Thees Uhlmann: Junkies & Scientologen

Mir geht es nicht um Nostalgie

Aufgewachsen in Hemmoor, großgeworden in Hamburg, angekommen in Kreuzberg: Thees Uhlmann (Foto: Ingo Pertramer) hat sich zu einem der einflussreichsten Songwriter der Generation X bis entwickelt. Nach fünf Jahren bringt er jetzt sein Soloalbum Junkies und Scientologen heraus, ergänzt um eine Coversammlung deutscher Songwriterinnen. Der 45-Jährige über Stadionpop, Scorpions, Telespiele und warum ihn seine Tochter menschlich mit erzieht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Thees Uhlmann, was bitteschön verbindet dich mit Avicii?

Thees Uhlmann: Ich mochte die Songs von ihm, so wie ich ein riesiger Abba-Fan oder Pink Floyds The Wall bin. Ob das nun EDM-Music ist oder nicht – anders als David Guetta haben mich die Hit-Singles von Avicii einfach geplättet.

Und das verarbeitest du im Song über ihn ganz unironisch, obwohl Stadionpopstars wie er aus der Sicht kultivierter Großstadtkünstler ja eher ein bisschen peinlich sind?

Seine Lieder haben mich einfach berührt. Und dann kam noch die dunkle Geschichte hinter Aviciis Suizid hinzu, die ich auch als Familienvater unendlich traurig finde. Als ich mit dem Universal-Manager Daniel Lieberberg mal darüber geredet hatte, wie schlecht es Avicii geht, hätte ich ihn gern mal zu mir nach Kreuzberg eingeladen, ohne Entourage und Konfettikanonen, einfach zwei Akustikgitarren und los. Deshalb kann ich ironiefrei über ihn singen.

Aber du bist dir des Ironie-Verdachts schon bewusst, wenn du kurz darauf auch noch was Nettes über die Scorpions singst!

Bewusst schon, aber ich bin ja Künstler, da muss es mir doch egal sein, ob die Leute was Falsches in meine Kunst hineininterpretieren. Das ist wie bei Jackson Pollock, der bestimmt oft zu hören kriegt, was du da hinkleckst, kann meine kleine Tochter auch.

But I did – wie Damien Hirst auf diesen Vorwurf mal geantwortet hat.

Beide haben ungeachtet der Resonanz souveräne Entscheidungen über ihre Kunstwerke gefällt. Und wenn jemand denkt, ich sei moralisch so kaputt, ironische Lieder über Kollegen zu schreiben, die sich umgebracht haben, setzt er sich offenbar nicht mit mir auseinander. Meine Fans schnallen es relativ gut, wann ich ironisch bin – und das gilt auch für die Scorpions, die ungeheuer wichtig für die Gegend sind, aus der sie kommen.

Niedersachsen, deine Heimat, wenngleich nicht Hannover, sondern Hemmoor. Steckt in Liedern wie dem über die Scorpions bereits nostalgische Wehmut des Mittvierzigers beim Blick zurück?

Glaub ich nicht. Mit 45 hat man einfach schon so viel erlebt, dass man darüber singen kann, während ich bei Tomte die meiste Zeit damit verbracht habe, über mich selber zu singen. Damals hatte ich einen Traum, nur wahnsinnig wenig Geld. Jetzt habe ich meine Gedanken über die Scorpions und was sie für Hannover bedeuten. Das find ich schon deshalb interessant, weil in der Netflix-Serie Stranger Things die Achtziger vertont werden und dafür ein Song der Scorpions läuft, den ein Protagonist im Camaro hört, als er bei eine Daddelhalle vorfährt, die es damals überall gab. Telespiele!

Frogger!

Geil. Und dann laufen die Scorpions aus Hannover.

Hat deine Begeisterung dafür auch mit Lokalpatriotismus zu tun?

Nein, nichts. Als Punk hatte ich allerdings eine besondere Beziehung zu Hannover, mit den Chaostagen, Besuche im Landtag als Schüler, Gefühle, die ich beim Songschreiben abrufen kann. Mir geht es dabei weder um Nostalgie noch Lokalpatriotismus, sondern die Freude am künstlerischen Schürfen. Aber merkst du was? Wir reden grad über diese zwei Songs meiner Platte. Wenn ich sie über Arcade Fire gemacht hätte, die ich großartig finde, oder Berlin, wo ich seit vielen Jahren lebe, hätte dich das nicht interessiert, weil es mich nicht interessiert.

