Posted: August 17, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
10. – 16. August
Es klingt nach der besten Nachricht einer weiteren Katastrophenwoche: Karoline Levitt macht ihrem Nachnahmen Ehre und verlässt – angeblich aus familiärem Grund – die Presseabteilung des Weißen Hauses, wo sie mit kurzer Babypause anderthalb Jahre Lügen, Propaganda, Blödsinn absondern durfte. Weil Trump-Ultras oft aufwärts fallen, müssen wir sein Sturmgeschütz demnächst aber wohl doch in anderer, tragenderer Rolle erleben.
Wobei es keiner durchgeknallten Pressesprecherinnen bedarf, damit die Presse durchknallt. Dafür braucht man nur den MDR-Podcast Deep Talk hören, wo Maja Fiedler von Ulrich Siegmund vor allem wissen wollte, wer daheim im Reich des Höcke-Ultras denn so die Geschirrspülmaschine ausräumt. Dass ihn die AfD-Ultras der BamS als ganz normalen Politiker porträtierten, versteht sich da ebenso von selbst wie die nächste Selbstverzwergung der völkisch angehauchten NZZ.
Dort durfte die Putin-Propagandistin Maria Sacharowa vorm Neutralitätsreferendum der Schweiz Russlands Zaren und seinen Krieg verteidigen. Umso erfrischender ist da ein Interview der echten Journalistin Susann Reichenbach, die den Putin-Fan Siegmund bei mdr aktuell hart angepackt und per Faktencheck entlarvt hat. Auch deshalb sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Sicht des ARD-Korrespondenten Georg Restle über Spaniens Exklave Ceuta unangenehm verschwörungstheoretisch riecht und dann nur halbherzig als privat gelabelt war.
Von der rechtskonservativen Skandalnudel Wolfram Weimer hingegen erwartet nun wirklich niemand mehr konstruktive Kulturpolitik außerhalb von Bayreuth. Dass sein Filmbooster schon wieder zum Blockbusterfurz verkümmert, ist daher fast schon Gewöhnungssache. Ebenso wie Mark Zuckerbergs Facebook-Pamphlet, in dem der Meta-CEO auf 40.000 Zeichen grenzenlose Freiheit für die KI fordert. Und damit mal wieder zu Jan Böhmermann.
Das Landgericht München hat Manuel Ostermanns Klage gegen einen Beitrag des ZDF Magazin Royal abgewiesen, der den Polizeigewerkschafter unter anderem als „Herrenmensch“ bezeichnet hatte. Das sei von der Kunstfreiheit gedeckt. Eher umgekehrt lief es für Maximilian Krah. Weil der AfD-Lautsprecher dem Amtsgericht Chemnitz laut Spiegel 5000 Euro Prozesskosten einer abgewiesenen Unterlassungsklage gegen Böhmermann schuldig ist, hat es Haftbefehl gegen ihn erlassen. Arme Herrenmenschen.
Die Frischwoche
17. – 23. August
Vielleicht hilft es ja, wenn ihnen jemand mal das Patriarchat erklärt. In der ZDF-Doku Wann ist ein Mann ein Mann zum Beispiel, die dem reaktionärem Geschlechterbild à la Krah ab Dienstag in der Mediathek nachspürt. So richtig kernige Alpharüden gibt es zwei Tage später aber auch bei Sky und Wow zu sehen: Sheriff County überträgt die heroische Feuerwehrserie Fire Country auf Cops und dürfte dabei auf kernige Typen im Sinne der AfD stoßen.
Etwa dazwischen rangiert die türkische ZDF-Serie Inspector Ikmen. Ein Londoner Polizist, der als Baby aus Istanbul nach England gezogen war, kehrt in seine Geburtsstadt zurück, um parallel zur Ermittlung vier verschiedener Mordfälle der eigenen Familiengeschichte nachzuspüren und nebenbei einem Anschlag auf seine Freundin, die am Bosporus zu Frauenrechten recherchiert hatte. Das ist zwar arg unpolitisch, darf ab Sonntag aber acht Teile lang Geschlechterklischees unterwandern.
