G. Rubenbauer: Lebenswerk & Reporterpreis

Das Zumüllen mit Zahlen nervt

Ehrungen fürs Lebenswerk fühlen sich oft nach Ende an. Weil Gerd Rubenbauer (Foto: firo sportphoto/Augenklick) schon zehn Jahre im Ruhestand ist, nahm er den Sportjournalistenpreis zuletzt in Hamburg jedoch gelassen zur Kenntnis. Ein Interview mit dem Münchner Veteranen des Fernsehsport (vorab auf DWDL) über alte Hasen und junge Hüpfer, die Liebe zum Radio und den Hass auf Statistik.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Rubenbauer, Sie haben 40 Jahre das Sportgeschehen in aller Welt kommentiert.

Gerd Rubenbauer: Das kommt hin.

Und im Anschluss die vergangenen zehn Jahre zumindest aufmerksam beobachtet.

Eine ziemlich lange Zeit.

Was machen Sportberichterstatter im Fernsehen heute anders als zu Ihrer Zeit?

Ach, es hat früher schon solche und solche gegeben und gibt heute solche und solche. Interessanterweise kann ich meinen Beruf aber jetzt viel besser beurteilen als in meiner aktiven Zeit. Wenn ich vor zehn Jahren über Olympische Spiele berichtet habe, kriegte ich mit viel Mühe ein wenig von anderen Kernsportarten mit, war aber ansonsten auf das fixiert, worüber ich berichte. So gefangen wie damals in meiner Disziplin bin ich heute zum Glück nicht mehr.

Mit welcher Folge?

Alles zu sehen, was öffentlich-rechtlich, privat oder kostenpflichtig gezeigt wird. Ich bin vom eingeengt begeisterten Kommentator zum uneingeschränkt begeisterten Zuschauer geworden. Wenn ich sehe, wie das Produkt Fußball von Sky inszeniert oder wie man in unserer Sprache sagt: verkauft wird, ist das super.

Gilt das für alle Sportarten?

Leider nein. Wer wie Sky Geld verdienen muss, interessiert sich naturgemäß stärker für Fußball, während das olympische Gesamtpaketweiter bei ARD, ZDF und Eurosport landet. Wer wie ich dort hineingeboren wurde, hat sich daher nie nur als Fußballreporter verstanden. Wir waren Sportreporter. Alle. Diese Breite vermisse ich heute manchmal bei den Jüngeren. Was aber noch einen anderen Grund hat.

Welchen?

Die Ausbildung. Aus meiner Sicht sollte jeder Fernsehsportreporter beim Radio begonnen haben, es ist das Nonplusultra. Nichts schult die Augen besser als fürs Hören zu kommentieren. Du musst in Windeseile aus Worten Bilder machen, die alle auch ohne selbst zu sehen verstehen. Deshalb habe ich mich mein Leben lang immer am meisten über die Reaktionen von Blinden gefreut, denen ich das Spiel ohne überflüssige Sprüche, nur dank präziser Beschreibungen nähergebracht habe.

Aber sind am Bildschirm nicht eher Sprüche als Beschreibungen gefragt?

Absolut. Umso mehr stört es mich senderübergreifend, wenn mir als Zuschauer das erklärt wird, was ohnehin zu sehen ist.

Aber genau das tun jüngere Kollegen doch, indem sie das reine Beschreiben von Spielzügen durch Emotionen ersetzen.

Das war zu meiner Zeit nicht anders, ich habe mich auch dank meines süddeutschen Naturells emotional anstecken lassen und wurde für meine Begeisterung nicht selten kritisiert.

Aber es gab doch auch Kommentatoren, die in sonorem Tonfall geschildert haben, wer gerade wem den Ball zuspielt, und wenn ein Tor fiel, klang das wie ein Amtsvermerk.

Da haben Sie Recht, aber nochmals: es gibt und gab solche wie solche. So gesehen hat sich im Grunde nur eins an meinem Beruf grundlegend verändert, und ich beklage das sehr: ein Übermaß an Statistik. Dieses Zumüllen mit Zahlen nervt mich unglaublich, manchmal mitten im Spielzug. Furchtbar!

Ist das auch Geschmackssache?

Nein, das Publikum teilt zu großen Teilen diese Kritik, das weiß ich aus vielen Reaktionen. Fragen Sie mal, wer sich am Tag nach dem Spiel an Statistiken erinnert und wer an Analysen? Ich kenne niemanden, der ersteres im Gedächtnis behält. Interessiert abgesehen von seltenen Ausnahmen halt kein Schwein.

Aber welche Motivation steckt denn aus Ihrer Sicht hinter dieser Zahlenwut?

