Oliver Welke: 10 Jahre heute-show Teil 2

Satire ist eine Einstiegsdroge

Seit zehn Jahren moderiert Oliver Welke die heute-show im Zweiten und hat das Satire-Format dort trotz aller Kritik an vielfach brachialer Komik zu einer wichtigen Stimme der heiteren Vernunft im Land gemacht. Im zweiten Teil des Interviews spricht er über satirische Dringlichkeit, Skandalisierungspolitik, lustige Versprecher und Oli Kahns Reifungsprozess.

Von Jan Freitag

Herr Welke, hatte die heute-show anfangs den journalistischen Wirkungsgrad von Jon Stewarts Vorbild im Sinn? In der extrem polarisierten US-Medienlandschaft war er ja besonders junge Menschen keine Unterhaltungssendung, sondern Informationsmedium.

Nicht nur das; er verstand sich explizit als politischer Akteur, eine Art inoffizieller Oppositionsführer gegen George W. Bush, bei dem man damals ja dachte, viel irrer könnte es an der Spitze nicht werden. Damit war John Stewart auch eine Antwort auf die extrem rechten Fox-News, die bis heute stolz sind auf ihre Parteilichkeit. In Deutschland völlig undenkbar.

Noch.

Noch. Momentan ist die Gefechtslage klar erkennbarer Freund- und Feindbilder in den USA aber schwer mit unserer Konsensdemokratie zu vergleichen, in der eine Groko der nächsten die Klinke in die Hand gibt. Deswegen mussten wir uns zunächst eher an einzelnen Themen als Akteuren abarbeiten.

Gab es dennoch eine politische, gar journalistische Dringlichkeit für die heute-show?

Schon. In unserem Geburtsjahr ist ja auch besagte schwarz-gelbe Koalition zur Welt gekommen. Es ging also noch nicht um die fehlende Unterscheidbarkeit der klassischen Regierungsparteien, sondern eher um einen neoliberalen Rollback. Vorlagen gab es also genug, die FDP war der wichtigste Medienpartner für unser journalistisch-satirisches Angebot.

Gab es dabei je eine Unwucht in Richtung von Journalismus oder Satire?

Nein, wir waren und sind eine Mischform aus Satire, Comedy und echter Information. Es gibt bei uns natürlich auch Pointen um ihrer selbst Willen oder wie es wissenschaftliche Studien, von denen mittlerweile einige über uns kursieren, lieber ausdrücken: Kalauer. Allerdings sind die meist in sehr ernste Informations-, sogar Aufklärungssequenzen eingebettet. Wir wollen informieren und unterhalten. Die Reihenfolge kann jeder im Publikum selbst festlegen .

Es gibt also Zuschauer, die die heute-show wie das heute-journal als Nachrichtenmedium nutzen?

Ich bin überzeugt, es hilft gerade bei komplexeren Themen, wenn sie unterhaltsam, gar lustig erklärt werden. Ein wenig herablassend ausgedrückt, sind wir die Hundemedizin in einer Scheibe Mortadella. Manche Themen schmecken halt fad, aber wenn man es schafft, Leute durch Geschmacksverstärker darauf zu stoßen, gibt‘s oftmals sogar die größte Resonanz.

Zum Beispiel?

Dass es anders als in den meisten Staaten Europas noch immer kein Lobby-Register gibt, was schlichtweg ein Skandal ist, aber wenig aufregend klingt. Und das Informationsfreiheitsgesetz erlaubt eigentlich jedem Bürger, bei allen Behörden Akteneinsicht zu kriegen. Wie bestimmte Bundesländer, allen voran Bayern, da mauern, ist juristisch vielleicht trocken, satirisch jedoch hochspannend. Wir müssen zwar aufpassen, nicht belehrend zu klingen, aber es macht großen Spaß, Dinge zu verarbeiten, die niemand so richtig auf dem Zettel hat. Und manchmal haben diese Geschichten dann sogar ein Echo im echten Journalismus.

Weil andere Medien darauf anspringen?