So wie Endlich erwachsen (ab Donnerstag, arte.tv), einer Late-Coming-of-Age-Serie von Emma Nyberg, die zuvor in Halb Malmö hat mit mir Schluss gemacht ihr selbstironisches Gespür für weibliches Empowerment bewiesen hatte. Bevor wir nach Deutschland zurückkehren, noch zwei internationale Tipps: Das portugiesische Familiendrama Irreversible (Montag, Viaplay) und die amerikanische Mafia-Dark-Comedy Average Joe (Mittwoch, Paramount+) um einen Klempner, der Mafioso wird.
Und damit Back to the 90s. So heißt ein Spielfilm von Prime Video, in dem fünf bildhübsche Jungs durch die Zeit Richtung Neunzigerjahre reisen, wo sie … ach nee, völlig egal. Es geht Amazon ausschließlich darum, dem TikTok-Phänomen der realexistierenden Elevator Boys anderthalb Stunden Eigen-PR zu schenken. Jedwede Handlung ist ab Freitag einerlei. Entscheidend ist multimediales Cross-Marketing. Und das Verrückte: Es wird funktionieren.
Posted: August 12, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Topmodern und reaktionär
Das Verteidigungsministerium wirbt erneut mit einer Web-Serie um Rekruten. Doch trotz und wegen ihrer Professionalität wirkt Generation Wehrdienst eine Zeitenwende später noch irritierender als 2016.
Von Jan Freitag
Der Generation Z wird einiges unterstellt, und das wenigste davon klingt sonderlich stressresilient. Faul, verzärtelt, frustrationsintolerant seien die Jahrgänge 1997 bis 2012, so heißt es oft. Zu anspruchsvoll, zu empfindlich, zu woke, bequem, ja feige. Und dann diese Work-Life-Balance! Mit denen, ätzen Altvordere gerne, sei kein Staat zu machen, geschweige denn Krieg. An letzterem könnte sogar was dran sein. „Das ist alles viel schlimmer als im Gym“, beklagt der 17-jährige Rekrut David in der Kaserne Germersheim ein Zirkeltraining seiner Kompanie, „ich hab mich fast übergeben“.
Nach zwei Kilometern Dauerlauf mit etwas Gymnastik dazwischen? Ältere von Boomer bis Millennial dürften also spätestens dann viele ihrer Vorurteile bestätigt sehen, wenn die Web-Serie Generation Wehrdienst – Mit dir sind wir viele“ in Folge 4 geht. Ihr Episodentitel lautet schlicht Sport, bei dem junge Soldaten hier dicht am Rand des Zusammenbruchs entlangscheuern. Wie sollen Angehörige der lebensbalancierenden GenZ denn so bitte Land und Leute verteidigen? Die Bundeswehr glaubt offenbar: indem sich Gleichaltrige die sechsteilige Doku bei Youtube anschauen.
Drolliger Gedanke.
Zehn Jahre und eine Zeitenwende, nachdem das Verteidigungsministerium mit seiner preisgekrönten Reality-TV-Serie Die Rekruten in der Generation Y um wehrhaften Nachwuchs warb, lässt es die Alterskohorte mit Z am Ende abermals von der Düsseldorfer Werbeagentur Castenow bei ihrer Grundausbildung begleiten. Das Ziel: mehr als die aktuell 530, in Worten: fünfhundertdreißig frisch Volljährigen der laufenden Rekrutierungskampagne davon zu überzeugen, freiwillig den Kriegsdienst abzuleisten. Na, dann mal viel Erfolg, kann man da nur wünschen.
Denn wofür die Bundeswehr gute 15 Minuten pro Folge trommelt, das wirkt selbst für physisch und psychisch belastbare Teenager ähnlich attraktiv wie ein Winterwohnsitz im Wackener Boxenturm. Schon bevor Davids Kameraden (plus wenige Kameradinnen) die jugendherbergsbeigen Sechsbettstuben am Baden-Württemberger Militärstützpunkt beziehen, keimt in ihnen der Zweifel, das Richtige zu tun. Schließlich werden die Rekruten des 1. Zugs der 2. Kompanie nahezu unablässig gemaßregelt, angeschnauzt, rundgemacht, man könnte auch sagen: entmenschlicht.
