Tim Mälzer: Halligalli & Alltagsküche

Ich bin eher der Rammstein-Typ

Gut 15 Jahre nach Schmeckt nicht, gibt’s nicht! kehrt Tim Mälzer zur Alltagskost am Bildschirm zurück. Für seinen Magazin-Ableger essen + trinken. Für jeden Tag lässt der Hamburger seit kurzem auf RTLplus allerdings andere kochen. Ein Gespräch über Chichi-Küche und Halligalli-Kochen, ob er aus dem Hintergrund vor die Kamera tritt und was TV-Köche mit Pornografie zu tun haben.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Tim Mälzer, war es Zufall, dass Schmeckt nicht, gibt’s nicht und Essen & Trinken für jeden Tag vor gut 15 Jahren praktisch zeitgleich entstanden sind?

Tim Mälzer: Überhaupt nicht, wir haben beides parallel entwickelt. Ich weiß gar nicht mehr, was zuerst da war, glaube aber, dass die Initiative zur Zusammenarbeit von mir ausging. Eine eigene Redaktion neben der Muttermarke hatte essen & trinken für jeden Tag da noch nicht. Leider bin ich als Ideengeber ganz passabel, aber als Rezeptschreiber beschissen und brauchte daher einen Unterbau. Herausgekommen ist eine der besten Medienkooperationen, die ich mir vorstellen kann. Unser gegenseitiges Verständnis ist blind, ohne die Kritikfähigkeit zu verlieren.

Und was gab es nun zuerst – den Fernsehkoch oder den Kochmagazin-Macher Mälzer?

Ich war auch vorher schon am Bildschirm zu sehen, das Kochheft kam dann dazu. Und beides war unbedingt nötig. Denn die Fernsehküche war damals vor allem Trüffel hier und Filet dort, alles gehoben, wenig für den Hausgebrauch. Ohne die Kolleginnen und Kollegen im gehobenen Segment verächtlich zu machen, ging es bei uns endlich konsequent um den Alltag. Heute ist das absolut etabliert.

Schließt sich demnach ein Kreis, wenn Sie elf Jahre nach Schmeckt nicht, gibt’s nicht mit einer alltäglichen Küchenshow auf den Bildschirm zurückkehren?

Kann man so sagen. Neben all dem Halligalli, der andauernd ums Kochen gemacht wird, bedarf es einfach mal wieder unterhaltsamer, am Ende aber banaler Informationen um die richtige Zubereitung von Essen. Dafür ließ Kitchen Impossible bislang einfach keinen Raum. Den nehme ich mir jetzt. Dennoch bleibt mein Restaurant weiter ungemein wichtig für mich, weil es mir zeigt, dass ich noch einen echten Beruf habe.

Woran zeigt sich das?

Ich komm da manchmal aus der Schampuswelt rein und muss mich darum kümmern, dass das Klo verstopft ist, eine Mitarbeiterin Liebeskummer hat oder sich jemand beschwert, weil das Rinderfilet drei Grad zu kalt ist. Das holt mich ebenso auf den Boden zurück wie eine tägliche Kochsendung. Ohne sowas würde ich mich in der Medienwelt völlig verlieren.

Trotzdem bleiben Sie bei essen + trinken. Für jeden Tag im Hintergrund. Hatten Sie keinen Bedarf, vor die Kamera zu gehen?

Ich hab immer das Bedürfnis, vor die Kamera zu gehen, aber dazu bin ich zeitlich im Moment nicht in der Lage. Und am Ende fehlt auch mir die Kreativität, in 500 Sendungen 500 Gerichte vorzustellen. Ich will neben dem Beruf ja auch noch was erleben.

Könnte es dennoch sein, dass Sie mal aufpoppen im Format?

Das kann sogar gut sein, auch wenn da nichts geplant ist. Ich hab‘ Bock auf Fernsehen, mache mit Kitchen Impossible aber ja schon das geilste Kochformat, das ich je gemacht habe und vermutlich je machen werde. Diese Kreativität, diese Vielfalt, diese Produktion, diese Musik, dieses Storytelling, diese Geschichten, diese Liebe zum Detail, aber auch diese Bereitschaft, lustvoll zu scheitern – alles einmalig.

Lustvoll zu scheitern?

Es gab kürzlich eine Sendung, in der ich amtlich verkackt habe und drei Stunden paralysiert war – was die Kamera auch volle drei Stunden gefilmt hat, um genau jenen Moment zu erwischen, an dem ich diesen Kokon wieder verlasse. Das hätte auch noch sechs Stunden dauern können, das Team versteht sich da fast als Tierfilmer, die tagelang auf der Lauer liegen, bis die Schlange die Maus frisst. Da merkt man: wir alle nehmen das Thema gleich ernst.

Wie erklären Sie sich, dass dieses eigentlich sehr gewöhnliche Thema Kochen seit mittlerweile mehr als 15 Jahren zum absoluten Zugpferd der Fernsehunterhaltung zählt?

Ach, das ist wie Fußball oder Pornografie – man hat doch auch da schon tausendmal gesehen, wie irgendwas irgendwo versenkt wird, trotzdem gucken die Leute weiter. Kochen ist Alltag, Kochen ist Unterhaltung, Kochen ist schön. Wobei es genügend Leute gibt, die meine Fresse und die vieler Kollegen nach 15 Jahren nicht mehr sehen können. Wichtig ist, dass wir die Formate und damit uns selbst weiterentwickeln.

Was bei Ihnen heißt?

Privat bin ich mir treu geblieben, aber am Bildschirm habe ich vom lauten Larry zum ruhigen Familienmensch mehrere Persönlichkeitsentwicklungen vollzogen. Auch weil ich bestimmte Stresssituationen zu bewältigen hatte.

