Claus Kleber: heute-journal & Entertainment

Wer langweilt, informiert nicht

Claus Kleber (Foto: Bernd Arnold/journalist) ist Nachrichtenmoderator und Schwiegermuttertraum, Korrespondent und Anchor, gutes und schlechtes Gewissen der deutsche Medienlandschaft schlechthin. Ein Gespräch mit dem 63-jährigen Gesicht des heute-journal über Eye-Candy am Bildschirm, die Tücken der Haltung und warum er sich andauernd nach Feldarbeit sehnt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Claus Kleber, wenn das Thema auf Ihre Person fällt, ist schnell auch von der Augenfarbe die Rede. Stört es Sie, so auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden?

Claus Kleber: wie kommen Sie darauf – hat Ihre Erkenntnis empirische Grundlagen?

Abgesehen von meiner eigenen Mutter, die ständig von Ihren Augen schwärmt, sind es allein 88.000 Google-Treffer, die „Blaue Augen“ plus „Claus Kleber“ ergeben.

Das ist wirklich interessant, weil ich persönlich eigentlich nie darauf angesprochen werde und ehrlich auch meinen Namen nie in Kombination mit anderen Begriffen google.

Sie fühlen sich also nie auf Äußerlichkeiten reduziert?

Nein. Ich erinnere mich allerdings daran, dass mir ein Pharma-Konzern ganz am Anfang meiner Zeit beim heute-journal ein irrsinniges Honorar dafür geboten hat, meine Augen für irgendwelche Tropfen fotografieren zu lassen. Völlig absurd!

Und?

Hab‘ ich nie drauf reagiert. Ansonsten kommt zwar ab und zu mal jemand an und bezeichnet sich mit Verweis auf irgendetwas Optisches an mir als mein größter Fan. Das war’s. Was ich hingegen öfter höre, ist „der Typ mit dem schiefen Gesicht“, was ja nicht nur schmeichelhaft ist. Soll ich mich über die Frage mit den Augen eigentlich freuen, ärgern oder worauf zielt sie ab?

Darauf, wie viel Emotionalität, Entertainment, Eye-Candy seriöse Nachrichten und Magazine im öffentlich-rechtlichen Programm vertragen?

Verglichen damit, wie wichtig Themen, Auswahl, Präsentation und Zuschnitt der Informationen sind, nicht viel. Wenn die Form wichtiger als der Inhalt, ist das alles irrelevant. Ich bin nie auf die Idee gekommen, dass der Erfolg von Nachrichten mit dem Look zusammenhängt. Ich erinnere mich gut an einige der ganz großen Reporter-Gestalten wie Walter Cronkite, die okay aussahen, aber doch nicht wie Models. Gilt genauso für Friedrich Nowottny, Ernst Dieter Lueg oder Peter Scholl-Latour die gewiss keine Dressmen waren, sondern ihren Appeal aus der Sache zogen. Gehen Sie deutschsprachige Moderatoren doch mal durch.

Nehmen wir Peter Kloeppel.

Zum Beispiel. Wirklich jeder und jede strahlt da Seriosität aus. Dennoch käme ich nie auf die Idee, sie nach Poster-Kriterien zu bewerten. Wichtiger als Verpackung ist das Geschick, dem Publikum die Bedeutung des Inhalts zu vermitteln.

Was sind diesbezüglich Kriterien, dass Nachrichten für glaubwürdig, gar wahrhaftig gehalten werden?

Werden sie das? Ich habe den Eindruck, dass das immer schwieriger wird. Was den Auftritt von Moderatoren angeht, deckt die Kamera Fakes erbarmungslos auf. Wir sind keine Schauspieler. Wenn wir Banalitäten mit künstlicher Empathie oder Begeisterung vermitteln, spürt das Publikum sehr schnell, dass da ein Missverhältnis besteht. Deshalb provoziere ich in unserer Konferenz, die wie vorhin ganz schön kontrovers ablaufen kann, gerne mal den Widerspruch der Redaktion.