Es heiße nicht „alles klar“, sondern „jawohl ab jetzt“, grunzt ein UvD genannter Spieß seine Rekruten bei einer Bettenkontrolle an, die Falten im Laken zu Delikten erklärt, als seien es Körperverletzungen. Kein Vorgesetzter (es sind ausschließlich Männer) lächelt. Worte wie „Bitte“ oder „Danke“ sind offenbar am Kasernentor abzugeben. Wer hier den Kampf für Frieden und Freiheit anderer erlernt, muss auf beides verzichten. „Ich hab‘ Angst vor dem“, sagt die 18-jährige Frohnatur Achmad am ersten Tag über seinen Ausbilder. Und da hat der Unteroffizier mit dem scharfen HJ-Scheitel noch nicht mal um 4.59 Uhr „Aaaufsteeehen“ durchs Treppenhaus gebrüllt.
„Schlimmer kanns nicht werden als jetzt“, sagt Leon am Ende der 2. Folge. Welch ein Irrtum. Eben noch hatte sich der Niedersache auf „gute Kameradschaft, gute Vergütung, kostenlos bahnfahren“ gefreut, da raubt ihm die militärische Hierarchie jede Motivation. Eben noch fühlt sich das Sport-Ass Tim anders als im Büro am richtigen Ort, da ist er „genervt wie perfekt“ hier alles sein muss. Eben noch hatte die zähle Hamburgerin Alina Lust auf körperliche Grenzerfahrungen, da hetzt sie ein Haudegen – Typ halstätowierter Käfigkämpfer – über die Demarkationslinie des Erträglichen. Und dann kostet das triste Graubrotfrühstück auch noch 2,37 Euro Eigenanteil.
Kein Wunder, dass es am zweiten Montag zehn Krankmeldungen gibt. Ein Wunder allerdings geschieht im dritten Teil. Denn die Uniform, mit der alle ausgestattet werden, treibt den Antrieb aller aufwärts. Während sich der fragile Mittzwanziger Leon darin „automatisch stärker“ fühlt, spürt die 19-jährige Alina im erst im Tarnfleck, was das Bundeswehrmarketing erzeugen will: „Zugehörigkeitsgefühl“ und zwar „plötzlich“. Ungefähr hier wird deutlich, wie perfide die hochprofessionelle PR funktioniert: Wie jede Propaganda blendet sie die soldatischen Kernaspekte – Töten und Sterben – nahezu komplett aus und ersetzt sie durchs kostenlose Gemeinschaftsgefühl auf dem Abenteuerspielplatz Landesverteidigung.
Zur Begrüßung hatte es ein Hauptmann, dessen Name wie der aller Offiziere überpiept wird, bereits angedeutet: „Sie haben sich für einen verdammt geilen Job entschieden“, sagte er lässig. Im Ernstfall könne es zwar laut, kalt, ungemütlich, übelriechend und voller „Dinge“ zugehen, „die nicht schön sind“. Zum Abschluss aber bittet der Kasernenchef den Nachwuchs, das Smartphone doch bitte im Schrank zu lassen, um „auch nach Dienstende Dinge gemeinsam“ zu tun. „Weil, Sie sind jetzt Kameradinnen und Kameraden.“
Ob in den zwei Folgestaffeln, die bis Herbst beim Youtube-Kanal Bundeswehr Exclusive und der ProSieben-Plattform Joyn veröffentlich werden, ein bisschen mehr Realität ins Kriegshandwerk Einzug hält? Wer weiß… Vorerst aber wagt Generation Wehrdienst einen Spagat, für den das Verteidigungsministerium seinen Werbeetat seit 2022 auf 70,6 Millionen Euro verdoppelt hat: Die Serie wirkt zugleich anziehend und abschreckend, einfühlsam und herzenskalt, topmodern und reaktionär. So als läge zwischen den Generationen Kanonenfutter und Z nicht ein knappes Jahrhundert plus Weltkrieg, sondern nur Form und Flagge des Stahlhelms. Ein Accessoire, das Deutschland wieder rituell verschweißen soll. Ob „Mit dir sind wir viele“, wird sich zeigen.
Posted: August 11, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
3. – 9. August
Wie hätte, nur mal als Gedankenspiel, die Welt wohl reagiert, wenn unlängst nicht einige Tausend Flüchtlinge auf Ceuta gelandet wären, sondern Passagiere eines havarierten Kreuzfahrtschiffes, von denen gut 100 beim Versuch, Spaniens Exklave schwimmend zu erreichen, elendig ertrunken wären? Es gäbe wohl auch zehn Tage später noch Sondersendungen und Brennpunkte über jene Opfer, deren wohlstandsverwahrlostes Urlaubsverhalten mit dafür sorgt, die Flüchtlingsströme nordwärts zu vergrößern.
