Extra-Ausgaben & Wende-Zeiten

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. September

Wenn die in den USA die Emmy Awards verteilt werden, ereignet sich seit 2012 das immer gleiche Spiel: Ein paar nominierte Serien und Filme aus dem englischsprachigen Raum werden für gefühlt ein paar Tausend Preise vom Hauptdarsteller bis zum künstlerischen Anspruch nominiert und am Ende gewinnt – Game of Thrones fast alles alleine. Weil das selbst bei den vergangenen drei, vier Staffeln, die das Niveau der vorherigen deutlich unterschreiten, so war, hätte es also auch am 22. September Hauptpreise hageln müssen. Tat es natürlich auch. Nur nicht so vollumfänglich wie zuletzt.

Von 32 möglichen Emmys räumte GoT also immerhin zwölf ab und war damit am erfolgreichsten. Die Konkurrenz von Chernobyl (10) über The Marvelous Mrs. Maisel (8) bis hin zu Fleabag (6) war dem Krösus allerdings dicht auf den Fersen. Das wirft die Frage auf, wer wohl nächstes Jahr abräumen wird, aber auch, warum grandiose Serien wie Bodyguard, Sharp Objects komplett leer ausgegangen sind und all die herausragenden Formate aus dem skandinavischen, französischen und dank Bad Banks diesmal ja auch deutschen Sprachraum weiterhin an der Katzentisch der International Emmys abgeschoben werden. In der globalisierten Fernsehwelt ist diese Trennung schließlich ebenso überkommen wie, sagen wir: ein klassisches Charterurlaubsunternehmen der Marke Thomas Cook

Dass es angesichts der Buchungsmöglichkeiten im Internet oder – noch viel virulenter – dem Klimawandel überhaupt noch Touristen zum Strandrösten in alle Welt geflogen hat, war demnach völlig anachronistisch. Für sämtliche Medien bis hin zur seriösen Tagesschau aber kein Grund, nicht in Extra-Ausgaben darüber zu berichten. Freilich meist ohne jeden Hinweis darauf, wie das Prinzip Bummsbomber nach Bangkok die Zukunft dieses Planeten verspielt. Da zeigt sich: Selbst noch so kritischen Medien ist ein Arbeitsplatz am Ende tausendmal mehr wert als das Menschheitsthema Klimakrise.

Die Frischwoche

30. September – 6. Oktober

Das übrigens wird nicht nur am Bildschirm, aber besonders dort derzeit von zwei anderen Sujets aus der Primetime verdrängt: Sport und Wende. Während ARD und ZDF seit Freitag bis tief in die Nacht über die Leichtathletik-WM aus Doha berichten, wo angesichts der sengenden Hitze vor gemietetem Publikum alles Mögliche, aber gewiss keine Leichtathletik-WM stattfinden sollte, begeht das Fernsehen praktisch rund um die Uhr den 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Obwohl die Privatsender kaum Sendezeit dafür verschwenden, dem Ereignis auch nur nebenbei zu gedenken, würde es an dieser Stelle zu weit gehen, alles aufzuzählen, was dazu öffentlich-rechtlich 24/7 läuft. Von daher nur eine kleine, vorwiegend fiktionale Auswahl: Mit Andreas Kleinerts eindringlicher Rückblende Palast der Gespenster und Werner Herzogs britischen Filmporträt Gorbatschow liefert wie üblich Arte am Dienstag ab 20.15 Uhr die dokumentarischen Highlights. Das Erste dagegen zeigt am Mittwoch mit Wendezeit einen deutsch-deutscher Doppelagenten-Thriller mit Petra Schmidt-Schaller in der Hauptrolle, während das ZDF tags drauf um 22 Uhr Matti Geschonneks Adaption von Eugen Ruges Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts mit Bruno Ganz als überzeugtem SED-Kader, dessen Sohn politisch unverhofft aus der Art schlägt.

Parallel dazu wiederholt 3sat erst beide Teile von Uwe Tellkamps Der Turm – die man angesichts des harten Rechtsrucks ihres Verfassers sieben Jahre später sicher mit anderen Augen sieht. Und Donnerstag laufen an gleicher Stelle alle drei Folgen Der gleiche Himmel von 2017 mit Tom Schilling als Romeo-Agent nacheinander. Großes, opulentes, topbesetztes und durchaus relevantes Geschichtsfernsehen made in germany, das bereits auf die Wiederholungen der Woche hindeutet. Zuvor aber noch drei aktuelle Tipps.

Seit kurzem glänzt Katrin Bauerfeind in Frau Jordan stellt gleich auf Joyn angenehm staubig als Gleichstellungsbeauftragte eines mittelständischen Unternehmens. Heute zeigt Arte (22.10 Uhr) Philippe Garrels schwarzweiße Hommage an den französischen Film Noir Liebhaber für einen Tag mit seiner eigenen Tochter in einer Dreiecksbeziehung zwischen ihrem Filmvater und dessen Filmfreundin. Ab morgen moderiert Jessy Wellmer um 23 Uhr gemeinsam mit ihrer Kollegin Eva-Maria Lemke den neuen ARD-Talk Hier spricht Berlin. Freitag bis Samstag zeigt Neo ab 22 Uhr jeweils vier Teile der zweiten Staffel des dänischen Politthrillers Countdown Copenhagen. Und hier ist dann älteres Zeug zur guten Unterhaltung.

Montag um 0:00 Uhr (HR): Vertigo – Aus dem Reich der Toten, Hitchcocks Meisterwerk von 1958 mit James Stewart, der sich Kim Novak nach dem Ebenbild seiner verstorbenen Frau gestaltet und dabei in einen psychedelischen Strudel. Auch schon wieder 28 Jahre alt: Schtonk, (Mittwoch, 22 Uhr, Nitro), Helmut Dietls sensationelle Verballhornung der Hitler-Tagebücher von 1991 mit nahezu allem, was das Fernsehen seinerzeit an Stars aufzubieten hatte. Und unser Tatort-Tipp heißt diesmal Der tiefe Schlaf (Montag, 21.45 Uhr, HR) mit Fabian Hinrichs im einmaligen Intermezzo als Assistent von Batic und Leitmayr.

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