Das war zum Beispiel bei  einem Beitrag über Bildungsministerin Anja Karliczek der Fall, bei der uns aufgefallen war, dass sie nach einem Jahr im Amt keine einzige Gesetzesvorlage eingebracht hat und in jedem Interview meinte, sie sei ja noch dabei, sich einzuarbeiten. Ausgearbeitet war hingegen ihr Sensorium für Fettnäpfchen wie jenes, Kinder würden in gleichgeschlechtlicher Ehe eventuell nicht schadlos aufwachsen, technischer Fortschritt müsste sich stets am christlichen Menschenbild orientieren und nicht jedes Dorf brauche 5G-Internet. Als wir das thematisiert haben, ist es so viral gegangen, dass es später sogar der Spiegel aufgegriffen hat. Ähnliches ist mit dem AfD-Pranger für Lehrer geschehen. Als wir in der Sendung Schüler dazu aufgerufen haben, ihn mit allem Möglichen zu fluten, sind die Server kollabiert.

Das allerdings ist schon nicht mehr langweilig, sondern Skandalisierungspolitik perfidester Art.

Von der zu dem Zeitpunkt aber trotzdem nur in circa zwei Zeitungen Dreizeiler standen.

Macht Humor diese Menschenverachtung am Ende sogar nicht nur kognitiv verständlich, sondern überhaupt erst physisch erträglich?

Das kann schon sein. Auch dabei müssen wir uns aber stets vor Augen halten, dass derart unappetitliche Politik auch durch uns überhaupt erst in der öffentlichen Debatte gehalten wird. Ob man wirklich über jedes Stöckchen springen muss, diskutieren wir hier echt jede Woche.

Und die Antwort?

Ja, sofern es im Rahmen einer inhaltlichen Auseinandersetzung erfolgt. Wenn man die rechten Tabubrüche nur stumpf wiederkäut, hilft man am Ende nur deren Agenda . Die Strategie hinter Gaulands Vogelschiss Spruch war aber beispielsweise schlicht zu empörend, um ihn unkommentiert zu lassen. Besser ist es allerdings, die AfD am Parteiprogramm zu packen, gern auch da, wo es ausnahmsweise mal nichts mit Rassismus oder Revisionismus zu tun hat. Befragen Sie Jörg Meuthen mal zur Rentenpolitik; da ist die vermeintliche Partei der Abgehängten rasch beim neoliberalen Flügel der FDP.

Am Parteiprogramm packen – klingt irgendwie öde…

Aber als radikaler Anhänger der Versammlungs- und Meinungsfreiheit sage ich: wir müssen im Umgang mit Populismus gleichzeitig auch mehr aushalten. Deshalb halte ich es auch  für  einen Riesenfehler, die AfD nicht ins Vizepräsidium des Bundestags zu wählen. Es regt mich auf, wenn man  es denen in diesem Punkt so einfach macht, das Opfer zu geben.

Aber sorgt die nüchterne Betrachtung der politischen Lüge am Ende nicht auch dafür, diese Lüge salonfähig zu machen?

Kommt auf den Adressaten an. Es gibt Untersuchungen darüber, dass es vielen mittlerweile egal ist, ob sie einer Lüge aufgesessen sind. Wer Fakten als Ansichtssache betrachtet, ist für die echten unempfänglich. Das haben Rechtspopulisten wie die AfD ja vor allem deshalb geschafft, weil sie die Kraft der sozialen Medien schneller für sich entdeckt haben als bürgerliche Parteien. Selbst wenn nur hinter einem Bruchteil der AfD-Kommentatoren verschiedene echte Menschen stecken, sind die Zahlen im Vergleich mit anderen Parteien erschreckend.

Was auch daran liegt, dass Rechtspopulisten nicht auf Argumente, sondern Emotionen setzen.

Darüber hinaus sind sie aber auch schlichtweg beharrlicher in der Nutzung – und zwar nicht nur im Umfeld großer Ereignisse wie Wahlen, sondern permanent. Wie die AfD ihre Anhänger ununterbrochen mit der Gefühlstaste bespielt – da kann einem schon ein bisschen bange werden. Die Frage ist ja: was soll man dem entgegensetzen, ohne sich auf deren Niveau zu begeben? Gerade für Journalisten besteht darin eine der schwierigsten Aufgaben der näheren Zukunft. Und ihr müssen wir uns auch in der heute-show stellen.

Aber birgt das nicht auch die Gefahr, reale Risiken durch Leichtigkeit zu relativieren?

Satire ist doch nicht nur Leichtigkeit. Bei uns im Team sitzen drei Journalisten, die außerhalb der Abteilung lustig alle unsere  Themen der Woche komplett durchrecherchieren, damit uns am Ende keine Fehler um die Ohren fliegen. An diesem Prozess ist die gesamte Produktion permanent beteiligt.