Das Kontroverse war allerdings am Rande des Streits.

Weil in einer engagierten Debatte am besten rauskommt, wo der interessante Kern einer Geschichte liegt. Wenn es keinen gibt, schmeißen wir sie raus. Ich hoffe, es hat nichts mit Nabelschau zu tun: Nach meiner Erfahrung ist es ganz gut, danach zu fragen, was wir als Redakteure eigentlich selbst am Abend sehen wollten, wenn wir heute frei hätten. Was mich nicht interessiert, kann ich auch nicht als interessant verkaufen.

Heißt das, Sie haben eine Art Vetorecht?

Das ist nirgendwo geregelt. Es gibt aber so was wie ein unausgesprochenes Vorrecht des Moderators notfalls „nein“ zu sagen. Ich habe noch keinen Beitrag moderiert, den ich nicht senden wollte. Wesentlich schwieriger ist es, etwas unbedingt in der Sendung haben zu wollen. Dafür muss man  ja auch jemanden finden, der oder die den Beitrag macht. Aber auch wenn unsere Konferenzen diskursiv bis streitbar sind – am Ende finden wir immer einen Konsens.

Heißt das sogar, dass redaktioneller Streit zur besseren Sendung führt?

Ja! Wenn alle nur dasitzen und nicken, würde der Job erstens keinen Spaß machen, weil zweitens Langeweile entsteht. Wir fetzen uns gerne und oft. Aber sachlich.

Ist das das Wesen von Journalismus mit Haltung?

Ich habe Schwierigkeiten mit dem Begriff, weil Haltung oft als Feigenblatt für Denkfaulheit dient, das Mittreiben im Mainstream: Trump ist blöd, die Rüstungsindustrie kriminell, Autoindustrie neuerdings auch, die Politik verlogen – wer in diesem bequemen Korridor deftige Formulierungen findet, darf sich einbilden, eine Haltung zu haben, ohne sich mit der Sache wirklich zu befassen.

Zum Beispiel?

Besteht der Diesel-Skandal wirklich nur aus einer Branche, die betrogen hat, und dem CSU-Minister, der das deckt? Nein! Die Geschichte geht tiefer. Um dahin vorzudringen, muss man allerdings tief graben, was sich manche Journalisten durch Haltung ersparen. Wenn ich auf VW oder Herrn Scheuer herumhacke, darf ich mir breiter Zustimmung gewiss sein. Nur, wer  mit tiefergehender Recherche auch mal gegen den Strom schwimmt, riskiert Widerspruch.

Aber war es nicht Ausdruck einer solchen Mainstream-Haltung, im August 2016 Zweifler an der Willkommenskultur mit Nationalisten gleichzusetzen, wofür Sie der Spiegel damals heftig kritisiert hat?

In der Tat. Damit hat der Kollege Fleischhauer einen Punkt gemacht. Der Vergleich war von meiner Seite so zwar nicht gemeint, aber missverständlich formuliert. Die Kritik des Spiegelwar berechtigt. „Touchè“, wie der Fechter sagt. Ich glaube, das habe ich ihm damals auch geschrieben.

Teilen Sie denn die Meinung vieler Beobachter, klassische Medien hätten im Kampf mit den digitalen nur dann eine Überlebenschance, wenn Sie meinungsstark sind?

Nochmal: ich sehe das nur, wenn die meinungsstarke Haltung Ergebnis offener Recherche ist. Natürlich gibt es Themen, die dieser Prüfung nicht mehr bedürfen. Menschenrechte zum Beispiel, damit treibt man keine Scherze. Darüber hinaus aber macht es mir viel Spaß, Gegenpositionen einzunehmen – da kommt vielleicht meine juristische Ausbildung durch. Das macht die Sendung lebendig, damit sehenswert, also konkurrenzfähig.

Was heißt lebendig in diesem Fall?

