True Detective III: Mahershala & Pizzolatto

Schonungslos ohne Schaum

Anders als in der viel kritisierten Staffel 2 knüpft die Fortsetzung von True Detective ab heute auf Sky ans grandiose Debüt der HBO-Thrillerserie an – und skizziert bei der Aufklärung eines Ritualmords gleich noch das reaktionäre Kernland der Trump-Wähler.

Von Jan Freitag

Das Böse, so sehr die Popularier aller Ränder vom Gegenteil brüllen, lauert da, wo man’s am wenigsten erwartet: unter Freunden, Verwandten, Nachbarn. Äußerlich gesehen ist etwa der subtropische Süden Nordamerikas von solch unspektakulärer Ödnis, dass die Menschen darin unmöglich für das infrage kommen können, was ab heute auf Sky ermittelt wird: den Ritualmord an einem Kind. Eigentlich. Doch der Täter hat das Opfer ja nicht nur getötet, sondern betend im Gebirge drapiert, was für seine verschwundene Schwester Schreckliches befürchten lässt. Wer tut sowas bloß?

Gut, in der Realität fast keiner; Ritualmorde sind ein Fetisch des Fernsehens, das sein Publikum lieber mit absurder als realistischer Gewalt unterhält. Aber im Bibelgürtel der USA traut man den Leuten alles zu – was allerdings weder an ihnen noch dem Ort liegt. Es liegt an der Art, wie Nic Pizzolatto beides in Szene setzt. Nach missratenem Zwischenstopp in L.A., verlegt der Showrunner die 3. Staffel True Detective nämlich zurück zum Start seiner Reihe: Arkansas – ähnlich arm, reaktionär, zerrüttet wie das angrenzende Louisiana, wo Woody Harrilson und Matthew McConaughey 2014 Krimiseriengeschichte schrieben.

Jetzt also stochert Oscar-Gewinner Mahershala Ali (Moonlight) mit dem dramaturgisch schlichteren Actiondarsteller Stephen Dorff im provinziellen Dickicht. Ende 1980, am Tag als – wie ständig erwähnt wird – Steve McQueen stirbt, sitzen die Polizisten Hays und West auf einem Schrottplatz und erschießen beim Feierabendbier Ratten. Kurz darauf aber werden sie zu einem Redneck mit Schnauzbart und Basecap gerufen, dessen Kinder verschwunden sind. So beginnt eine Jagd, die den empathischen Hays vom Moment der Tat über ein Wiederaufnahmeverfahren zehn Jahre später in unsere Gegenwart führt, wo der demente Ex-Cop als Protagonist eines True-Crime-Formats auf die Dämonen seiner beruflichen Vergangenheit trifft.

Dieser Wechsel der Zeitebene erinnert wie die Kulisse ans preisgekrönte Reihendebüt. Und wie damals ist alles von einer unterschwelligen Intensität, die das Publikum von der ersten Sekunde bar aller Effekthascherei fesselt. Es beginnt bereits bei den Hauptfiguren. Anders als vor fünf Jahren Detective Rust (McConaughey) und Hart (Harrelson), sind ihre Kollegen Hays (Ali) und West (Dorff) zwar der Hautfarbe, nicht aber dem Wesen nach grundverschieden. Während ersterer bei der Tätersuche im rassistischen Süden gegen eine Mauer der Verachtung prallt, gibt letzterer so wenig auf Vorurteile wie die drei Filmemacher.

Gemeinsam mit Regie-Neuling Pizzolatto skizzieren die erfahrenen Jeremy Saulnier und Daniel Sackheim den white trash, hierzulande wohl mit „Wutbürger“ übersetzbar, schonungslos, aber ohne Schaum vorm Mund. Und diese Neutralität wird durch eine Ästhetik gestützt, in der keine Figur, kein Stein, nicht das kleinste Requisit berechnend wirkt. Die Sonne scheint, nur selten gleißend. Die Kleidung ist zeitgemäß, ohne je kostümiert zu wirken. Und Mahershala Ali darf 25 Jahre berufliches Leiden mit einer Diskretion spielen, an der selbst im Alter kein Fältchen geschminkt daherkommt.

So gelingt es True Detective abermals, ein präzises Gesellschaftsporträt als Kriminalfall zu verkleiden, der nirgends mit Ermittlungsstandards nervt und nebenbei erklärt, warum Donald Trump in Gegenden erfolgreich ist, wo Rasse plus Nation das letzte ist, was weiße Männer in ihrer Misere sinkender Bedeutung noch eint. So relevant, wertes deutsches Fernsehen, kann Entertainment sein.

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