Káryyyn, Louis Jucker, Quentin Sauvé

Káryyyn

Wenn einer Musik die innere Zerrissenheit der Komponistin anzuhören ist, ohne melodramatisch zu sein, muss schon etwas dran sein an dieser Wirrnis. Die Kalifornierin KÁRYYYN mit drei Y in Großbuchstaben und Wurzeln in Syrien, war nach einer Reise ins Heimatland ihrer Ahnen innerlich so zerrissen, dass sie nach der Sterbebegleitung zweier Familienmitglieder im schwer umkämpften Aleppo förmlich in Fetzen lag. Umso verblüffender ist es da, wie akkurat dieser Scherbenhaufen nach Káryyyns Umzug übers Cherry Valley nach Berlin vor zwei Jahren plötzlich klingt.

Ihr irritierend schönes Debütalbum The Quanta Series, das sie dort mit Frank Wiedemann produziert hat, ist ein so aufgeräumtes Durcheinander elektronischen Dreampops, dass man sich glatt darin verlieren könnte – wäre das scheinbare Chaos verhallender Flächen und sägender Samples nicht viel zu aufregend, um sich vollends fallen zu lassen. Ein bisschen wie einst Kate Bush auf einer Überdosis David Lynch reist Káryyyn durch ihr verborgenes Selbst und hilft uns mit elf verschroben disharmonischen Traumabewältigungen dabei, ins eigene vorzudringen. Und das ist ebenso tröstlich wie aufwühlend.

KÁRYYYN – The Quanta Series (PIAS)

Louis Jucker

Und weil ohnehin nichts langweiliger ist als die Gewohnheit entlang begradigter Asphaltstraßen, feiern wir hier gleich mal den nächsten großen Wurf kakophonischer Schönheit. Der Deutsch-Schweizer Louis Jucker, ehemals Schlagzeuger der Mathrock-Band The Ocean, hat sich dem Vernehmen nach in eine Hütte am Nordrand der norwegischen Zivilisation begeben und dort im Alleingang sein fünftes Solo-Album aufgenommen, das unglaublicherweise noch ein bisschen unzugänglicher ist als alle vorigen dieses Popzerstörers.

Denn Kråkeslottet  wie der Untertitel The Crow’s Castle im ortsüblichen Idiom heißt, klingt in der Tat wie Musik aus dem Krähenschloss. Mit unfassbar viel Gefühl fürs Unerwartbare, verknüpft Jucker seine Field Recordings mit folkloristischen Instrumenten bis hin zur skandinavischen Zither zu einer poetischen Sinfonie, über die sich sein zurückgenommenes Gitarrenspiel ebenso wie der blechern verhallende Gesang wie eine warme Decke im polaren Winter legt. Das ist fast immer zutiefst ergreifend und dennoch robust genug, um weiterhin als Alternative durchzugehen.

Louis Jucker – Kråkeslottet (The Crow’s Castle) (Hummus Records)

Quentin Sauvé

Ach, weißer Mann, du arme Wurst. Wenn dir weiße Frauen nicht grad die jahrtausendealte Alleinherrschaft mit so was Dreistem wie Gleichberechtigung oder dem Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit vermiesen, stellst du dich gern mal mit deiner allein Gitarre an den Rand riesiger Bühnen und singst davon, als Eremit deiner Gefühle vom Meer des Kummers umgeben zu sein und Einsamkeit zu trinken, bis du ersäufst in dieser Sackgasse. Auch Quentin Sauvé berichtet im Opener seines Debütalbums aus einer Dead End, die ihn zum Wahnsinn treibt, und man denkt instinktiv: herrje, noch so ein larmoyanter weißer Folkpoet. Wie Instinkte doch täuschen können!

Denn so viel er seinen Weltschmerz auch mit Leichenbitterstimmte intoniert: Whatever It Takes ist ein Werk von hinreißend glaubhafter Emotionalität. Und die zerfließt allein schon schon deshalb nicht im Selbstmitleid, weil der 30-jährige Franzose sie wie zuvor in seiner Hardcore-Band Birds in Row begleitet nur von dieser unverzerrt schrillen Gitarre und ein paar Effektgeräten zersägt, als sei er die Wiedergeburt des wesensverwandten Billy Bragg und seiner gefühligen Wut aufs Schweinesystem. Im neunten Stück Disapper zum Beispiel begleitet sie den herzzerreißenden Gesang nicht, sie schreddert ihn in einer noisigen Kakophonie. Nur: das klingt weder aggressiv noch pathetisch, sondern einfach nur traumhaft trotzig und wunderschön.

Quentin Sauvé – Whatever It Takes (icorruptrecords)

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