Ihr Burnout.

Genau. Aber als Pinneberger war ich schon immer geerdet, da gab es kein Abheben, keinen Höhenflug, ich bin wie ich bin und hatte immer ein festes Fundament.

Weil Sie auf sich selbst hören oder ihr Umfeld?

Auf beide. Aber wesentlicher als jeder Ratgeber ist meine Antenne. Die funktioniert meistens sehr gut und lässt mich zufrieden auf mein Leben blicken.

Mündet diese Zufriedenheit manchmal gar in Stolz auf das, was Sie einst in der Medienlandschaft ausgelöst haben?

Ach, stolz war ich eigentlich nur einmal. In England, wo ich nach der Ausbildung gearbeitet und mit sehr viel Arbeit sehr einsam sehr wenig Geld verdient habe. Als wir im Rahmen von Kitchen Impossible dort waren, hab‘ ich einen Abstecher ins alte Restaurant gemacht und mich in den Hinterhof gestellt, wo die Bahn so vorbeirattert. Da hatte ich plötzlich dieses Gefühl, es von dort aus zur Marke Mälzer geschafft zu haben. Das war schon Stolz, aber eher, es durch alle Höhen und Tiefen dorthin geschafft zu haben, wo ich machen kann, was ich will und nicht, was mir  ein anderer sagt.

Und bezogen auf die Fernsehkochbranche?

Höre ich seit fast 15 Jahren, dass sich das ja bald mal totgelaufen haben müsste. Ist aber nicht so, die Leute gucken zu. Fertig. Kochen ist halt wie Musik: entweder man mag den Interpreten oder man mag ihn nicht. Und die meisten im Fernsehen werden gemocht.

Aber mögen die Zuschauer eher Köche oder deren Lieder. Anders gefragt: geht es um die Show oder das Kochen?

Wieder beides. Köche kommen wie Popstars über die Songs, aber eben auch die Performance. Und da liefern Rammstein oder Songwriter zwar unterschiedliche Shows ab, aber ohne geht es bei beiden nicht.

Sind Sie da eher der Rammstein- oder der Songwriter-Typ?

Schon eher Rammstein, aber mit besserem Text.

Waren Sie bei aller Show im Laufe Ihrer Karriere auch ein Pädagoge, der den Leuten das gute Essen für wenig Geld beibringen will?

Das versuchen wir immer mal wieder, aber ich kann mich selber nicht ernst nehmen, wenn ich missionarisch rüberkomme. Manchmal wird von mir mehr Tiefe gewünscht. Meine Position ist jedoch definitiv eher die des Entdeckers, besser noch: Katalysators, der Neuentdecktes ein bisschen verständlicher macht. Ich motiviere die Leute also lieber, Dinge selber zu finden, so wie das bei mir einst auch gelaufen ist.

Würden Sie im Rückblick sagen: mit maximalem Erfolg?

Na ja, ich war schon ein Talent, das mit etwas mehr Ehrgeiz auf dem harten Karriereweg zu einem der wirklich guten Köche hätte werden können. Das fand ich nur langweilig, und es hat mich auch nicht berührt. Berührt hat mich Jamie Oliver, der im gleichen Londoner Laden wie ich mit unglaublicher Lust am Suchen war. Aber als Anke Schäferkordt über mich gesagt hat, der Typ gehört nicht ins Fernsehen, sondern in den Knast, und ihr Redaktionsleiter Hans Demmel entgegnete, das stimmt, sofern er von dort eine Kochsendung macht, ging ich auf dem Fernsehweg Richtung Maximum.

Ein Maximum fürs Volk gewissermaßen, ohne Trüffel und Chichi?

Ach, es gibt in der Kulinarik so viele Blickwinkel aufs Gleiche. Zum Beispiel Rückwärtsgaren: Du kannst ein Stück Fleisch in Ofen schieben, dann anbraten, fertig. Du kannst es erst anbraten, dann in Ofen, fertig. Oder du machst es wie ich und brätst nur an, auch fertig, aber nicht besser oder schlechter, sondern meine Art. Wenn es funktioniert, hat jeder Koch recht. Meine Mission ist allenfalls: sammel Informationen und triff deine eigene Entscheidung. Ich gebe dazu nur die Impulse, entwickle mich aber auch ständig weiter.

Haben Sie bei dieser Art Hilfe zur Selbsthilfe eine Art umgekehrten Standesdünkel entwickelt, nicht auf den Pöbel niederzuschauen, sondern auf die Haute Cuisine?

Ich beurteile nie, ich beobachte nur. Deshalb mag ich auch weder Gastroführer noch Kritiker, denn beide führen zur Vereinheitlichung, und plötzlich hat immer etwas Knuspriges dabei zu sein. Das darf jeder machen, wie er will, aber meine Erbsensuppe braucht nichts Knuspriges, auch wenn das besser aussieht. Senfeier sehen auch scheiße aus, schmecken aber genial. Andererseits herrscht ohne Avantgarde Stillstand und alle kochen Mälzer- und Oliver-Rotz. Man darf das nur nicht mit Hipster-Zeugs wie der Craft-Welle verwechseln, in der dieselbe Wurst auf schwarzem Papier serviert wird, was die gleiche Wurst wie vor 1000 Jahren ist. Ich will das natürlich trotzdem alles verstehen. Gelingt mir nur nicht immer.

Und was ist Ihr Lieblingsessen?

Wenn ich koche, koche ich simpel. Ich esse unfassbar gern Nudeln. Und Schmorgerichte: Anbraten, Ofen, Mondamin rein, fertig.



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