Warum?

Weil mir da die Fallhöhe fehlt, kein Fleisch am Knochen. Mich interessiert an meiner Kunst das, was nicht einfach so leicht konsumierbar ist, sondern zum Nachdenken und Nachfragen anregt. Ob das mit der Vergangenheit zu tun hat, ist mir da erstmal egal.

Passiert es dir trotzdem manchmal, dass du sagst oder zumindest denkst, früher sei vieles besser gewesen?

Die längere Version?

Gern.

Als ich 13, 14 war ist, ist die Mauer gefallen – per se erstmal ‘ne verrückte Idee, dass die Deutschen politisch etwas umwälzen, ohne dass zigtausend Menschen sterben. Und dann kam kurz darauf Nirvana, PJ Harvey, Riot Grrrls um die Ecke, und das war für die Welt, aber auch für uns auf dem Dorf unglaublich, wie sie den gigantomanischen Rock, dieses Macker-machen-Mucke-für-richtige-Männer-Metal in einem Frühjahr weggewischt haben. Als dann irgendwann auch noch Obama gewählt wurde, dachte ich, jetzt geht alles immer nur weiter zum liberalen schönen Leben für alle. Aber wenn man jetzt sieht, wie all dies im männlichen Dominanzgebaren zwischen Brexit, Trump und Afd zusammenkracht, darf man durchaus mit warmen Gefühlen auf die Zeit von damals blicken.

Denkst du da linear, dass alles nur schlimmer wird, oder in Wellen, dass es auch wieder aufwärts geht?

Wellenbewegung, definitiv. Die Frage ist halt bloß, ob wir die Welle Richtung Trump in zehn Jahren hinter uns haben, wenn sich noch was reparieren lässt, oder in 40 Jahren, die es ja auch gedauert hat, bis sich die Gedanken der 68er durchgesetzt haben. Wenn letzteres der Fall ist, sehe ich einer dunklen Zeit entgegen.

Und deine Prognose?

Meine Tochter ist zwölf und hat mir erlaubt, auch über sie im Interview zu reden. Da sage ich: Als Vater eines Kindes kann man nicht pessimistisch sein.

Kann im Sinne von „geht gar nicht“ oder von „sollte man sich verbieten“?

Sollte man sich verbieten.

Hat es eigentlich mit deiner Tochter zu tun, dass neben Junkies und Scientologen noch ein Album namens Gold rauskommt, auf dem du Songwriterinnen coverst?

Vielleicht. Wenn du als Mann Töchter hast, wirst du auf eine Art Bestandteil dieser Geschlechtergang, die mit Söhnen unmöglich ist. Wenn es um männliche Selbstherrlichkeit oder Sexismus geht, machen Mädchen im Haushalt auf jedem Fall wachsamer. Aber ich will das bezogen auf Gold jetzt auch nicht zu hoch hängen.

Was hängt da denn höher?

Dass wir einen Song von Haiyti so wahnsinnig toll fanden, dass wir erst den gecovert haben und dann der Meinung waren, eine CD-Box könne statt irgendeinem T-Shirt eher ein Album mit Coverversionen deutscher Interpretinnen vertragen. Das hat aber keine politische Stoßrichtung, auch wenn es politisch wahrgenommen werden könnte. Es geht um Respekt und Ehrerbietung.

Auch um eine Art Solidaritätsadresse in einer Branche, die Frauen immer noch schlechter behandelt als Männer?

Natürlich bin ich solidarisch mit Frauen und hab auch noch keiner vom Gerüst hinterher gepfiffen. Aber es ändert sich ja was. In meiner Jugend hat ein Mädchen, wenn es musizieren wollte, noch die Querflöte gekriegt und ich die E-Gitarre. Da hat der Computer echt für eine Liberalisierung gesorgt. Der ist geschlechtslos.

Was spielt deine Tochter?

Ukulele. Die ist gut für kleinere Finger, mit der kannst du aber auch schon ganz schön Randale machen.

Will sie in deine Fußstapfen treten?

Ich hoffe nicht! Im Moment findet die mich dafür viel zu peinlich, und ich bin eher der Typ für den Vatermord als den Ödipuskomplex.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen
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