Wenn man sich dann die beiden Standbeine Ihrer journalistischen Karriere betrachtet.

Humor und Sport.

Ist ersteres angesichts dieser seriösen Recherche womöglich sogar näher am Journalismus als letzteres, bei dem ja manchmal auch einfach nur die Emotionen der 80 Millionen Bundestrainer bedient werden wollen?

Nein, denn das ist in erster Linie eine Frage der kreativen Herausforderung. Ich habe vor mehr als 20 Jahren als Fieldreporter am Spielfeldrand mit Interviews begonnen…

Die ja auch ein Stück Realsatire sind.

Manchmal wie  ein Boulevardtheaterstück, dass jeden Spieltag mit wechselnden Darstellern, aber identischem Text aufgeführt wird. Wer wie ich damals neu dabei war, hat oft den Ehrgeiz, besonders originell und kritisch zu fragen, prallte aber zumindest seinerzeit oft gnadenlos dabei ab.

Abprallen heißt in diesem Fall?

Dass der Interviewte meine Frage ignoriert und einfach irgendwas antwortet . Trotzdem ist guter Sportjournalismus spannend und wichtig. Deshalb ärgert es mich so, dass der Sport als vermeintlich leichtere Kost trotz seiner gesellschaftlichen und  wirtschaftlichen Bedeutung noch immer am redaktionellen Katzentisch sitzt, auf den die anderen Ressorts ein wenig milde herabblicken. Vielleicht versuchen Sportreporter deshalb so oft, auch in anderen Genres wie Unterhaltung oder Politik Fuß zu fassen, um dort zu beweisen, in Anführungszeichen richtige Journalisten zu sein.

Bei Ihnen diente weder Sport noch Humor zur Kompensation vom mangelnden Renommee des jeweils anderen?

Nein, das lief bei mir von Anfang an parallel. Gutgemachter Sportjournalismus ist selbstverständlich ebenso wichtig wie gutgemachte Comedy. Man muss ja auch nicht bloß doof fragen, und all die großen Turniere mit Oli Kahn möchte ich schon deshalb nicht missen, weil ich wenige Menschen kenne, die in seinem Alter noch eine derartige Entwicklung auf dem Schirm machen. Vom leicht brummigen Titan zu einem großartigen Analysten mit regelrechter  Selbstironie. Früher als junger  Fieldreporter hatte ich Todesangst vor dem Mann.

Profitieren die beiden Genres demnach voneinander?

Unbedingt. Meiner festen Überzeugung nach, ist Sport vor allem live eine großartige Schule für alle Genres, die man besonders jungen Kollegen anderer Ressorts nur wärmstens empfehlen kann. Erstens, weil man bei aller Vorbereitung immer spontan und frei spricht; in der heute-show musste ich mich deshalb mit dem Tele-Prompter erst langsam anfreunden und habe stets darum gekämpft, wenigstens ab und zu Politiker ins Studio einzuladen, damit ich mal länger  ungescriptet  reden kann.

Und zweitens?

Weil man in Echtzeit erkennen muss, was die Geschichte des Abends wird. Das Schönste am Sport ist ja, dass sie sich bis zum letzten Moment nochmals komplett drehen und jedes redaktionelle Konzept über den Haufen werfen kann. Wenn kurz vor Schluss ein Tor fällt, kann man sich in der Sekunde lauter neue Fragen ausdenken. Dennoch nimmt man im Vergleich zur Satire als Moderator natürlich mehr eine Service-Funktion ein, bei der man sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängen sollte.

Haben Sie nach ersten Erfahrungen als Zeitungsjournalist ihr komödiantisches Talent deshalb zunächst im brachial komödiantischen Frühstyxradio bei Radio FFN ausprobiert, wo man als Person unsichtbar bleibt?

Klar ist man im Radio etwas anonymer. Die Zeit beim Frühstyxradio möchte ich nicht missen,  wir  haben damals eine ganze Generation in Norddeutschland charakterlich und sprachlich versaut. Von dort bin ich allerdings relativ schnell über Reinhold Beckmann bei Sat1 und ran gelandet, wo ich mehrere Jahre lang nur Sport moderiert habe, als Autor und auf der Bühne aber weiterhin Comedian war.

Gibt es demnach eine Linearität ihrer journalistisch-humoristischen Entwicklung?