Den meisten Medien jedenfalls waren die Toten von Ceuta bestenfalls ein, zwei chronistenpflichtige Zeilen oder Sekunden wert, während Politikern von Merz über Klingbeil bis Weidel nicht mal pro forma ein öffentliches Wort des Mitgefühls zugeschrieben wird. Vielleicht hätten sie das allerdings getan, wenn es volkswirtschaftliche Indices aufwärts führen könnte. Genau dafür verlangt Donald Trump demnächst Unsummen.
Wer seine Posts bei Truth Social künftig früher als andere lesen will, soll dafür siebenstellig zahlen. Damit räumt der hochkorrupte Regierungschef indirekt Insider-Geschäfte ein, die auch in der angehenden US-Autokratie verboten sind. Denkbarer Inhalt: Paramount Skydance erhält die präsidentielle Erlaubnis, trotz anhaltender Rechtsstreitigkeiten Warner Bros. Discovery zu übernehmen. Er könnte in Sekundenschnelle Abermilliarden Dollar bewegen.
Über drei Jahrzehnte hinweg ist es Frauen in Deutschland zuvor gelungen, den Anteil weiblicher Führungskräfte zu erhöhen. Langsam zwar, aber stetig. Eine Woche, nachdem publik wurde, dass dieser ohnehin schon kleine Anteil bei den Börsen-Indices DAX, MDAX, SDAX von 19,9 auf 19,1 Prozent gesunken war, meldet Pro Quote: auch der Anteil weiblicher Führungskräfte deutscher Medien sinkt, und zwar zum fünften Mal in Folge.
Spitzenreiterin ist und bleibt die taz mit einem Frauenmachtanteil von 61,9 Prozent (+0,6), gefolgt von der Süddeutschen Zeitung mit knapp der Hälfte sowie Spiegel und Zeit mit jeweils gut 40 Prozent. Rechte Medien wie Focus (25,3) und FAZ (25) sind dagegen fester denn je in Männerhand. Wobei es die zusehends völkische Welt als erstes Medium seit Beginn der Zählung schafft, unter die Marke von 15 Prozent zu rutschen.
Die Frischwoche
10. – 16. August
Um Ursachen dieses eklatanten Missverhältnisses geht es ab Dienstag übrigens in der Arte-Doku Mackokratie. Die Erfindung der Männlichkeit. Ein paar weitere Folgen kann man derweil bei Disney+ bestaunen und gegebenenfalls an einer hitzigen Debatte teilnehmen, die gerade um The Shards tobt. Nach Bret Easton Ellis‘ autofiktionalem Roman hat Ryan Murphy den Nachwuchs einer High Socitey kreiert, deren wohlstandsverwahrloste Dekadenz in einer entfesselten Gewaltorgie mündet.
Mit der beginnt am Donnerstag bei HBO Max auch eine Fernsehserie, deren Showrunner aufhorchen lässt: Russell T Davies. 27 Jahre nach seiner schwulen Soap Queer as Folk hat er mit Tip Toe die nächste LGBTQ-Milieustudie kreiert. Ein hasserfüllter Incel (David Morrissey) lässt darin seine Wut über Arbeitslosigkeit und Isolation an seinem ebenso liebenswerten wie beliebten Nachbarn (Alan Cumming) aus, der obendrein schwul ist.
Damit dockt der Showrunner mit einer verblüffenden Prise Humor ans queere Meisterwerk It’s A Sin an. In der internationalen Koproduktion Hooligans geht es hingegen tags drauf schon dem Titel nach brutalstmöglich zu. Porträtiert werden darin rechtsradikale Fans des realfiktionalen Jerusalemer Fußballvereins Maccabi. Dessen Anführer versetzt dabei nicht nur verfeindete Clubs, Araber, Linke in Angst und Schrecken, sondern auch Lokalpolitiker, die ihm deshalb illegal Bauaufträge zuschanzen.
Eingebettet in den Nahost-Konflikt könnte der Fünfteiler unter Beteiligung von SWR, NDR und WDR ein weiteres Format sein, das wie Hatufim aka Homeland global kopiert wird. Bei so viel Gewalt sorgt die Netflix-Komödie Mein bester Freund, seine Freundin und ich für etwas Entspannung. Ein Feelgood-Movie, in dem Kostja Ullmann und David Kross dicke Kumpels sind, bis sich letzterer in Rebecca (Janina Uhse) verliebt. Hier beginnt eine Art Best-Buddy-Rosenkrieg, der niemandem wehtut und daher eine ganz nette Ablenkung von der Welt da draußen ist.
