Der Armin & die Propaganda

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. September

Ach Internet, du bist und bleibst halt auch annähernd eine Generation nach deinem Durchbruch Neuland für all jene, die beim Tor des Monats noch per Postkarte abstimmen oder Laptop sagen und Lederhose meinen. Die CSU zum Beispiel, genauer: ihre neue Geheimwaffe Armin, wie bayerische Teenager auch im 21. Jahrhundert noch heißen. Der Armin also soll unterm Hashtag CSyoU die Generation Z an die Parteimit dem C binden. Und wie dieser blondierte Influencer im Hawaiihemd die Klima-Gretel basht, das findet sie bestimmt, nee, nicht nice, sondern dufte, wie bayerische Teenager wahrscheinlich auch im 21. Jahrhundert noch sagen.

Teenager, die womöglich auch zu den knapp zweieinhalb Millionen vorwiegend weißhaarigen Zuschauern zählen, die jedes Frühjahr im Zweiten einer der lächerlichsten Events im geriatrischen Veranstaltungskalender beiwohnen: Der Goldenen Kamera im ZDF. Nach 53 Jahren konstant sinkender Resonanz und Relevanz setzt die Funke-Gruppe das einst ehrwürdige Springer-Fossil nun endlich ab, nachdem es Thomas Gottschalk 2012 nochmals aus Berlin übertragen darf.  Witzig, dass ausgerechnet Jan Böhmermann erst den nutzlosen Fernsehpreis (durch Einschleusen eines falschen Ryan Gosling) als auch CSYouU (durch Enttarnung des hippen Armin als verkleideten Anzugschnösel) im Neo Magazin Royale aufs Schafott geführt hat.

Nicht ganz so lustig hingegen war das, was wir in den Minuten, Stunden, Tagen nach dem Landtagswahldrama vom vorvergangenen Sonntag erleben mussten. Dabei bestand das öffentlich-rechtliche Desaster im Umgang mit der AfD noch nicht mal nur aus der Fieldreporterin Wiebke Binder, die uns den rechtsextremen Teil einer rechtsradikalen Partei partout als bürgerlich zurechtdilettieren wollte. Auch die Tatsache, dass ihr Chefredakteur Torsten Peuker diesen Irrwitz allen Ernstes als „Versprecher“ entschuldigen wollte, macht die Sache noch nicht zum Skandal. Skandalös ist, wie sich selbst seriöse Medien mit kraftlosem Verständnis für den völkischen Aufstand im Osten lächerlich machen.

Die Frischwoche

9. – 15. September

Dazu passt kaum etwas besser als die heutige Arte-Dokumentation mit dem sprechenden Titel Propaganda. Der kanadische Filmemacher Larry Weinstein skizziert darin um 20.15 Uhr beängstigend präzise die Mechanismen der politisch motivierten Lüge, mit der sich selbst demokratische Wahlen weltweit gewinnen lassen. Vorweg: Die thematisch artverwandte Reportage Re: Rap in Russland und hinterher zwei Dokus über Meinungsmanipulation in Irak-Krieg und der Wissenschaft.

Um Wahrheitsdeutungen geht‘s Freitag drauf auch auf Netflix, wenn dort die achtteilige Dramaserie Unbelievable startet. Auf der Basis eines pulitzerpreisgekrönten Zeitungsartikels wird ein Teenager darin verdächtigt, ihre Vergewaltigung nur erfunden zu haben. Äußerst eindrücklich, so scheint es nach Ansicht zweier Teaser. Weniger eindrücklich als eingeseift ist tags drauf das nächste ARD-Biopic mit Frau im Titel: die akkurat kostümierte Bleistift-Dynastin Ottilie von Faber-Castell, mit gegenwartstauglicher Steckfrisur gespielt von Kristin Suckow als Eine mutige Frau, so der Untertitel, die natürlich schöner, tougher, moderner, cooler ist als die weibliche Realität des 19. Jahrhunderts je war.

Schön, tough, modern, cool und dabei geheimnisvoll tiefgründig ist 24 Stunden später die neue Polizeiruf-Ermittlerin Verena Altenberger. Als Uniform-Cop Bessie tritt die Darstellerin der kommerziellen Putzfrau Magda das schwere Erbe von Matthias Brandt an, scheitert im Auftaktfall um Kindesmisshandlungen im pathetisch-düsteren Gebrüder-Grimm-Stil gehörig, zeigt aber gleichsam ein Potenzial, das sie schon im nächsten Fall unter der Regie von Dominik Graf abrufen dürfte. Weder schön noch cool oder gar tough ist die junge Schauspielerin Emma Bading als spielsüchtige Jennifer. Mit Play zerstört der ARD-Mittwochsfilm also gleich zwei Klischees: Gamer sind stets Jungs und weibliche Filmfiguren irgendwie lieb, verlockend, freundlich.

Am Freitag (21.15 Uhr) beendet das ZDF seine Schirach-Adaptionen von Schuld mit Moritz Bleibtreu als Anwalt absurder Fälle. Donnerstag um 22.05 Uhr strahlt Servus noch als erster das Tennisdrama Borg/McEnroe mit Sverir Gudnason und Shia LeBeouf als ebendiese aus, während Lars Kraumes Bauhaus-Fiktion Die Neue Zeit am Sonntag (22.15 Uhr) zuvor schon auf Arte lief – was entsprechend zu den Wiederholungen der Woche führt: Zeitgleich nämlich läuft auf Arte der Director’s Cut von Wolfgang Petersens Das Boot auf 200 Minuten Länge von 1991 auf Arte. Und der heutige Tatort namens Die Geschichte vom bösen Friedrich (21.45 Uhr, HR) zeigt die Frankfurter Ermittlerin Margarita Broich als Opfer von Nicholas Ofczarek in absoluter Paraderollenlaune.



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