Als die Berichterstattung nach den mutmaßlichen Mord eines Flüchtlings reflexartig schrieb, um Gottes Willen nicht zu verallgemeinern und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, begrüßte ich mit „Guten Abend. Was wir zu berichten haben, begann mit einem Mord. Ein Mensch ist tot, weil ein anderer ihn umgebracht hat“. Dafür gab es natürlich auch Beifall von der falschen Seite, aber mir war es wichtig, nicht aus Abneigung gegen die „Ausländer-raus-Brüller“ auf Klartext zur ursprünglichen Tat zu verzichten.

Könnte man dieser Anmoderation nicht vorhalten, effekthascherisch zu dramatisieren?

Bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht. Einen Schritt weiter gedacht, fällt Wohlmeinenden hoffentlich auf, dass hier Dinge ins Lot gebracht werden. Mit Effekthascherei hatte das nichts zu tun.

Ersetzen wir Effekt durch Entertainment: Wie viel Unterhaltsamkeit vertragen seriöse Nachrichten, ohne an Seriosität zu verlieren?

Wer langweilt, kann nicht informieren. Das macht unterhaltsame Nachrichten aber noch nicht zu Infotainment, sondern verpackt Fakten auf eingängige Art. Trotzdem geht es uns nicht um Unterhaltung, sondern darum Informationen zu gewichten, sortieren, verständlich zu machen. Das macht 80 Prozent unserer Arbeit aus und ist anstrengend. Über den Tag hinweg werden viele Nachrichten ja einfach von Leuten wiedergekäut, die sich keinen Kopf über die Zusammenhänge machen. Die Welt ist zu kompliziert für einfache Lösungen.

Ist die Ansprache abgesehen von der Auswahl seit Ihrem Einstieg im heute-journal vor 16 Jahren dennoch lockerer geworden, weniger staatstragend?

Hab‘ ich nicht das Gefühl. So zu reden, wie die Menschen auch vor den Bildschirmen reden, war ein Gründungsimpuls des heute-journals, aber auch der Tagesthemen, also nicht so verschraubt wie es in den Nachrichten damals üblich war. Weil ich zu Schachtelsätzen neige und meine Wortkaskaden oftmals zu kompliziert sind, muss da permanent an mir arbeiten.

War das 15-minütige heute-journal am Wochenende da womöglich ein gutes Training, schneller auf den Punkt zu kommen als alltags auf doppelter Länge?

Nicht unbedingt, schon weil die Soll-Länge meiner Moderation in der Woche im Schnitt 50 Sekunden beträgt und am Wochenende 40. Der Unterschied ist nicht so grausam.

Zumal die Sendezeit am sonntags künftig so lang ist wie werktags. Warum?

Weil wir das Gefühl hatten, dass wir ausgerechnet am Sonntag, wo man die Dinge mal etwas ruhiger Revue passieren lassen und sortieren kann, am wenigsten „Journal“ waren. Sogar die Hauptnachrichten sind da ja länger. Unser aller Ziel in der Redaktion ist es, aus der Sonntagsausgabe fortan eine besonders abwechslungsreiche, wenn Sie so wollen: interessantere zu machen. Eine, die nicht unbedingt am Tag klebt. Das Geschehen mit mehr Ruhe zuzubereiten, heißt aber nicht, dass es langsamer werden muss. Im Gegenteil.

Ist die Erweiterung auch ein Signal an die Branche, seriöser Information im Getöse von Netz und Populisten mehr Raum zu geben?

Unbedingt, das ist eine Entscheidung – da haben wir’s wieder – gegen den Strom. Und wir belegen, dass das Gerede vom absteigenden Ast, auf dem sich öffentlich-rechtliche Medien angeblich befinden, nicht stimmt. Im Gegenteil. Das heute-journal ist erfolgreich wie seit 25 Jahren nicht mehr. Da ist die Erweiterung ein ermutigendes Signal in die Medienlandschaft. Ich bilde mir nicht ein, dafür verantwortlich zu sein, werbe dafür aber seit meinem ersten Tag beim ZDF.