Posted: August 7, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Eigentlich vermisse ich nur das Jungsein

14 Jahre nach der 1. Staffel setzt David Schalko die Provinzposse Braunschlag bei HBO Max fort und versetzt sie ins Jahr 1986 – wenngleich ohne Zeitreise. Ein Interview mit dem Regisseur und Autor übers Jahrzehnt seiner Jugend, humanistischen Humor und die Verklärung der vermeintlich guten alten Zeit.
Von Jan Freitag
David Schalko, in ihrer Braunschlag-Fortsetzung, die stilistisch ins Jahr 1986 zurückreist, sagt jemand, „Zukunft liegt in der Vergangenheit“.
David Schalko: Simon Schwarz als Landespolitiker Rainer Katzlbrunner, genau.
Gilt das auch für den Humor, der das, was kommt, an dem misst, was war oder ist?
Humor benötigt immer Bezugspunkte, die er naturgemäß da sucht, was alle kennen – also tendenziell in der Vergangenheit. Humor braucht Referenzgrößen, über die man sich entlang der Schere von Behauptung und Wirklichkeit lustig machen kann. Deshalb schlägt er in der Tat oft retrospektive Richtungen ein.
Wobei „sich lustig machen“ bei Ihnen vermutlich nicht „ins Lächerliche ziehen“ heißt.
Nein, ich will ja niemanden beleidigen, schon gar nicht aus einer erhabenen Position. Mir ist Empathie und Humanismus am Humor wichtig.
Und gilt diese Empathie allen – also auch der rechtspopulistischen Koks-Nase, die in Braunschlag 86 ständig von Remigration faselt?
Das muss sie sogar! Deshalb hat auch der Rechtspopulist eine Familiengeschichte, die Scham erzeugt, also Mitgefühl verdient. Als ausschließlich verabscheuungswürdige Figur ohne menschliches Antlitz wäre er für mich humoristisch uninteressant. Wer bin ich, mir anmaßen zu dürfen, über andere abschließend zu urteilen? Da kommen wir wieder zur Schere: Der Humor entsteht erst, wenn die Realität dieser Figur mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Deshalb erforsche ich all ihre Seiten.
Sind Serien und ihre Figuren für Sie Forschungsobjekte?
Ja. Allerdings nicht unbedingt in dem Sinne, Dinge zu entdecken, die noch niemand zuvor gesehen hatte. Aber jeder Film, jede Serie sind wie jedes Buch oder eigentlich jedes Kunstwerk Reisen ins Ungewisse. Mit vorhersehbarem Ausgang müsste man sie gar nicht unternehmen.
Wobei diese Reise eine mit höchst bekanntem Ausgang ist, nämlich in die Zeichen- und Verhaltenswelt der Achtziger – zufällig das Jahrzehnt ihrer eigenen Jugend. Macht das Braunschlag 86 automatisch zur autobiografischen Serie?
(lacht) Ach, was ist schon Zufall?! Aber tatsächlich ist 1986 unabhängig von meinem Jahrgang vor allem die Jugend vieler Protagonistinnen und Protagonisten der ersten Staffel und damit wie jede Kindheit ein verklärter Sehnsuchtsort.
Wobei die Achtziger nicht nur die vielleicht zitierfähigste Dekade des 19. Jahrhunderts waren, die praktisch jede Generation bis heute mit Mottopartys und Moderevivals feiert; es war auch eine Zeit politischer Eruptionen.
Besonders in Österreich und ganz besonders 1986. Damals übernahm Jörg Haider die FPÖ, machte sie wieder zur nationalistischen Partei und feierte schnell Erfolge. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Kurt Waldheim wurde Bundespräsident, die Rechte war erneut auf dem Vormarsch, zugleich allerdings rückte die SPÖ unter Franz Vranitzky in die Mitte. Es war aber auch das Jahr von Tschernobyl, Glasnost, Sandoz. Wie nah sich das noch alles anfühlt, zeigt mir persönlich, wie kurz 40 Jahre im historischen Maßstab sind.
Benutzen Sie Braunschlag 86 demnach nur, um dieses Jahrzehnt und seine Langzeitwirkung zu erzählen?