Nein. Das einzige, was sich seit Anfang der Neunziger durch mein ganzes Berufsleben zieht, ist das Schreiben für mich und andere. Das  Frühstyxradio war eine gute Vorbereitung in Sachen Wochenaktualität irgendwie  lustig kriegen,  während mich ran daran gewöhnt hat, vor der Kamera zu stehen – was ja nicht allen in die Wiege gelegt ist. Auch wenn ich jetzt klinge, wie Opa erzählt vom Krieg: alles was man in Medienberufen ausprobiert,  ist für irgendwas gut.  Fast nichts davon ließ sich wirklich planen, aber Abwechslung war mir tatsächlich immer wichtig.

Auch, um kein Fachidiot zu werden?

Und geistig wacher zu bleiben. Trotzdem ist da auch immer Glück im Spiel. Wenn das ZDF nicht die Rechte an der Champions League gekauft hätte, wäre ich dort kein Sportreporter geworden. Ich moderiere bis heute gerne Sport, auch wenn die heute show natürlich mein eigentliches Standbein ist.

Wo, was daran gern kritisiert wird, weit mehr mit Grimassen und Lautstärke gearbeitet wird als, sagen wir: in Die Anstalt von Max Uthoff und Claus von Wagner?

Keine Ahnung, welche Folge Sie gesehen haben, aber Grimassen spielen eigentlich keine Rolle in unserem Konzept. Was stimmt, wir behandeln drei, eher vier Themen pro Sendung, die Anstalt in 45 Minuten nur eins. Klar gehen die mehr in die Tiefe, wir haben uns halt früh für ein höheres Tempo und eine bestimmte  Pointendichte entschieden. Zu dieser Form von Leichtigkeit stehe ich.

Und haben nicht das Bedürfnis, auch mal ins gravitätischere, vom Feuilleton hochgeachtete Kabarett zu wechseln?

Die Anerkennung des Feuilletons verläuft immer in Wellen. Die Tatsache, das wir einen Grimme und einen Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis haben, deutet ja darauf hin, das wir in Wirklichkeit nicht ausschließlich für platte Gags stehen. Fakt ist, meine persönliche Sehnsucht nach humoristischem Frontalunterricht hält sich weiter in Grenzen. Der Preis, den wir dafür zahlen , ist zwar, dass sich das Feuilleton zur Beschreibung unseres Humors auch in Zukunft wohl nur jene Gags herauspicken wird, die voll auf die Zwölf gehen, aber hilft ja nix.  Es ärgert mich zugegebenermaßen manchmal, andererseits wer beruflich austeilt, sollte auch einstecken können.

Trotzdem reiten Sie noch immer gern auf Versprechern herum.

Versprecher um ihrer selbst Willen kommen bei uns nicht vor. Auch so ein unausrottbares Vorurteil. Die schaffen es nur in die Sendung, wenn es eine zusätzliche inhaltliche Ebene gibt, oder wenn es sich um Freudsche Versprecher handelt.  Wie  neulich, als Frau Merkel aus Versehen gesagt hat, sie würde am Jahresende aufhören.

Der schwerere Vorwurf, den sich die heute-show etwa in einem Artikel des Cicero gefallen lassen musste…

… die Förderung von Politikverdrossenheit, ich weiß. Aber so wie wir – mich eingeschlossen – alle mehr aushalten müssen, muss es auch die Politik. Was sich nicht bestreiten lässt, in der aktuellen Die-da-oben-wir-da-unten-Stimmung haben auch wir als Komiker eine größere Verantwortung als früher, immer sachlich korrekt  zu arbeiten. Die Crux ist, dabei nicht zu verkrampfen. Andererseits hatte Satire noch nie die Aufgabe, zu beschreiben, was gerade richtig gut  läuft im Land.

Das machen die Objekte ihres Spotts ja auch selber.

Deshalb sind weder Satire noch Journalismus schuld daran, wenn die Politik mal  im schlechten Licht steht, sondern die Politik selber. Alles andere wäre auch zu viel der Ehre. Satire bewirkt gesellschaftlich betrachtet wenig, kann aber als eine Art Einstiegsdroge  wirken, Menschen auf bestimmte Themen stoßen, und so im Idealfall der Politikverdrossenheit entgegen wirken. Wir erleben ja gerade eine unglaublich politisierte junge Generation, und tatsächlich freue ich mich über jeden, der heute Politiker werden will. Die vielleicht größte Gefahr für repräsentative Demokratie ist, dass sie irgendwann niemand mehr repräsentieren will.


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