Sturm der Liebe & Schwarzwaldniveau

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. April

Wer je bei Galileo miterleben musste, wie ProSieben-Moderator Aiman Abdallah gewissenlose Sauereien wie Billigfernflüge oder Wintererdbeeren als good news gepriesen hat, müsste zwar vorsichtig sein, wenn es gute Nachrichten im leichten Fach gibt, aber diese hier sind echt bemerkenswert: Das ZDF stellt nach 109 Folgen in 14 Jahren Der Kriminalist ein und die Jugendabteilung Neo nach 6.042.924 Folgen in 140 Jahren Inspector Barneby. Das Erste dagegen kippt bedenkenlos den soziokulturell bedeutsamen Dauerbrenner Lindenstraße vom Sender, gibt aber 400 neue Folgen Rote Rosen und Sturm der Liebe in Auftrag, was ungefähr so deprimierend ist wie die Tatsache, dass der Bauer-Verlag ein Rätselmagazin namens PILAWA mit richtig großen Buchstaben herausbringt.

Aber all dies wäre kaum der Rede wert, hätte sich das Massenfernsehen nicht so willenlos der Lächerlichkeit preisgegeben, als es Greta Thunberg zuvor eine Goldene Kamera für Klimaschutz verliehen hat. Klingt nobel. Doch wie die Schülerin der anwesenden Filmbranche auf dem Podium eigenes Versagen vorwarf und dafür aasigen Applaus erntete, wie sie das Ende fossiler Vergeudung auch im Showbiz forderte und später zusehen musste, wie – kein Witz – ein SUV als Goodie verschenkt wurde, wie sich die ganze Veranstaltung somit in zynischem Irrsinn auflöste, das brachte die Verlogenheit der vielfliegenden, designtragenden, ressourcenintensiven Branche gut auf den Punkt.

Vielleicht ist es da doch keine so schlechte Idee, dass Facebook den Platzhirschen mit der angekündigten Eröffnung eines Nachrichtenkanals weiter Dampf macht. Von den Privatsendern ist diesbezüglich weniger zu erwarten; schon, weil die sich lieber mit Streamingportalen messen wollen, wie der neue RTL-Chef Thomas Rabe nach dem angeblich freiwilligen Rückzug von Gruppen-CEO Bert Habets – als erste Amtshandlung verkünden ließ.

Die Frischwoche

8. – 14. April

Ob das was nützt, wenn selbst schwedische Netflix-Eigenproduktionen wie das sechsteilige Amoklauf-Psychogramm Quicksand ganz ohne Nordic Noir-Sterotypen fesseln oder die amerikanische Dramedy Ein besonderes Leben ab Freitag einen schwulen Behinderten jenseits aller Klischees zur Hauptfigur macht? Im ZDF läuft dagegen ein Zweiteiler mit – steht zu befürchten: Reihenpotenzial. Vor lauter Suspense heißt er Schwarzwaldkrimi und schafft es Montag plus Mittwoch, selbst gute Schauspielerinnen wie Jessica Schwarz dank des bescheuerten Drehbuchs auf Seifenoperniveau zu drücken.

Parallel dazu gelingt es Sat1 heute um 20.15 Uhr unverhofft gehaltvoll, die weit weniger begabte Sonja Gerhardt als Staatsanwältin im Justizdrama Ein ganz normaler Tag gegen jugendliche Gewaltkriminalität kämpfen zu lassen. Und wo wir vorhin schon kurz beim Thema Nordic Noir waren: Das schwedische Gesellschaftsdrama Stockholm Requiem spielt am Sonntag (22.15 Uhr, ZDF) im jüdischen Viertel der Hauptstadt und ist nicht nur sehr dicht, sondern unter Lisa Ohlins Regie sehr weiblich inszeniert, ohne von Liebe, Lifestyle, Trallala zu handeln.

Doch was immer die Woche von Ranga Yogeshwars extrem lehrreicher KI-Reportage Der große Umbruch (Montag, 22.45 Uhr, ARD) über Shahak Shapiras achtteilige Stand-up-Premiere Shapira Shapira (Dienstag, 23.15 Uhr, Neo) und Joachim Gaucks Spurensuche 30 Jahre Mauerfall drei Stunden zuvor im ZDF bis hin zum mehrtägigen Arte-Schwerpunkt zur HipHop-Kultur ab Freitag, 21.45 Uhr, mit der US-Doku Rize und N.E.R.D. in Concert prägt: es steht im Schatten von – nein, nicht Mario Barth, der Mittwoch auf RTL diesmal unter anderem Jürgen Vogel und Dieter Nuhr dazu bringt, ihre Seele an den populistischen Brachialkomiker zu verlieren; alles spitzt sich auf Game of Thrones zu, dessen letzte Staffel von Sonntag um drei Uhr an scheibchenweise auf Sky verabreicht wird.