Eigentlich nicht, denn 1986 wird in der Fortsetzung ja nur als politisches Machtinstrument simuliert und dabei deutlich bunter nachgestellt als in der grauen Wirklichkeit. Eigentlich war die Zeit nämlich eher trist. Der Mensch, der sich gegen die Trostlosigkeit um ihn herum aufbäumt und daran scheitert – das ist ja eines meiner Leitthemen. Es geht darin im Grunde also eher um Verklärung als Nostalgie.
Ist die Serie trotzdem nostalgisch?
Zumindest insofern, 14 Jahre nach der ersten Staffel eine zweite zu machen. Mir geht es dabei aber gar nicht so sehr darum, das bewährte Rezept nochmals aufzuwärmen. Mich interessiert vielmehr, was aus den Figuren wohl so geworden ist.
Tendenziell konservative Folkloristen, die sich in vermeintlich gute alte Zeiten zurücksehnen, in denen man mit 0,79 Promille noch Auto fahren durfte, angeblich sagen, was man wollte, und dann auch noch überall rauchen. Schwieriges Terrain.
Nur, wenn man diese Zeiten unkritisch idealisiert. Es geht aber darum, die Verklärung als Verklärung zu zeigen. Es gibt ja auch vieles, das besser geworden ist. Wir sind zum Beispiel sprachlich wesentlich sensitiver. Gleichzeitig sind wir aber wesentlich egozentrischer geworden.
Was vermissen Sie dennoch an den Tagen als Teenager?
Als Raucher sollte ich jetzt vermutlich Rauchen sagen. Aber eigentlich vermisse ich nur das Jungsein.
Den damaligen Humor also nicht?
Der Humor war immer gut oder schlecht, das hat sich nicht geändert.
Was macht Humor aus Sicht des Humoristen lustig – Menschen oder ihre Milieus?
Weil beides kulturhistorisch unmöglich voneinander zu trennen ist, sind es nahezu ausnahmslos Menschen und ihre Kommunikation. Lustige Landschaften sind mir persönlich jedenfalls nicht bekannt. Aber stimmt schon: Erst in ihren Milieus entfalten Menschen Humor. Oder wie man heute sagen würde: in ihren Bubbles. Der gemeinsame Humor ist ja quasi milieubildend. Man hat das gleiche Niveau und eine ähnliche Humorästhetik.
Ihr Milieu ist unter anderem Österreich, wo ein ganz spezieller Humor gepflegt wird.
Manche sagen, es ist Humor, andere nennen es eine Kulturtechnik, um Außenstehende zu täuschen. Der österreichische Humor ist jedenfalls bösartiger als der deutsche und dient meistens dazu, etwas zu kaschieren. Er ist daran geschult, in der Monarchie die Zensur zu umgehen. Es ist ein Humor, der immer über Bande gespielt wird, während deutscher Humor oft Klarheit sucht. Und der österreichische Humor überschreitet gern Grenzen.
Geschmacksgrenzen?
Schamgrenzen vor allem. Wir sind schamloser und amüsieren uns brachialer. Aber wenn Sie Manfred Deix betrachten…
Ein Karikaturist der Achtzigerjahre, bei dem jede Zeichnung österreichischer Eigenarten körperliche Schmerzen verursacht.
Die saftige Abgründigkeit seiner Karikaturen wirkt überspitzt, sie ist aber zutiefst naturalistisch, fast schon dokumentarisch.
Gehen Sie analytisch an den Humor heran?
Das versuche ich eher zu vermeiden. Die Analyse ist der Feind guter Pointen.
Kennt Ihr Humor denn Grenzen – egal, ob des Geschmacks oder der Scham?
Ja, wenn man Schutzbefohlene verhöhnt, etwa. Aber grundsätzlich erleichtert es uns zu sehr, sich über Dinge lustig zu machen, als sich dies aus moralischen Gründen zu verbieten. Selbst Gewalt wird mit Humor leichter erträglich. Und weil er die Realität auf einem bestimmten Niveau mit der Wahrheit konfrontiert, ist er am Ende auch meistens politisch.
