Karnevalswitze & Kostüm-Kitsch

Die Gebrauchtwoche

25. Februar – 3. März

Die Revolution ist vertagt. Zumindest teilweise. Das hyperrealistische Netflix-Drama Roma hat vor acht Tagen zwar drei der zehn nominierten Oscars geholt, darunter mit dem für die beste Regie ein Schwergewicht. Nur als bester fremdsprachiger Film prämiert worden zu sein, war aus Sicht des Streamingdienstes am Ende aber eine Enttäuschung – auch wenn selbst das angesichts der symbolischen Kino-Auswertung unter Cineasten für Wehklagen sorgt.

Dem steht ein Jubelgeschrei der ARD gegenüber, die Anfang April 12 von 17 Grimme-Preisen in allen wichtigen Kategorien erhält – bis auf die prestigeträchtige Serie, wo das ZDF mit Bad Banks triumphiert, dazu Amazons Beat und leicht überraschend: Hackerville von Turners Spartenkanal TNT. Käme das Netflix-Melodram Pose um eine schwarze Transfrau, die ihre Wohnung im kapitalismus- und aidsumtosten New York der 80er zum Heim für gleichermaßen benachteiligte Kinder macht, aus Deutschland – der Grimme-Preis 2020 wäre schon jetzt vergeben. Schon toll, wie randständig Serienhelden mittlerweile sein dürfen.

Vielleicht eignet sich in diesem Spektrum bald ein Journalist zur Serienfigur, etwa aus dem Nachlass des Pressepatriarchen Alfred Neven DuMont. Kurz nach dessen Tod schlagen seine Nachfolger das milliardenschwere Erbe in Stücke und trennen sich offenbar von allen Regional-Blättern, darunter der Kölner Stadt-Anzeiger am Stammsitz, wo 1626 die Keimzelle der Mediengruppe entstand. Darauf ein zünftiges Alaaf in die Karnevalsmetropole, die in den nächsten zwei Tagen nochmals auf Hochtouren feiert.

All die Festumzugs- und Prunksitzungsübertragungen, mit denen ARZDF und Dritte ihr Märzprogramm verstopfen, wollen wir an dieser Stelle trotzdem nicht empfehlen. Und den missglückten Doppelnamen-Witz des ortsansässigen Komikers Bernd Stelter, für den er bei einer Faschingssause im Ersten minutenlang von einer Zuschauerin im Saal attackiert wurde, kann man leider nicht mehr sehen, weil ihn der WDR aus seiner Mediathek gestrichen hat.

Die Frischwoche

4. – 10. März

Widmen wir uns also einer unfreiwillig lustigen Produktion: Bella Germania. Mit dem Dreiteiler zeigt das ZDF ab Sonntag zur besten Sendezeit, dass es sich auch 2019 für reaktionären Kostümkitsch im Stil der 50er nicht zu dämlich ist. Angeblich soll die Literaturverfilmung um italienische Gastarbeiter von einst die „Flüchtlingskrise“ von heute kommentieren. Tatsächlich ist die Schmonzette ein pünktchenkleidsüßes Heimatfilmrelikt, das durch einen Sprachsalat, in dem Einwanderer untereinander Deutsch mit italienischem Akzent reden, hart an der Lächerlichkeit wandelt. Dringende Bitte: Lieber ein Glas Honig löffeln, als damit Lebenszeit zu vergeuden.

Denn wenn schon Klischees, dann von Michael Kessler verabreicht. An gleicher Stelle porträtiert der famose Alltagsparodist im Lichte der Europa-Wahl Ziemlich beste Nachbarn, genauer: Russland, Italien und England, wo er drei Dienstage lang um 20.15 Uhr Stereotypen auf den Prüfstand stellt. Die verlieren zwar in der Regel nicht dadurch an Kraft, dass man auf ihnen herumreitet. Aber Kessler ist halt ein glaubhafter Analyst bürgerlicher Befindlichkeiten. Was über Umwege auch für Jan Georg Schütte gilt. Nachdem der Regisseur die Darsteller von Altersglühen und Wellness für Paare ohne Drehbuch in Speeddating oder Eheberatung geschickt hat, bittet er sein Star-Ensemble am ARD-Mittwoch nun zum Klassentreffen.

Wie sich Charly Hübner, Jeanette Hain, Fabian Hinrichs oder Nina Kunzendorf durchs 25. Abi-Jubiläum improvisieren – das ist erneut großes Stand-up-Theater. Grad im Vergleich zur gescripteten Scheinrealität von vier Paaren, die Pro7 parallel getrennt auf eine Temptation Island schickt, wo sie acht Teile lang der Verlockung durch baggernde Nebenbuhler trotzen. Eine Art Anti-Bachelor also. Nur nach Drehbuch. Also Null Improvisation, sondern Publikumsverarschung. Aber gut – wer nicht verarscht werden will, kann stattdessen gute Unterhaltung schauen. Setz Rogens Zehnteiler Black Monday zum Beispiel, ab Sonntag auf Sky. Ein schillerndes Potpourri des turbokapitalistischen Amerika nach dem Börsencrash 1987.

Spannend wäre am gleichen Tag um 22.05 Uhr auch das Arte-Porträt des Hollywood-Regisseurs Elia Kazan, der mit Filmen wie Endstation Sehnsucht Geschichte schrieb, dann aber in der antikommunistischen McCarthy-Hetze Ära eher schäbig agierte. Da vorweg sein Klassiker Jenseits von Eden von 1955 läuft, sind wir auch schon mitten in den Wiederholungen der Woche. Etwa mit zwei schwarzweißen Evergreens der rothaarigen Rita Hayworth aus den Vierzigern, die Arte heute im Rahmen seines Schwerpunkts Unabhängig, weiblich, stark zeigt: Gilda und Die Lady von Schanghai. Kein Weltkino, aber zeitlos lustig ist der Ruhrpott-Klamauk Bang Boom Bang (Samstag, 20.15 Uhr, SRTL) mit Oliver Korittke als Kleinganove im aberwitzigsten Raubzug der Komödiengeschichte von 1999. Der Tatort-Tipp ist dieses Mal eine Erstausstrahlung: Eva Löbau und Hans-Joachim Wagner sind im Schwarzwald-Fall Für immer und dich schlicht zu grandios für eine Gebrauchtwarenempfehlung.



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