Skadi Loist: Filmvorurteile & Diversität

Wir brauchen einen Kulturwandel

Die renommierte Medienwissenschaftlerin Skadi Loist forscht seit 20 Jahren über Ungleichbehandlung in Film und Fernsehen. An der Film-Universität Babelsberg hat die Gastprofessorin kürzlich nun eine Workshop-Reihe eröffnet, in der sie mit Sendern, Produzenten und Kreativen Stereotype aufdecken und bekämpfen will. Ein Gespräch über vernetzte Männer, riskante Frauen, erfolgreiche Diversität und die rechtspopulistische Reaktion.

Von Jan Freitag

Frau Dr. Loist, beim Pilotprojekt Beyond Stereotypes: Genderbewusstes Erzählen der Film-Uni Babelsberg geht es um neue, diverse Figuren und Narrative – welche sind damit gemeint?

Skadi Loist: Wie der Name des Workshops schon sagt, geht es zunächst darum, Stereotypen jeder Art sichtbar zu machen, ob zum Beispiel weibliche Hauptfiguren in Film und Fernsehen als zickig, emotional, teilzeitbeschäftigt oder mütterlich gezeichnet werden. Erst gestern gab es im Tatort eine, die lesbisch war und wie üblich die Mörderin.

Immerhin mal eine lesbische Figur.

Und immerhin mal nicht die Leiche, wie bei Facebook geschrieben wird. Da beispielsweise Homosexualität in der Fiktion immer noch als etwas Besonderes beschrieben wird, ist unser Hauptziel, Stereotype ausfindig zu machen, die mit der Lebensrealität 2019 nichts mehr zu tun haben.

Bezieht sich der Diversitätsbegriff demnach auf die LGBTQ-Gemeinde nicht heterosexueller Lebensentwürfe?

Nein, das ist nur ein Aspekt unter vielen, die der Komplexität unserer Gesellschaft nicht mehr gerecht werden. Aber ein Fokus liegt natürlich auf der Geschlechterfrage. Wie die größte repräsentative Erhebung über Ungleichbehandlung in Film und Fernsehen der MaLisa Stiftung…

Von Maria und Elisabeth Furtwängler, mit der Ihre Universität und das Erich Pommer Institut den Workshop ausrichtet.

Ihrzufolge kommen in den Medien viel weniger Frauen vor als Männer – und zwar nicht nur fiktional, sondern mehr noch im Informations- und Showsegment. So verheerend die Zahlen aus Diversitätssicht sind, haben sie gezeigt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Inhalten und Erzählweisen auf Bildschirm und Leinwand. Wenn mehr Frauen in Regie, Produktion, Buch verantwortlich sind, sind auch mehr und komplexere Frauenfiguren zu sehen.

Trotz andauernder Thematisierung dieser Ungleichbehandlung durch Initiativen wie ProQuote Film zeigt sich keinerlei Besserung. Woran liegt das?

Auf zwei Worte herunter gebrochen: unconscious bias, also ungewollte, unterschwellige Vorurteile. Die meisten Film-Gewerke sind ja von vorneherein gegendert gedacht. Während im Bereich Make-up und Kostüm zu 90 Prozent Frauen arbeiten, ist das Verhältnis bei Kamera und Ton umgekehrt. Das hat mit Geschlechterzuschreibungen zu tun. So werden Frauen in der Branche immer noch als Risiko gesehen und vermutet, dass sie nicht alles fürs Projekt geben, weil sie sich nebenbei ja noch um Haushalt und Kinder kümmern müssten. Einem Regisseur würde das niemand absprechen, egal ob er Vater ist oder Familie hat.

Aber entscheiden darüber am Ende nicht weiterhin Männer, die unter ihre Führungsetagen bewusst gläserne Decken einrichten?

Sicher, diese gewachsenen Strukturen und Netzwerke existieren. Und weil viele Entscheidungen darin zugunsten all jener gehen, die den Verantwortlichen ähneln, existiert das Ungleichgewicht fort. Das heißt allerdings nicht, dass diese Vorurteile nur von Männern gepflegt werden. Deshalb ist es nicht mit Quoten getan. Wir brauchen einen echten Kulturwandel, der sich nicht als Kampf gegen Männer versteht, sondern für Fairness und Gerechtigkeit. Da müssen wir uns etwa fragen, warum sich 50 Prozent hochqualifizierte Absolventinnen der Filmhochschulen später nicht annähernd auf den Führungsebenen der Branche wiederfinden.

Und Ihr Lösungsansatz?

Wir müssen den Menschen klarmachen, wie viel kreatives Potenzial durch dieses System verloren geht, wie viel Mehrwert. Und weil es in unserem Workshop ums Erzählen geht: wie viel reicher wären Geschichten, wenn sie nicht nur von und aus Sicht von Männern erzählt würden. Diese Mutlosigkeit der Branche, alte Strukturen zu zerschlagen, müssen wir angehen.

Aber wie soll das gelingen, wenn die Branche nicht mal den Mut aufbringt, mehr Geschichten ohne Mord und Totschlag, also kriminalistischen Kern zu erzählen?

