Papierschelte & Flaschendrehen

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. August

Rezo, schon wieder. Man könnte meinen, sobald der YouTuber mit dem blauen Haar das Internet anwirft, um über seine kleine große Welt der Zoten hinaus Gesellschaftskritik zu simulieren, spreche die Kanzlerin zur Nation. Nun hat er sich die Printmedien vorgeknöpft – was nicht nur denen so auf die Nerven ging, dass sich der DJV zu einer beißenden Retourkutsche (nebst anschließender Entschuldigung) hinreißen ließ. Dabei hat Rezo weniger gegen die Printmedien als den Boulevard gepestet. Mit Fokus aufs Papier, das ja echt nicht der Weisheit letzter Publikationsschluss ist. Und einen Seitenhieb aufs lineare Fernsehen, dessen Programm Printfans im Video angeblich aus Bild und BZ erfahren, um abends Sachen wie SOKO zu sehen, konnte er sich ebenso wenig verkneifen.

Doch wer weiß: vielleicht hat das ZDF Rezos Film ja zum Anlass genommen, die Münchner Ausgabe nach 41 Jahren endlich zu beenden. Was mal ein guter Anlass wäre, weiter auszumisten. Etwa den Teflon-Moderator Guido Cantz, der das Unterhaltungsfossil Verstehen Sie Spaß? so degeneriert, dass sich darüber sogar die Stammzuschauer (vermutlich in Printmedien) beschwert haben. Ähnlicher Streichkandidat: der Fernsehgarten – und zwar explizit nicht, weil ihn die Ulknudel Luke Mockridge für ein Rentner-Bashing der billigen Art missbraucht hat und von Andrea Kiewel – es heißt: lange geplant – der Bühne verwiesen wurde. Kleiner Sturm im Gebissreinigerglas. Einen in der Bierdose hingegen wünscht man dem zeitgenössisch enthemmten Trash-TV, das zusehends von der 15-Minuten-Berühmtheit formbarer Wohlstandsverlierer zur Hebebühne reaktionärer Machos degeneriert, die Frauen unbehelligt belästigen, betatschen, wie Dreck behandeln.

Zum Beispiel in Paradise Hotel oder Sommerhaus der Stars, wo RTL nicht mal das Korrektiv bissiger Off-Kommentare einsetzt, wenn Jungs das Testosteron aus Augen, Mund und Nase läuft. Apropos Männermacht: wo sich zwei milliardenschwere Global Player, deren Geschäftspolitik die brutale Verdrängung kleiner Konkurrenten beinhaltet, handelseinig werden, sind wir entweder im mächtigen Medienkonzern Viacom, der sich mit dem noch mächtigeren CBS zusammentut, oder bei Amazon, das dem Bundesligisten Dortmund eine vierteilige Dauerwerbesendung namens Inside Borussia schenkt.

Die Frischwoche

26. August – 1. September

Mit (etwas) weniger Product Placement kommen da Sky und Netflix aus, die mit der Scheidungskomödie Divorce und dem Suizid-Drama Tote Mädchen lügen nicht in die dritte Staffel gegangen sind, während ZDFneo ab Donnerstag (23 Uhr) endlich die grandiose TNT-Serie 4 Blocks ins Free-TV holt, wo Pro7 dienstags um 22.30 Uhr Christian Ulmens maxdome-Juwel jerks zeigen darf. Auf Starzplay startet drei Tage später Baptiste, wo die gleichnamige Nebenfigur der britischen Polizeiserie The Missing in den Vordergrund rückt, während Netflix zeitgleich ein Serienprequel des Fantasy-Klassikers Der dunkle Kristall wie damals mit echten Puppen reanimiert. Aus der Zeit des Originals stammt auch die Ästhetik der schwedischen Cop-Saga Hassel, die allerdings nur durch den gelungenen Soundtrack überzeugt.

Um zu verdeutlichen, wie die alte Konkurrenz derweil um Lufthoheit im Vakuum der Zuschauerköpfe kämpft, hier ein – zugegeben explizites – Beispiel: Am Freitag veranstaltet Sat1 Das große Promi Flaschendrehen mit Oliver Pocher, Sonya Kraus und der Gewissheit, dass all dies analog zu Fernsehgarten, Guido Cantz und Amazon abgewickelt gehört. Besseres Fernsehen verspricht da mal wieder die Nische. Wie Arte, wo die glaubhafte Charlotte Roche erst ab Mittwoch (21.40 Uhr) Love Rituals verschiedener Nationen erkundet – also nicht bloß, aber auch die Sexualität von Ländern wie Japan, Israel, USA. Am Sonnabend dann macht der Ki.Ka mit dem Filmexperiment Der Krieg und ich die größte aller Völkerschlachten auch für Kinder verständlich. Und tags zuvor kriegt Michael Kessler zur besten RBB-Sendezeit die nächste Gelegenheit, abseits vom Rampenlicht für etwas öffentlich-rechtlichen Glanz zu sorgen. In Showtime, Herr Kessler macht er diesmal ganz Berlin zur Bühne. Den Ort also, an dem sich 30 Jahre zuvor die DDR Richtung Untergang feierte – was die ARD-Komödie Vorwärts immer! heute um 20.15 Uhr mit Jörg Schüttauf als Erich Honecker persifliert.

Dicht gefolgt wird das an gleicher Stelle von der verstörenden Doku Chemnitz – Ein Jahr danach an einem Ort, wo der real existierende Sozialismus mittelbar in den real existierenden Neonazismus geführt hat. Bleibt vor den Wiederholungen der Woche noch die bemerkenswerte Verfilmung von Martin Suters Roman Die dunkle Seite des Mondes (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) mit Moritz Bleibtreu als Anwalt auf einem ganz miesen Drogentrip. Rund 90 älter ist eine Sauftour durchs Berlin der roaring twenties, die ein Gurkenfabrikant aus der Provinz 1927 Eine tolle Nacht lang erkundet (Montag, 0.00 Uhr, Arte). Farbig schön: Der Himmel soll warten von 1978 (Dienstag, 22.10 Uhr, Servus) mit Warren Beatty als Footballstar, der als Engel eine zweite Chance kriegt. Und der Tatort-Tipp Medizinmänner ist mit Schimmi, diesmal (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) in einem Pharmaskandal von 1990.



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