Charlotte Roche: Feuchtgebiete & Love Rituals

Ich bin bis heute schambehaftet

Groß geworden im Musikfernsehen, war Charlotte Roche lange Zeit nicht mehr als eine Moderatorin mit Hang zu seltsamer Kleidung – bis sie im autobiografisch angehauchten Roman Feuchtgebiete 2008 ihre Sexualität fiktionalisiert hatte und somit zur Ikone eines zwanglosen Umgangs mit dem eigenen Körper wurde. Nach ein paar Abstechern ins Talkshowfach bereist die 41-jährige Westfalin aus England nun in Love Rituals auf Arte sechs verschiedene Länder auf der Suche nach deren Liebesleben.

Von Jan Freitag

Charlotte Roche, beim Anflug aufs erste von sechs Ländern, in denen sie das Liebesleben erkundet haben, fiel etwas auf, was man von Ihnen überhaupt nicht gewohnt ist.

Charlotte Roche: Na da bin ich ja gespannt.

Sie haben bei der Erzählung über ein japanisches Penis-Festival fast so was wie schamhafte Unsicherheit gezeigt.

Aber warum denn auch nicht?! Es gibt offenbar viele Leute, die meine offenherzigen Bücher zum Thema Sexualität mit mir als Person verwechseln. Deshalb ist es ein riesiges Missverständnis, mich als schamlos zu betrachten, denn ich wurde im Gegenteil total schambehaftet erzogen und bin es bis heute.

Was Sie demnach mit Ihren Büchern kompensieren?

Absolut. Indem ich darüber schreibe, bekämpfe ich mein Schamgefühl über Dinge, für die man sich echt nicht schämen sollte, das war fast eine Therapie. Ich bin mein Schamgefühl zwar trotzdem keinesfalls los, aber in Japan ging es ja vor allem darum die Sexualität in einem anderen kulturellen Kontext anzusehen, um dadurch vielleicht Sexualität, wie wir sie bei uns ausleben, besser zu verstehen. Sich mit Sexualität zu beschäftigen, darüber nachzudenken, was sie bedeutet, finde ich tatsächlich sehr gesund. Umso mehr könnte dieser Einstieg zum Missverständnis führen, in Love Rituals gehe es bloß um Sex.

Das tut es ja gar nicht…

Nein, es geht um die Liebe verschiedener Kulturen, wie Menschen zueinanderfinden und beieinander bleiben. Wäre es Arte um irgendwas Pornografisches gegangen, hätte ich auch nicht zugesagt. Aber wir waren uns da von Anfang an einig – zumal die Autorin Michaela Vieser zuvor bereits ein Sachbuch zum Thema geschrieben hat. Ganz ohne Sex kann man Beziehungen aus meiner Sicht zwar nicht denken, aber für uns steht er nicht im Vordergrund.

Dennoch tut er das in der Auftaktfolge aus Japan von Anfang bis Ende.

Das stimmt, aber so sexuell wie dort wird es in keiner der anschließenden fünf Folgen.

War es programmstrategisch gewollt, die Reihe mit einer solchen Freakshow sexueller Kuriositäten beginnen zu lassen, quasi als Ankocher für den dezenteren Rest?

Nein, denn wie man vielleicht auch meiner Art zu moderieren anmerkt, läuft in der Sendung vieles ungeplant und spontan. Wir sind selten mit einer starren Vorstellung davon, was nun passiert, irgendwohin gefahren. Das gibt der Reihe einen sehr dynamischen Spin. Andererseits hat die Vorrecherche ergeben: wenn Japaner so fortpflanzungsfeindlich weitermachen wie bisher, gibt’s bald keine mehr. Sex ohne Anfassen oder mit lebensechten Gummipuppen, der Ekel vor Körperflüssigkeiten und Schambehaarung – all dies funktioniert auf Dauer nicht.

Trotzdem hätte man auch den zweiten Teil aus Israel vorziehen können, in dem es sehr viel bedächtiger um Eheanbahnung und religiöse Gräben geht.

Ach, da sind wir einfach insofern chronologisch vorgegangen, als Japan unser erster Drehort war. Darüber hinaus sind die Liebesrituale der sechs Folgen – ob in Japan, Israel, Kenia, Indien, den USA oder Orkney Inseln – extrem unterschiedlich. Mal geht es um Liebe und Geld, um Liebe und Sex, um Liebe und Magie und so weiter. Alles stand und fiel da mit dem Protagonisten oder der Protagonistin, die uns durchs jeweilige Land geführt haben.

Was ist denn da der Mehrwert dieser Reihe – lernt das Publikum nur andere Kulturkreise kennen oder halten sie ihm auch ein wenig den Spiegel vor?

Beides. Und da hoffe ich auf eine ähnliche Horizonterweiterung, wie ich selber sie erlebt habe. Mit Menschen derart verschiedener Kulturen über die Liebe zu reden, verändert definitiv das Bewusstsein.

Inwiefern?

