinnerung kann man Samstag (23.35 Uhr, MDR) in der Wallace-Verfilmung Das Rätsel der roten Orchidee von 1962 mit Christopher Lee als Polizist, Eddi Arent als Ulknudel und Klaus Kinski als Klaus Kinski schwelgen. Farbig zeigt Tele5 tags drauf (20.15 Uhr) Monty Pyhtons Das Leben des Brian (1979), gefolgt vom fünf Jahre älteren Ritter der Kokosnuss. Und der Tatort: Mann über Bord begleitet Kommissar Borowski heute (22 Uhr, RBB) ins Jahr 2006 zu einem Mord auf hoher See.

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