Gegen das Finale der erfolgreichsten Serie von heute verblassen sogar die Wiederholungen der Woche wie die erfolgreichste Serie der Neunziger Bay Watch, deren 243 Folgen ab Mittwoch um 15.55 Uhr mit 350 neuen Songs bei Nitro laufen. Oder Franics Ford Coppolas Director’s Cut von Apocalypse Now Redux, der Freitag um 22 Uhr auf 3sat mit 190 Minuten fast so lang ist wie Harry Potters Stein der Weisen bei Sat1. Wobei davon natürlich fast eine Stunde auf Werbung entfällt. Reklamefrei ist dagegen der Zeuge der Anklage (Montag, 20.15 Uhr, Arte) in Schwarzweiß von 1942 mit Cary Grant als Ex-Sträfling in einer stilbildenden Ménage à Trois mit einem Jura-Professor und der schönen Nora (Jean Arthur). Buchstäblich ohne Unterbrechung läuft natürlich auch der Tatort, in diesem Fall Fall Nr. 999 Borowski und das gefallene Mädchen von 2016 (Freitag, 22 Uhr, ARD), als Axel Milberg noch mit der wunderbaren Sibel Kekilli in Kiel ermittelte.

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L’Impératrice, Shana Cleveland, Ratso

L’Impératrice

Wer sich wirklich hingebungsvoll mit Musik beschäftigt, sei es als Fan, sei es als Experte, der träumt ja eigentlich immerzu von diesem einen Moment, in dem ein Debütalbum die allerersten Töne verbreitet und sofort im Herzen andockt, ohne melodramatisch zu sein, und im Hirn, ohne verkopft. Dem französischen Sextett L’Impératrice gelingt genau dies mit dem erstaunlichen Opener von Matahari, einem furiosen Erstlingswerk, das hoffentlich Zweit- bis Xlingswerke nach sich zieht.

Wie Regentropfen plöddert ein repititives Elektro-Geklimper darin über einen Air-artigen Bass, bevor hinterm Vorhang sphärischer Jarre-Avancen Todd Terje aus der Synthie-Disco blinzelt. Und auch die elf Stücke danach sind so hinreißende Avancen an den Frenchpop der frühen Neunziger mit funkigen Siebzigereinsprengseln, dass nicht mal die englischen Übersetzungen von Flore Benguiguis ursprünglich französischem Vanessa-Paradis-Gesang stört. L’Impératrice heißt übrigens Herrscherin. Wir sind bereit zur Unterwerfung!

L’Impératrice – Matahari (microqlima)

Shana Cleveland

Shana Cleveland dagegen will offenbar nichts und niemand beherrschen. Dafür verhallt ihr Gesang viel zu fragil im Wüstensand, den das Solodebüt des Gitarren-Genies aufwirbelt. Wer es nicht weiß, würde demnach kaum ahnen, dass die Kalifornierin nebenbei den rauen Ton der Surfpunkband La Luz angibt. Zwischen psychedelischen Lagerfeuerriffs und einem seltsam verträumten Grundraunen unterm irisierenden Westernsound scheint Shana Cleveland förmlich zu verschwinden.

Tatsächlich aber bleiben die schüchternen, leicht mondsüchtigen Berichte aus dem Innersten ihrer Seele und dem Äußeren der Welt ringsum von so unüberhörbarer Präsenz, dass selbst die vielen grandiosen Gastmusiker auf Night of the Worm Moon wie Will Sprott, Abbey Blackwell und Kristian Garrard scheinbar ergriffen in den Hintergrund treten, während sich im Vordergrund eine neue Welt im gleißenden Licht von Amerikas Süden eröffnet.

Shanna Cleveland – Night of the Worm Moon (Sub Pop)

Ratso

Kann es für den Durchbruch je zu spät sein, sagen wir – knietief im Rentenalter, also jenseits der 66? Wer sich das erstaunlicherweise wirklich allererste Solo-Album des erfahrenen Studiomusikers Larry Sloman anhört, dürfte seinen Jugendwahn diesbezüglich kurz überdenken. Mit stolzen 70 Jahren hat der frühere Kollaborateur großer Legenden von Bob Dylan über Leonard Cohen bis Lou Reed sein eigenes Debüt erstellt und durchaus altersgerecht Stubborn Heart genannt. Eine gewisse Sturheit im Herzen ist schließlich unerlässlich, wenn man sich vom Schaukelstuhl nochmals in den Pop-Zirkus wagt.