Posted: August 4, 2026 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
27. Juli – 2. August
Man muss nicht alles mögen, was Jan Böhmermann so von sich gibt. Aber seine Anrede „meine sehr verehrten Damen und Herren und alle dazwischen und außerhalb“ hat zumindest bei den zwei letztgenannten viel Respekt bekommen. Ebenso wenig muss man alles verdammen, was Friedrich Merz so von sich gibt. Aber als er der höchst diversen LGBTQ+-Community nach dem Berliner CSU-Anschlag sein Mitgefühl versichern wollte, sprach er sie allen Ernstes mit „meine sehr verehrten Damen und Herren und“ – nein, kein „und“.
Nur heteronormative Ausgrenzung. Der Bundeskanzler verpatzte also selbst diese Gelegenheit zur öffentlichen Anteilnahme für eine Gemeinschaft im Kreuzfeuer von rechts und religiös. Einer Gemeinschaft, die der Kabarettist Florian Schröder übrigens nicht ganz zu Unrecht fragte, warum sie zu Hunderttausenden demonstriert hätte, wäre der Attentäter kein Islamist, sondern AfD-Mitglied gewesen. Aber das nur am Rande. Im Zentrum der Aufmerksamkeit befinden sich dieser Tage ohnehin andere.
Wim Wenders zum Beispiel, der es endlich geschafft hat, Nastassja Kinskis Gewalterfahrung aus einem seiner Frühwerke zu streichen. Dazu die standhafte CNN-Journalistin Kaitlan Collins, der keine noch so sexistische Respektlosigkeit des verurteilten Vergewaltigers Donald Trump irgendeine Wesensregung entlockt – komprimiert zu begutachten beim White House Correspondent’s Dinner, das in vierstündiger Länge zwar kaum zu ertragen ist. Aber wer sich die Veranstaltung antut, blickt in viele unbeugsame Gesichter.
Etwa das von Wolf Blitzer, dessen Laudatio voller Epstein-Verweise sogar die Selbstgerechtigkeit des US-Präsidenten ins Wanken brachte. Ein Zustand, den aktuell auch Gianni Infantino erlebt. Für den gescheiterten Ausverkauf des Weltfußballs machte der Fifa-Diktator folglich „falsche Berichterstattung der Medien“, also all jene verantwortlich, denen er zuvor vorgeworfen hatte, „hinter ihren Stiften, Papieren und Bildschirmen … Hass und falsche Gerüchte“ zu verbreiten.
Die Frischwoche
3. – 9. August
Man würde sich fast wünschen, der Mentalist Timon Krause hätte all die Trumps, Merzens, Infantinos in seiner neuen Fernsehshow zu Gast. Ihr Titel lautet ab Mittwoch schließlich Ich durchschaue jeden. Leider werden aber wohl doch nur ein paar manipulierbare bis manipulierte Durchschnittsbesucher und etwaige B-Promis bei ProSieben vorbeikommen. Empfehlenswerter wäre da womöglich ein Besuch bei der Konkurrenz von RTL.
Dort startet Montag die 4. Staffel des immer noch originellen Echtzeitkrimis Die Verräter – Vertraue niemandem. Noch ratsamer erscheint allerdings der Wechsel ins Streaming. Ab Mittwoch beendet AppleTV+ mit der fünften und letzten Staffel die liebenswürdige Fußballcomedy Ted Lasso. Deren Prinzip unbedingter Wohlfühlatmosphäre wirkt zwar langsam leicht abgenudelt. Aber besser Feel Good als Fremdscham. Zu der etwa ein ZDF-Vierteiler ab Freitag neigt.
München Beats kombiniert die Umwandlung einer realexistierenden Knödelfabrik in den angesagtesten Partytempel der Neunziger mit einer fiktiven Familiensaga voller Techno-Beats, Coming-Outs und Mikrodramen. Das ist grundsolide gemacht, aber besonders die Darstellung ravender Kinds ist mitunter arg peinlich. Zehn Jahre zuvor erzählt die FX-Serie The Shards bei Disney+ die Geschichte einer elitären Highschool in L.A. Wobei die Showrunner Ryan Murphy und Bret Easton Ellis ein bisschen neugieriger machen als ihre Story an sich.
An der entgegengesetzten Küste spielt ab Mittwoch bei Amazon Prime die New Yorker Coming-of-Age-Erzählung Sterling Point um zwei Teenager, die eine geheimnisvolle Insel in Kanada erben. Und Freitag lässt der Großkomödiant Ricky Gervais auf Netflix wieder von sich hören. Diesmal eine Animationsserie namens Alley Cats, in der es allem Anschein nach um lässige Katzen geht.