Ist das dennoch auch als Signal an die Gegner der freien Presse zu verstehen, jetzt erst recht!

Das würde ich bei bislang drei Stunden heute-journal pro Woche angesichts von 15 Minuten mehr nicht überschätzen. Ich freue mich über die zusätzliche Spielfläche an diesem wichtigen Tag, aber wir lassen die Kirche im Dorf. Viel mehr würde ich mir wünschen, dass unsere Ressourcen wachsen, denn wir stoßen hier jeden Tag an die Grenzen des Möglichen. Sie kennen das ja…

Sparzwänge.

Genau. Die ARD hat mit 18.000 Mitarbeitern weit größere Ressourcen als wir mit 3000. Das ZDF durfte ja fünf Jahre de facto niemanden einstellen. Uli Gack, unser Reporter in Kairo, berichtet daher im Moment über vier Kriege einer riesigen Region. Aber bei unvorhergesehenen Ereignissen wie in Chemnitz wünsche ich mir auch hier mehr Personal vor Ort, und zwar nicht nur, wenn’s brennt, sondern auf Dauer.

Das kostet natürlich.

Aber der finanzielle Druck ist nicht heilsam, der personelle schon gar nicht. Ich bin zwar jeden Tag dankbar, dass mir hier niemand in den Nacken atmet und sagt, wir sollen mehr Quote machen. Aber wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es nicht nur mehr Sendezeit, sondern vor allem mehr Reporter.

Sind es demnach harte Zeiten für Journalisten oder im Gegenteil besonders spannende, weil sie sowohl personell als auch inhaltlich besonders gefordert werden?

Eindeutig spannendere. Fordernde sind gute Zeiten. Zumal sich nichts mehr versendet, wie man früher sagte. Weil alles, was wir zeigen, im Netz verfügbar bleibt, ist unsere Arbeit für die Ewigkeit. Das gilt auch im Negativen. Wenn ich Fehler mache, bleibt das viel länger im Gedächtnis als früher. Dass uns ständig Menschen über die Schulter blicken hat die Anspannung erhöht, aber ohne dieses Feedback könnte man vom Studio aus den Eindruck gewinnen, nur für uns zu arbeiten. In Wirklichkeit sind wir für vier Millionen Menschen Tag für Tag womöglich die wichtigste Informationsquelle. Nehmen wir diese Verantwortung nicht im Dienst der Zuschauer wahr, wird  uns das von um die Ohren gehauen. Mit Recht.

Reagieren Sie auf solche Kritik im Zweifel persönlich?

Soweit es mir möglich ist, schon – sofern es in anständigem Tonfall erfolgt, der gerne scharf, aber nicht beleidigend sein darf. Anders verhält es sich, wenn wir mit Dreck beworfen werden, denn das hat nichts mit konstruktiver Kritik zu tun. Darauf reagiere ich nicht. Wobei ich da gewiss nicht das bevorzugte Opfer bin; das betrifft Kolleginnen wie Dunja Hayali wesentlich stärker als mich.

Sie haben annähernd 20 Jahren in den USA gearbeitet.

17, um genau zu sein.

Und dabei vier Präsidenten erlebt.

Angefangen noch bei Ronald Reagan, dann Bush Senior, Clinton, Bush Junior. Und Obama habe ich immerhin bei Wahlsendungen erlebt und später – im NSA-Skandal – interviewt.

Wäre es aus journalistischer Sicht verlockend, im Amerika Donald Trumps zu arbeiten, der den Dreck von höchster Stelle wirft und die Presse regierungsamtlich angreift?