Etwa über die Bedeutung von Liebe. Wenn ich Kenianern erzählt habe, welchen Stellenwert sie bei uns zuhause hat, wie sie als Lebenselixier betrachtet wird, wurde ich oft ausgelacht.

Weil die Menschen dort ganz andere Sorgen haben als die Suche nach Romantik?

Genau. Als ich eine Friseurin gefragt hab, die aus einer brutalen Ehe geflohen ist und nun vier Kinder alleine erzieht, ob sie nun auf der Suche nach einer neuen Beziehung sei, erschien ihr dieses Denken fast lächerlich. Liebe ist für solche Menschen ein absoluter Luxus, den die sich gar nicht leisten können; dafür hat die weder Zeit noch Energie, geschweige denn die Muße. Während wir in unserem Wolkenkuckucksheim auf der Suche nach der großen Liebe leben, muss sie Geld verdienen.

Umso mehr fällt auf, dass ihr in den ersten zwei Folgen etwas Spirituelles, oft Schicksalhaftes beigemessen wird wie in Israel, wo Ehen oft durch Kupplerinnen arrangiert werden, weil sie angeblich über mehrere Leben hinweg perfektioniert werden.

Hat Sie das gestört?

Nicht gestört, aber es nimmt dem Menschen seine Autonomie bei der Partnerwahl.

Mich hat es sogar extrem gerührt, wie die Heiratsvermittlerin ans Schicksalhafte ihrer Arbeit glaubt. Natürlich verdient die auch Geld damit, aber Seelenverwandte für andere zu finden, ist doch toll. Ich bin zwar froh, in einem Land zu leben, wo diese Art Kuppelei weniger verbreitet ist, beneide aber manchmal Leute, die sich damit von diesem Monsteraufwand befreien, unbedingt alleine the one and only finden zu müssen.

Sie haben den ja auch – ohne jetzt boulevardesk klingen zu wollen – schon sehr früh und scheinbar für die Ewigkeit gefunden…

In der Tat. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Scheidungskind war; aber mir war eben klar, dass es das, was ich da gefunden habe, nicht noch mal in besser gibt. Ich war aber auch vorher in keiner Beziehung so ruhelos, ständig nach Verbesserung zu streben. Seit ich mit Jungs zusammen bin, also mehr als 25 Jahre schon, fand ich immer denjenigen, den ich grad habe, am allerallerallerbesten von allen. Das mag Glück gewesen sein; andererseits  haben mich meine Eltern halt dazu erzogen, mir emanzipierte, frauenfreundliche, tolle Partner zu suchen.

Was aber auch wieder mit unserem Wolkenkuckucksheim zusammenhängt, in dem diese Suche möglich ist oder?

Schon, aber machen wir uns nichts vor: selbst wenn es hier nicht so offen ausgesprochen wird wie in Kenia, spielt das Geld bei der Partnerwahl auch in unserem Kulturkreis eine Riesenrolle. Sie werden in kaum einem Krankenhaus Ärztinnen finden, die einen Pfleger heiraten, aber massenhaft Ärzte, die Krankenschwestern heiraten. Beziehungen sind auch bei uns oft eine sehr traditionelle, oft unromantische Abwägung von Vor- und Nachteilen. Von wegen: wo die Liebe hinfällt… Auch wenn unsere Gesellschaft gern was anderes behauptet, sind Familiengründungen oft sehr pragmatisch. Oder haben Sie sich schon mal in eine Obdachlose verliebt?

Nein, zugegeben.

Ich auch nicht. Trotzdem empfinde ich dieses zwanghafte Suchen nach Perfektion in der Liebe als fatal. Die Illusion vieler Dating-Plattformen, wer nur intensiv genug sucht, oder einem angeblich perfekten Algorithmus folgt, findet schon den idealen Partner, versäumt aber leider auch alle anderen, die womöglich noch idealer sind, führt in die Irre. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig unromantisch, und ich will auch gewiss meinen Mann nicht beleidigen, aber wenn eine Beziehung langfristig funktionieren soll, schraubt man seine Ansprüche lieber etwas nach unten. Wer andauernd das Bessere sucht, weiß das Gute nicht zu schätzen und schafft es nie, sich wirklich festzulegen.

Würden Sie sich trotz dieser pragmatischen Sicht auf die Liebe als Romantikerin bezeichnen?

Auf jeden Fall! Aber für mich ist es eben manchmal romantischer, ein bisschen unromantisch zu sein. In der Paartherapie habe ich gelernt: wer eine Beziehung beim ersten Problem beendet, nimmt es in die nächste mit. Deshalb ergibt es fürs gesamte Leben Sinn, Schwierigkeiten gemeinsam mit dem Partner – sofern er nicht grad ein prügelnder Alkoholiker ist – auszuräumen, anstatt beim ersten Ärger abzuhauen. Da sind Liebende wie Bauern, die sich gemeinsam um zarte Pflänzchen der Liebe kümmern.

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