Doch was heißt hier Pop?! Weil juvenile Musik für einen Mann dieser Reife gewiss würdelos wäre, hat Ratso, wie er sich nennt, eine Art existenzialistischen Kaffeehaus-Soul entwickelt, der zwar durch und durch nostalgisch ist, aber nie rückwärtsgewandt. Ein bisschen im Stile von Nick Cave, der im wunderbar geschmeidigen Our Lady Of The Night die Vocals beisteuert, erzählt Sloman mit Märchenonkelstimme vom Leben der letzten sieben Jahrzehnte und unterlegt es mit dem reduzierten Großstadtfolk seiner New Yorker Heimat, in der sogar mal die E-Gitarre jault. Nicht modern, aber zeitlos schön.

Ratso – Stubborn Heart (Lucky Number)


Patrick Dempsey: Dr. Shepherd & H. Quebert

Ich bin glücklich, aber hungrig

Obwohl er mehr als zwei Drittel seines Lebens vor Kameras steht, wird Patrick Dempsey (Foto: MGM) auf Dr. Shepherd in Grey’s Anatomy reduziert. Da könnte Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert auf der RTL-Plattform TVNow für Abhilfe sorgen. Ein Gespräch mit dem 53-jährigen Schauspieler aus Maine über Selbstwahrnehmung, Äußerlichkeiten, Achtsamkeit und was er vom Autorennen fürs Leben lernt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Mr. Dempsey, Sie spielen Ihre Serien-Figur Harry Quebert mit Mitte 30 und Ende 60. Ist das nicht ein etwas großer Zeitsprung für ein und denselben Schauspieler?

Jack Dempsey: (lacht) Es war anfangs auch für mich überraschend, dass Jean-Jacques Annaud dieses Wagnis eingehen wollte. Andererseits macht gerade der Zeitsprung die Wirkung des Charakters aus. Zumal die Leute von der Maske einen sehr guten Job gemacht haben, der für mich zwar ein Experiment war, aber auch eine ganz neue Erfahrung für meine Selbstwahrnehmung. Außerdem ist die Aussicht, mit so einem Regisseur zu drehen, viel zu verlockend, um wegen Äußerlichkeiten abzusagen.

Und es hat sich gelohnt?

Unbedingt! Unter Jean-Jacques muss man praktisch nicht proben. Wurde eine Szene doch mal wiederholt, dann wegen technischer Gründe. Mit ihm zu arbeiten ist gleichermaßen spontan und effizient. Mit so viel Raum zur Improvisation habe ich noch nie gearbeitet. Auch die intensiven Gespräche mit einem Regisseur waren mir neu. Und zwar nicht nur übers Drehbuch, sondern das Leben insgesamt, seine Dynamik, wie wichtig es beim Blick nach vorn ist, auch mal zurückzublicken. Das hat meine Altersspanne seltsam natürlich erscheinen lassen.

Wo Sie mit Anfang 50 exakt in der Mitte beider Charaktere stehen – was war herausfordernder: den älteren oder den jüngeren Harry Quebert zu spielen?

Den jüngeren. Es dauerte zwar viel länger, als mich älter zu machen (lacht), aber ich hatte so mehr Zeit, mich damit auseinanderzusetzen. Außerdem lieb ich es, mich hinterm Makeup zu verstecken. Wohler gefühlt habe ich mich allerdings als älterer Harry, weil sich erst da zeigt, dass er sein Leben lang Geheimnisse mit sich herumträgt. Komplexe Charaktere zu spielen ist anspruchsvoller als nur romantische Figuren. Die waren bei mir zwar auch selten anspruchslos, aber dieser macht schon deshalb mehr Spaß, weil unklar bleibt, ob er Täter oder Opfer ist.

Mögen Sie die Figur unabhängig von der Frage auch persönlich?

Sonst würde ich ihn nicht spielen! Man muss Figuren moralisch verteidigen können, um sie glaubhaft zu machen. Mitgefühl und Sympathie sind da unerlässlich. Aber das fiel mir in diesem Fall auch wirklich leicht. Ich verrate angesichts des enormen Erfolgs, den die Romanvorlage auch in Europa hatte, nicht zu viel, wenn ich sage, dass er bei all seinen Fehlern zu Unrecht beschuldigt wird. Diesen Kampf ums eigene Bild in der Öffentlichkeit kann ich gut nachvollziehen.

Weil auch ihr eigenes Bild umkämpft ist?

Wie meinen Sie das?