Verlockend ja. Aber Trump ist der erste US-Präsident, den zu interviewen mich nicht interessiert. Weil er im Grunde nur Selbstgespräche führt, kann man ihn ja nur vor sich hin plaudern lassen und erhält dabei die gleichen Antworten, als würde man ihn herausfordern. Im Gegensatz dazu hatte ich bei all seinen Vorgängern wirklich gute Zeiten. Dass es für freie Medien schwieriger, ja unerfreulich geworden ist, in den USA tätig zu sein, liegt allerdings nicht an Trump allein, sondern dem Wandel der gesamten Diskussionskultur. Schon vor der letzten Präsidentschaftswahl bröckelte dieser unausgesprochene Konsens, dass Politiker und Journalisten zwar bisweilen scharf, aber nie feindselig miteinander umgehen.

Das war schon unter Obama der Fall?

Ja, aber nicht mit Obama. Als ich ihm mal die Frage gestellt habe, wieso seine Amtszeit nach der anfänglichen Euphorie zu solch einer Enttäuschung werden konnte, hat er offen und ehrlich geantwortet. Das wäre im Interview mit deutschen Spitzenpolitikern kaum denkbar. Diese Art harten Respekts voreinander habe ich aus den USA mit nach Deutschland genommen.

Was haben Sie beruflich noch von dort mit heimgebracht?

Eine gewisse Gelassenheit. Und die Wertschätzung fürs Reporting, das, was wir Recherche nennen, aber nicht am Schreibtisch erfolgt, sondern am Ort des Geschehens. Ich habe mein Handwerk als Lokalreporter gelernt. Immer noch die beste Schule. Wir alle gehen zu wenig dorthin, wo Geschichte wirklich stattfindet. Das Internet hat alle, auch uns Journalisten, dazu verführt, die Welt vom Computer aus verstehen zu wollen. Als Reporter an Ort und Stelle zu sein, wird – jedenfalls dem Anspruch nach – im amerikanischen Fernsehen weit höher gehalten als im deutschen. Das habe ich mir bewahrt. Und ich merke es auch Kolleginnen und Kollegen an, die ein paar Monate oder länger in den USA sind, dass sie diesbezüglich verändert nach Deutschland zurückkehren. Meist sind sie begeistert.

Sehnen Sie sich manchmal ein wenig nach echter Feldarbeit, wenn Sie die Welt so vom Mainzer Lerchenberg aus betrachten?

Nicht nur manchmal. Deswegen ist es für mich so wichtig, für unsere Dokumentationen raus zu gehen. Aber in den 16 Jahren beim heute-journal konnte ich das so regelmäßig tun, dass ich sogar mehr von der Welt gesehen habe als in den Korrespondentenzeiten zuvor. Die Arbeit daran ist zwar mörderisch, da mir zum Drehen immer nur das Zeitfenster zwischen zwei Moderationswochen bleibt. Sieben Tage bis Sonntag moderieren, Montag früh in den Flieger, Samstag zurück und aufs journal vorbereiten – da arbeitet man schnell mal sieben Wochen ohne freien Tag durch.

Immerhin gelten Sie dafür als bestbezahlter Fernsehjournalist Deutschlands…

Das glaube ich nicht. Das hat irgendwann mal jemand behauptet und seitdem schreibt es jeder vom anderen ab. Ich werde gut bezahlt, aber das ZDF schmeißt kein Geld raus.

Können Sie sich vorstellen, das Studio irgendwann wieder ganz gegen die Welt freiberuflicher Recherche-Reporter zu tauschen, wie es viele ihrer Kollegen von Jens Jessen bis Georg Mascolo getan haben?

Als Korrespondent? Ja! Aber ich fürchte, es bietet mir keiner an. Das ZDF will wohl, dass ich den Job hier noch weitermache. Solange ich außerdem Dokus machen kann, sind alle meine Wünsche erfüllt.

Vor zehn Jahren haben Sie Ihre Festanstellung beim ZDF in Freiberuflichkeit verwandelt, nachdem es zuvor nicht mit der Chefredaktion des Spiegel geklappt hatte.

Was heißt nicht geklappt? Es war zwar ein sehr verlockendes Angebot, aber das vom ZDF war es ebenfalls.