Vielleicht der Wunsch, als besonders fachkundig zu gelten. Aber das kommt kaum mal rüber. Ich wünsche mir da den Mut, das Live-Erlebnis plastisch zu machen. Ein guter Kommentator muss engagiert, kompetent und emotional sein, aber auch so kritisch, dass er sein Temperament zügelt, sobald es der Wettkampf nicht wert ist.

Dummerweise würde das bedeuten, dass man im Milliardengeschäft Profisport sein teuer bezahltes Produkt schlechtredet…

In der Tat, das ist ein echtes Problem. Ich war früher ja genauso gefährdet, in die eine oder die andere Richtung zu überspannen. Trotzdem denke ich, dass man zwar auch zu euphorisch sein kann, aber zu kritisch, geht den Zuschauern mehr auf die Nerven.

Parteilichkeit ist also erlaubt?

In der Bundesliga auf keinen Fall, und auch bei einem Länderspiel sollte die Bewertung sachlich bleiben. Trotzdem darf und soll man seine Freude über ein gutes Spiel der eigenen Mannschaft zeigen. Wichtig ist, dass die Gratwanderung zwischen eigener Zuneigung und objektiver Einschätzung gelingt.

Ist Ihnen diese Objektivität je komplett flöten gegangen?

Ja, aber es ist dann meist gelungen, mir innerlich auf die Zunge zu beißen. Beim WM-Finale in Italien 1990 habe ich 90 Minuten lang gedacht, wenn die Argentinier, die meist nur durch Fouls aufgefallen sind, jetzt durch irgend so einen Glückstreffer gewinnen, beiß ich mir, pardon, in den Arsch. Aus Angst vor solcher Ungerechtigkeit macht man das Spiel vielleicht hier und da etwas besser, als es tatsächlich ist, das hat es gewiss gegeben. Aber auch als Reporter fiebert man mit, ist doch logisch.

Hören Sie sich manchmal alte Rubenbauer-Kommentare an?

Höchstens zufällig.

Und sagen Sie dann tendenziell, gut gemacht oder um Gottes Willen?

Teils, teils. Wie jeder Mensch, der sich in früherer Vergangenheit sieht. Aber selbst, wenn etwas misslungen war: Der Zuschauer verzeiht dir einiges, sofern du mit Herz, Hirn, Sachverstand dabei warst.

Wie lautet da denn der Ratschlag des alten Hasen an junge Hüpfer, objektive Euphorie nicht in kritikloses Hochjubeln abgleiten zu lassen?

Genau über dieses Abgleiten nicht nachzudenken, also freien Lauf lassen. Je mehr Erfahrung man gerade im Alter hat, desto natürlicher klingt es dann.

Kann man sich nach 50 Jahren intensiver Sportbeschäftigung eigentlich einfach vor den Fernseher setzen und das Ereignis genießen oder beginnt man da automatisch Inszenierung, Technik, Kollegen zu bewerten?

In keiner Weise, denn erstens weiß ich, wie schwer der Job für alle ist, und finde zweitens, dass ihn die meisten wirklich gut machen.

Gibt es jemanden von den jüngeren, den Sie besonders wertschätzen?

Natürlich, etliche. Einige davon habe ich ja selbst als Coach geschult, aber ich werde den Teufel tun, einzelne herauszuheben.

Sie selbst erhalten in ein paar Stunden den Sportjournalistenpreis fürs Lebenswerk. Fühlt man sich da wirklich geehrt oder auch ein wenig beerdigt?

Ich fühle mich durchaus geehrt, aber mein großartiger Kollege Harry Valérien hat mal zu mir gesagt, Bursch, wennst Preise fürs Lebenswerk kriegst, weißt du, jetzt geht’s nimmer lang. Da fragst du dich schon: nutzen sie da nur die Chance, bevor du geistig und körperlich gebrechlich wirst, oder meinen die das ernst? Andererseits ist so ein Preis auch Anlass, diese 40 Jahre in dem Beruf mal Revue passieren zu lassen. Die meisten davon fand ich ja schon faszinierend und viele Momente unvergesslich.

Zum Beispiel?

Ach, da gab es so viele. Als ich den Abfahrer Franz Klammer mal heulend in der Wachshütte getroffen habe oder erlebt, wie aggressiv, aufbrausend, jähzornig Franz Beckenbauer bei seiner ersten WM als Trainer 1986 zu Journalisten war und wie gelassen, umgänglich, nett vier Jahre später beim Sieg in Italien. Das bleibt ebenso haften wie die wunderbaren Winterspiele von Lillehammer 1994, als die Olympische Bewegung zum vielleicht letzten Mal für Sportler, Publikum und Journalisten ganz bei sich selbst war.

Haben Sie Hoffnung, dass sich das nochmals wiederholen kann?

Ich bin da eher skeptisch.

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