Kaitlans Mut & München Beats

Die Gebrauchtwoche

27. Juli – 2. August

Man muss nicht alles mögen, was Jan Böhmermann so von sich gibt. Aber seine Anrede „meine sehr verehrten Damen und Herren und alle dazwischen und außerhalb“ hat zumindest bei den zwei letztgenannten viel Respekt bekommen. Ebenso wenig muss man alles verdammen, was Friedrich Merz so von sich gibt. Aber als er der höchst diversen LGBTQ+-Community nach dem Berliner CSU-Anschlag sein Mitgefühl versichern wollte, sprach er sie allen Ernstes mit „meine sehr verehrten Damen und Herren und“ – nein, kein „und“.

Nur heteronormative Ausgrenzung. Der Bundeskanzler verpatzte also selbst diese Gelegenheit zur öffentlichen Anteilnahme für eine Gemeinschaft im Kreuzfeuer von rechts und religiös. Einer Gemeinschaft, die der Kabarettist Florian Schröder übrigens nicht ganz zu Unrecht fragte, warum sie zu Hunderttausenden demonstriert hätte, wäre der Attentäter kein Islamist, sondern AfD-Mitglied gewesen. Aber das nur am Rande. Im Zentrum der Aufmerksamkeit befinden sich dieser Tage ohnehin andere.

Wim Wenders zum Beispiel, der es endlich geschafft hat, Nastassja Kinskis Gewalterfahrung aus einem seiner Frühwerke zu streichen. Dazu die standhafte CNN-Journalistin Kaitlan Collins, der keine noch so sexistische Respektlosigkeit des verurteilten Vergewaltigers Donald Trump irgendeine Wesensregung entlockt – komprimiert zu begutachten beim White House Correspondent’s Dinner, das in vierstündiger Länge zwar kaum zu ertragen ist. Aber wer sich die Veranstaltung antut, blickt in viele unbeugsame Gesichter.

Etwa das von Wolf Blitzer, dessen Laudatio voller Epstein-Verweise sogar die Selbstgerechtigkeit des US-Präsidenten ins Wanken brachte. Ein Zustand, den aktuell auch Gianni Infantino erlebt. Für den gescheiterten Ausverkauf des Weltfußballs machte der Fifa-Diktator folglich „falsche Berichterstattung der Medien“, also all jene verantwortlich, denen er zuvor vorgeworfen hatte, „hinter ihren Stiften, Papieren und Bildschirmen … Hass und falsche Gerüchte“ zu verbreiten.

Die Frischwoche

3. – 9. August

Man würde sich fast wünschen, der Mentalist Timon Krause hätte all die Trumps, Merzens, Infantinos in seiner neuen Fernsehshow zu Gast. Ihr Titel lautet ab Mittwoch schließlich Ich durchschaue jeden. Leider werden aber wohl doch nur ein paar manipulierbare bis manipulierte Durchschnittsbesucher und etwaige B-Promis bei ProSieben vorbeikommen. Empfehlenswerter wäre da womöglich ein Besuch bei der Konkurrenz von RTL.

Dort startet Montag die 4. Staffel des immer noch originellen Echtzeitkrimis Die Verräter – Vertraue niemandem. Noch ratsamer erscheint allerdings der Wechsel ins Streaming. Ab Mittwoch beendet AppleTV+ mit der fünften und letzten Staffel die liebenswürdige Fußballcomedy Ted Lasso. Deren Prinzip unbedingter Wohlfühlatmosphäre wirkt zwar langsam leicht abgenudelt. Aber besser Feel Good als Fremdscham. Zu der etwa ein ZDF-Vierteiler ab Freitag neigt.

München Beats kombiniert die Umwandlung einer realexistierenden Knödelfabrik in den angesagtesten Partytempel der Neunziger mit einer fiktiven Familiensaga voller Techno-Beats, Coming-Outs und Mikrodramen. Das ist grundsolide gemacht, aber besonders die Darstellung ravender Kinds ist mitunter arg peinlich. Zehn Jahre zuvor erzählt die FX-Serie The Shards bei Disney+ die Geschichte einer elitären Highschool in L.A. Wobei die Showrunner Ryan Murphy und Bret Easton Ellis ein bisschen neugieriger machen als ihre Story an sich.

An der entgegengesetzten Küste spielt ab Mittwoch bei Amazon Prime die New Yorker Coming-of-Age-Erzählung Sterling Point um zwei Teenager, die eine geheimnisvolle Insel in Kanada erben. Und Freitag lässt der Großkomödiant Ricky Gervais auf Netflix wieder von sich hören. Diesmal eine Animationsserie namens Alley Cats, in der es allem Anschein nach um lässige Katzen geht.