Wenn man das Nachrichtenmagazin jetzt betrachtet: sind Sie angesichts der Affäre um Claas Relotius froh, es heute nicht zu leiten?

Nein. Man denkt schon darüber nach, was sich im Leben geändert hätte, wäre man irgendwo anders abgebogen. Aber ohne jede Wehmut. Jedenfalls werde ich mich hüten, zu behaupten, unter meiner Leitung könnte es einen Fall Relotius nicht geben.

Wie wappnet sich das heute-journal dagegen, Lügen oder auch nur unsauberen Recherchen seiner Mitarbeiter aufzuliegen?

Unsere Sinne sind geschärft. Aber ich kann mir von keinem meiner Kollegen vorstellen, dass er oder sie dazu in der Lage wäre.

So wie es sich niemand von Claas Relotius vorstellen konnte.

Von dem wohl sogar am wenigsten! Wir fragen selbst verlässliche, altgediente Korrespondenten schon mal, ob alles wirklich genauso vorgefallen ist, aber ohne Argwohn. Es geht nicht ohne Vertrauen. In einer tagesaktuellen Sendung wie unserer greifen Kontrollmechanismen aber schon deshalb weniger, weil viele Stücke erst kurz vorm Beginn reinkommen. Das kriegt oft nicht mal die Schlussredaktion zu sehen.

Als die Verhandlungen der Jamaika-Koalition geplatzt sind, ging das heute-journal sogar mal länger live auf Sendung…

Live sind wir immer! Außer, wir können einen Gesprächspartner nicht überreden, zu unserer späten Zeit zu kommen oder es ist ein besonders komplexer Erklär-Raum mit 3D-Elementen. Beim End of Jamaica haben wir gesendet, bis alles im Bett war. Aber es war aus journalistischer Sicht ein großartiger Abend.

Wie groß schätzen Sie als eine der prominentesten Figuren der deutschen Medienlandschaft Ihren Einfluss aufs Metier ein?

Als weit überschätzt. Das habe ich früh gelernt. Als ich noch ARD-Studioleiter in Washington wurde, kam gerade die Affäre Bill Clintons mit Monica Lewinsky hoch. Es gab dazu anfangs fast täglich einen Brennpunkt, und ich hatte Abend für Abend dieselbe Botschaft: Das ist weit mehr als Wühlen im Privaten! Der amerikanische Präsident ist nicht nur der leitende Angestellte eines Landes, wie sich Helmut Schmidt genannt hat, sondern dicht hinter Patriotismus, Dollar und American Dream der integrierende Bestandteil dieser diversen Nation!

Und das heißt?

Wenn er sich mit Dreck besudelt, ist das demnach nicht privat, sondern öffentlich. Und das habe ich durchs denkbar größte Megafon – die Tageschau mit zehn Millionen Zuschauern – in die Republik gerufen. Jeden Tag. Doch dann komme ich zurück nach Deutschland, und was passiert? Alle, wirklich alle sagen mir: Tolle Berichte machst du! Hab ich alles gesehen. Aber die Amis spinnen doch. Dieses irre Rumwühlen in einer Privat-Affäre… Seither weiß ich: Mein Einfluss ist minimal.

Gibt es da kein Gegenbeispiel?

Nö. Wenn ich was über Menschenrechte mache, höre ich schon mal, dass den Zuschauern ein Licht über deren Bedeutung aufgegangen sei. Aber ich habe nie jemanden erlebt, der meinte, ich hätte seine Weltsicht verändert oder auch nur die meiner Branche.

Reicht Ihre Eitelkeit aus, sich das Gegenteil zu wünschen und ihr Metier verändern, also aktiv gestalten zu können?

Das überlasse ich den Politikern, und zwar gern. Ich fühle mich als kritischer Beobachter am besten eingesetzt.

Der Text ist vorab im Medienmagazin journalist erschienen
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