Ihr Management bat vorm Gespräch, keine Fragen über Grey’s Anatomy oder Ihre Karriere als Rennfahrer zu stellen. Das klingt, als wäre Ihnen beides unangenehm…

Ach, das meinten die nur, weil es vor allem um die Serie gehen soll. Denn ehrlich: Wie kann ich nicht über Dinge sprechen, die mich so prägen wie Grey’s Anatomy und besonders Autorennen. Teamwork, Vertrauen, dieses Miteinander hat mein gesamtes Leben positiv verändert und mich damit zu einem besseren Vater, Menschen, Mann und Künstler gemacht. Ich hatte lustigerweise grad heute Morgen ein Gespräch mit meiner Frau, in dem klar wurde, wie viel von dem, was ich von meinen Mechanikern lerne, sich aufs alltägliche Leben anwenden lässt. Dafür bin ich ungeheuer dankbar.

Haben Rennfahrer und Schauspieler generell oder nur in Ihrem Fall Schnittstellen?

Weil sich beide mental extrem auf den Punkt konzentrieren müssen, gilt das grundsätzlich. So wie der Schauspieler lernen muss, im öffentlichen Raum privat zu agieren, ist jeder Meter auf der Rennstrecke wie ein Take, den es exakt in diesem einen Moment unter Druck zu bewältigen gilt.

Es geht Ihnen auf dem Asphalt also gar nicht um den Kick der Beschleunigung?

Wichtiger ist mir die Achtsamkeit im Auftrag eines Teams.

Wer Sie so übers Rennen reden hört, könnte meinen, nach fast 40 Jahren als Schauspieler seien Ihnen längst andere Dinge wichtiger.

Schauspielen ist mir immer noch ungemein wichtig, ich lege nur mehr als früher Wert darauf, was genau ich mit wem mache. Auch deshalb wende ich mich zusehends dem Produzieren zu.

Zum Beispiel?

Unter anderem eine Dokumentation über den amerikanischen Rennfahrer Hurley Haywood, die nächste Woche rauskommt. Darüber hinaus genieße ich es aber mit zunehmendem Alter, Zeit mit meiner Familie zu verbringen, und investiere viel davon in meine Krebsstiftung. Je älter ich werde, desto wichtiger ist es mir, nicht nur gesund zu bleiben, sondern multidimensional zu denken.

Bezieht sich das auch darauf, im Schauspiel variabler zu werden, womöglich mehr Komödien oder Bad Guys zu spielen?

Dummerweise hängt das immer stark von den Büchern und Regisseuren ab. Ich suche allerdings mehr als früher Aufgaben, die mich herausfordern. Ich bin zwar glücklich, aber immer noch hungrig.


Urheberrecht & Grimmepreise

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. März

Also gut, Artikel 13 heißt jetzt 17 und die 15 fortan 11 oder so ähnlich, aber insgesamt wurde das neue Urheberrecht nach entfesselter Debatte mit verblüffend deutlicher Mehrheit verabschiedet. Im Gegensatz zum parallel beschlossenen, völlig realitätsfernen Aus der Zeitumstellung, wurde das Europäische Parlament also nicht vom PR-flankierten Populismus der Straße umgestimmt. Trotzdem hinterlässt der Streit um die gesetzlich verordnete Selbstkontrolle profitgieriger Tech-Konzerne Spuren – und das nicht nur, weil der Kontinent kurz vor der Abstimmung erkennen musste, wie schwer die Welt zu erklären ist, wenn Wikipedia mal einen Tag offline ist.

Für die Rechte der Kreativen am eigenen Werk – ob nun Film, Theater, Fernsehen, Literatur, Musik oder auch nur ein kleines YouTube-Video mit Copyright – bedeutet der Urheberschutz nun ein Stück Sicherheit vor Ausbeutung, für Millionen Lifestyle-Influencer mit Schleichwerbevertrag keine – im Einzelfall durchaus wünschenswerte – Kanalschließung und fürs Internet im Ganzen auch nicht die flächendeckende (Selbst-)Zensur. Wobei die mit Blick auf RTL gelegentlich ganz wohltuend wäre. Mario Barths AfD-Spot gegen Dieselfahrverbote hat nämlich nicht dazu geführt, dass er von jenem Sender fliegt, den er sich seltsamerweise weiter mit dem ansehnlichen Team Wallraff teilt, dessen vorige Sendung mal wieder politische Konsequenzen hatte. Im Gegenteil.