Unser Grundansatz ist erstens, möglichst viele Partner ins Boot dieser Debatte zu holen. Deshalb sind mit der FFA und dem Österreichischen Filminstitut Filmförderer und mit ARD Degeto, ZDF, UFA und Sky ebenso Sender und Produktionshäuser dabei. Andererseits ist uns wichtig, die Handelnden der Arbeitsprozesse dabeizuhaben, also Kreative und Gewerke, aber auch Redakteur*innen. Der Dialog ist ein Anfang, aber wir wollen, dass er von Dauer ist.

Erwachsen aus diesem Dialog bereits konkrete Forderungen?

Wir sind keine Gruppe von Aktivisten und Aktivistinnen, sondern praxisbezogene Diskussionsplattform, und streben daher auch kein Manifest oder ähnliches an, sondern eine Auseinandersetzung mit unserer praktischen Arbeit, quantitativ und qualitativ, vor allem inhaltlich.

Aber wäre es bei aller Selbstverpflichtung nicht zielführender, den rechtlichen Rahmen mit zu verbessern, etwa durch Änderungen am Rundfunkstaatsvertrag?

Unser Workshop setzt auf anderer Ebene an. Wir wollen ihn in anderen Städten mit anderen Filmhochschulen und anderen Gewerken fortsetzen. Kamera ist bislang noch gar nicht dabei oder das Casting. Daran müssen wir arbeiten; mit einem ersten Workshop für 18 Leute ist es da noch lange nicht getan. Bis dahin ist es allerdings unser Ziel, inhaltlich zu diskutieren, aber auch zu schauen, wo es bereits positive Veränderungen und gute Beispiele gibt.

Was wäre das denn, gibt es positive Veränderungen?

(überlegt lange) Schon, aber es ist schwierig, da einzelne rauszuziehen.

Uns fiele da die Lindenstraße ein, der Diversität bei aller dramaturgischen Schwäche von Beginn an ein sichtbares Herzensanliegen ist.

Die Lindenstraße hat über viele, viele Jahre verlässlich eine Vorreiterrolle eingenommen, nur: 2020 ist mit der Serie bekanntlich Schluss. Wen wir beim Pilotprojekt dabeihaben, ist zum Beispiel Dr. Lisa Blumenberg. Als Ideengeberin und Produzentin der ZDF-Serie Bad Banks hat sie voriges Jahr bewiesen, dass man herausragendes Fernsehen mit drei Frauen in tragenden und untypischen Rollen produzieren kann.

Die allesamt permanent den Bechdel-Test bestehen, weil sie selbst untereinander nicht bloß über Männer reden.

Sondern über Wirtschaft und Politik, ganz genau. Wobei die Geschichte fast ebenso starke Männerfiguren hat; es dreht sich nur endlich mal nicht alles nur um sie. Und Diversität wird darin auch nicht nur am Geschlecht festgemacht, sondern an der Herkunft – mit einer deutsch-asiatischen Bankerin, ihrem arabisch anmutenden Kollegen und einem körperlich behinderten Steuerfahnder. Da ist wirklich mal alles sehr durchdacht dabei.

Könnten die Trippelschritte hin zur Diversität in absehbarer Zeit dazu führen, dass ein Transmensch, um dessen Gender Null Aufhebens gemacht wird, im Tatort ermittelt?

Da bin ich jetzt ein bisschen skeptisch. Ich fürchte, das ist zwei Schritte zu weit gedacht.

Wird ihr Workshop dahingehend etwas bewirken?

Klar! Sonst würden wir ihn ja nicht machen. Wir sagen ja nicht akademisch von oben, wie es gemacht wird, sondern laden zur Diskussion mit allen ein und machen Angebote zur Unterstützung. Was mich da besonders zuversichtlich macht: wir kämpfen nicht mehr gegen Windmühlen! Besonders auf der Ebene des Kinderfernsehens, wo die Geschlechterverteilung bislang noch viel schrecklicher war als im Gesamtangebot, tut sich was. Der KiKa-Redakteur Benjamin Manns wird uns drei neue, fortschrittliche Produktionen vorstellen. Es geht also alles noch relativ langsam, aber in die richtige Richtung.

Droht diese Richtung durch den Erfolg emanzipationsfeindlicher Rechtspopulisten nicht gerade wieder umgedreht zu werden?

Wer sich die Situation der Türkei, Ungarn oder den USA anguckt, muss gewiss erkennen, wie schnell sich der Wind drehen kann. Hierzulande allerdings befinden wir uns noch oder bereits an einem Punkt, hinter den man nicht so leicht zurückfallen kann – wenn wir uns gemeinsam offen davorstellen.

Sind die Feinde von Emanzipation und Chancengleichheit demnach auch Ansporn zur vertieften Zusammenarbeit?

Nein, da brauchen wir keinen Ansporn. Ich arbeite seit 20 Jahren in diese Richtung und befinde mich trotz aller rechtspopulistischen Erfolge zusehends in einem Umfeld, das sie auch unterstützt. Wir sollten uns keinesfalls einschüchtern lassen.

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