Schusswaffeneinsätze & Entscheidungsstunden

Die Gebrauchtwoche

26. August – 1. September

In einer Zeit, da der völkische Nationalismus mit Paranoia, Lügen und Herrenrassefantasien mehrheitsfähig geworden ist, muss man sich diese zwei Zahlen kurz mal auf der Netzhaut zergehen lassen: 2018 haben deutsche Polizisten, Kommissare aller Kriminalkommissariate eingeschlossen, offiziell 49 Warnschüsse abgegeben, weitere 56 Mal auf Personen gefeuert und dabei elf getötet. Rechnerisch ist das wenig mehr als ein Schusswaffeneinsatz pro Woche – was je nach Perspektive viel oder wenig sein mag. Ein Witz hingegen ist es, wie oft verglichen damit am hiesigen Bildschirm amtlich mit Verletzungs-, wenn nicht gar Tötungsabsicht abgedrückt wird

Dazu gibt es zwar keine Erhebung, aber wer das Fernseh- und Streamingangebot bloß oberflächlich nach Uniform-Formaten durchforstet, stößt pro Woche allein am Standort Deutschland auf mindestens 30 Serien und Filme, in denen Waffengewalt naturgemäß eine Rolle spielen kann. Das ist grundsätzlich legitim; Unterhaltung muss sich nicht spiegelbildlich an der Realität messen. Dennoch verstört das Missverhältnis schon deshalb, weil es dem Publikum suggeriert, in diesem Land regiere das Verbrechen, nicht die Demokratie. Bei CSU und AfD jedenfalls dürfte man den Exzess am Flatscreen genüsslich zur Kenntnis nehmen.

Den frisch gekrönten Herrschern am Medienhimmel hingegen sind die Befindlichkeiten einzelner Ausstrahlungsorte herzlich egal – allein schon, weil ihnen sogar die Regeln der eigenen Branche weniger bedeuten als ein neuer Vertragsabschluss. Netflix zum Beispiel lässt vor der Oscar-Verleihung im Frühjahr fix zehn hochgehandelte Eigenproduktionen jene sieben Tage in einer Handvoll Kinos laufen, um sie trotz offensichtlicher TV-Zugehörigkeit ins Rennen um die begehrte Trophäe schicken zu können. Klagen darüber sind aber schon deshalb fehl am Platze, weil Filme wie Martin Scorceses The Irishman oder Steven Soderberghs The Laundromat angenehm unspektakulär aus dem Superheldeneinerlei des Blockbusterkinos hervorstechen.

Die Frischwoche

2. – 8. September

Wie Netflix überhaupt mit Seh- und Verabreichungsgewohnheiten aufräumt, als sei die lineare Vergangenheit bereits beendet. Am Freitag zum Beispiel startet dort ein Biopic namens The Spy über die Mossad-Legende Eli Cohen. Damit schafft der israelische Homeland-Schöpfer Gideon Raff zweierlei: die notorische Ulknudel Sasha Baron (nicht verwandt mit Eli) Cohen als ernste Serienfigur zu etablieren, deren reale Räuberpistole als Sechzigerjahre-Agent in Syrien fast zu unglaublich ist, um wahr zu sein.

Hierzulande dagegen sonnt sich das Fernsehen weiter historisch im Erbe des Bauhauses. Nach der saftigen Architektur-Romanze Lotte am Bauhaus vom Frühjahr, die der MDR am Donnerstag um 23.35 Uhr wiederholt, macht es Arte gute drei Stunden früher allerdings um Längen besser. In Die neue Zeit schildert Regisseur Lars Kraume die Frühphase der libertären Kunstschule im Würgegriff reaktionärer Kräfte mit so zurückhaltender Strenge, dass die Selbstbefreiung der bürgerlichen Revoluzzerin Dörte Helm (Anna Maria Mühe) spielend über sechs Teile trägt.

Immerhin 90 Minuten lang funktioniert tags zuvor Heike Reichenwallner als Angela Merkel im ZDF-Dokudrama mit dem denkbar dusseligen Titel Stunden der Entscheidung zum Flüchtlingssommer 2015. Zeitgeschichtlich ebenso aktuell, wenngleich auf begrenzterem Terrain bedeutsam ist die vielbeachtete Dokumentation Surviving R. Kelly, mit dem der Nischenkanal Crime & Investigation heute einen Skandal um den übergriffigen Rapper aufklärt, Zeitgleich zur gefühlt 369. Höhle des Löwen auf Vox kümmert sich Arte am Dienstag zur Primetime mit den Dokus Ein seltsamer Krieg und Eine blonde Provinz um den 80. Jahrestag vom Überfall auf Polen, was 3sat (20.15 Uhr) mit Bernhard Wickis Die Brücke von 1959 begleitet.

Bevor es zu den Wiederholungen der Woche geht, noch fix zwei Komödientipps: Heute Abend zeigt die ARD Maren Ades bittersüße Kapitalismuskritik Toni Erdmann, morgen startet auf Sky das siebenteilige Coming-Out Sally4ever, wo eine Britin ihrer heterosexuellen Ehe in eine homosexuelle Affäre mit Folgen entflieht. Total humorlos war Klaus Kinskis Hassliebe mit Werner Herzog, die 1972 mit dem Conquistador Aguirre auf der Jagd nach dem Gold von El Dorado einen Höhepunkt fand (Montag, 20.15 Uhr, Arte. Dagegen war Stephen Spielbergs wohl berühmtester Film ET (Samstag, 20.15 Uhr, RTL2) 1982 mit leichterer Hand gestrickt – vom sieben Jahre älteren Tatort: Katjas Schweigen mit der blutjungen Katja Riemann an der Seite von Horst Schimanski (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR) ganz zu schweigen.

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