Während Heinrich Breloers famoses ARD-Dokudrama Brecht am Mittwoch sogar noch weniger Zuschauer hatte als ZDFneo mit einer Wilsberg-Wiederholung, gewann Mario Barths zynische Aufklärungssimulation von rechts auch dank der vorangegangenen Medienschelte von links Zuschauer hinzu. Deren Gesamtzahl will Netflix-Chef Reed Hastings übrigens nur gelegentlich mal veröffentlichen. Immerhin hat er der Süddeutschen Zeitung aber versichert, langfristig keinen Live-Sport zu zeigen. Ob das eine gute Nachricht ist, darf man angesichts des Deutschen Sportjournalistenpreises, der am Montag in Hamburg verliehen wurde, skeptisch sein. Unter den Prämierten befand sich nämlich keine Frau. Einzig Laura Wontorra und Claudia Neumann schafften es in zwei der elf Kategorien auf den dritten Platz.

Die Frischwoche

1. – 7. April

Die wichtigere Branchentrophäe wird allerdings ohnehin erst diesen Freitag verliehen: Der Grimme-Preis. Weil es beim Festakt nicht um Form, sondern Inhalt geht, berichtet davon jedoch wie immer nur 3sat – und das auch nur als Konserve, in der um 22.25 Uhr Bad Banks, Böhmermann, Beat oder Catch! ausgezeichnet werden. Den Fang-mich-Ulk, der parallel auf Sat1 in Runde 3 der aktuellen Staffel geht, kann man mögen, darf man hassen, immerhin ist er aber mal kein Format, das uns die Fragilität des Planeten mit ressourcenfressendem Großaufwand vor Augen hält. Zeitgleich zur ungeheuer aufwändigen ARD-Tierreportage Wilde Dynastien startet heute Abend der Zehnteiler One Strange Rock, in dem ZDFinfo die Erde (leider ohne den Originalkommentar von Will Smith) von Grund auf analysiert. Am Freitag zieht Netflix mit Alestair Fothergills Naturschauspiel Unser Planet nach.

Das ist wie alle romantisierenden Geo-Dokus natürlich total schön fotografiert, lenkt uns damit aber doch bloß vom individuellen Zerstörungspotenzial jedes einzelnen Zuschauers ab. Dabei ist Fußball am Ende noch immer das beste Autosedativum. Die ARD verabreicht es uns ab Dienstag mal wieder zwei Abend in höchster Dosis, wenn sie vier der acht Viertelfinalisten des DFB-Pokals zeigt, zu denen – WTF! – erstmals seit 275 Jahren nicht der FC Bayern bei seinem weltbewegenden Heimspiel gegen Heidenheim zählt. Wie man hört, wurde Programmdirektor Volker Herres dafür bereits zum Rapport an die Säbener Straße zitiert.

Ums Zitieren geht es auch in der herrlichen Provinzgroteske Größer als im Fernsehen. Unter Christoph Schnees (Mord mit Aussicht) Regie, versucht die arme Lisa (Janina Fautz) ihren Erbhof am Freitag um 20.15 Uhr auf Arte an Investoren zu verscherbeln, was jedoch nur gelingt, wenn sie einen Schlagerstar dazu bringt, nackt vor Oma zu singen. Mal wieder um einen Serienkiller geht es in der Sky-Serie Absentia ab Donnerstag. Nachdem sie sechs Jahre verschwunden war, taucht die FBI-Agentin Emily Byrne (Stana Katić) wieder in Boston auf und jagt fortan zehn Teile lang mit der Düsternis ihrer Abwesenheit im Gepäck den Täter. Und vor den Wiederholungen der Woche. unbedingt im Kalender notieren: Charly Hübners Dokumentardebüt Wildes Herz, dass der Schauspieler seinem Kumpel Jan “Monchi” Gorkow, dessen Punkband Feine Sahne Fischfilet beharrlich gegen die Nazis ihrer mecklenburgischen Heimat anrockt.

In Der Augenzeuge von 1980 bauscht der blutjunge William Hurt Montag (21.55 Uhr, Arte) einen Todesfall zum Mord auf, um Sigourney Weaver als blutjüngere TV-Reporterin zu beeindrucken, was heute (21.55 Uhr, Arte) voll in die Hose geht. Nachkoloriert, also eigentlich schwarzweiß: Als Teufelshauptmann eskortiert John Wayne in John Fords Westernlegende am Freitag um 22.45 Uhr im BR zwei Frauen durchs Monument Valley, was auch 70 Jahre später noch ungemein fesselnd ist. Wie das holländisch-belgische Psychodrama (Donnerstag, 22.25 Uhr) um den Eremiten Borgman (2013), der das bürgerliche Idyll einer Familie infiltriert. Irritierend. Den Tatort-Tipp Niedere Instinkte am Mittwoch um 22.05 Uhr im MDR empfehlen wir hier hingegen vor allem, weil es 2015 endlich der letzte von 21 Fällen mit Manfred Wuttke und Simone Thomalla war.