Rikas, Golden Dawn Arkestra, Kummer

Rikas

Wer würde nicht, Hand aufs Herz, auch gern mal die Katastrophenlage vor der Tür vergessen und sich einfach mit dem Langstreckenflieger first class auf die Bahamas verkrümeln, um – Pina Colada zur Linken, Lovetoy zur Rechten – dem karibischen Eskapismus deluxe zu frönen, statt freitags gegen die Apokalypse zu demonstrieren oder noch anstrengender: an der Siegessäule Haupverkehrsadern zu besetzen? Aber weil das natürlich nur die Dümmsten unter den Ignoranten unserer absurden Welt machen, muss man sich andere Wege zur kleinen Realitätspause suchen. Zum Beispiel die der Fluchthelfer Rikas.

Die ehemalige Schülerband aus der metabürgerlichen Feinstaubhölle Stuttgart kredenzt auf ihrem Debütalbum Showtime einen zuckrig süßen Popcocktail, der uns irgendwo zwischen Friedrich Sunlight und Paul Simon, Laid Back und Phoenix so unwiderstehlich in die Hängematte zieht, dass der PR-Slogan “Swabian Samba” Substanz erhält. Wenn wattierte Funkgitarren zu englischem Gaga-Nonsens durch die Feuchtgebiete ethnisch angedickter Strandpartysounds wehen, rutscht einem der nächste Terroranschlag kurz den Buckel runter und hinterlässt uns fröhlich sediert wie MDMA auf Sekt Mate. Tschüss Wirklichkeit, bin gleich wieder da.

Rikas – Showtime (Sony)

Golden Dawn Arkestra

Die Wirklichkeit unserer Gegenwart verabschiedet sich auch aus dem neuen Album des texanischen Golden Dawn Arkestra – wenngleich auf kantigere Art und Weise wie bei den Rikas. Für Darkness Falls on the Edge of Time hat sich das Kollektiv von bis zu 20 Musiker*inne*n aus Austin zwar ebenfalls auf Spurensuche im musikalischen Überall begeben, ist dabei jedoch weniger im Funk fündig geworden als auf dem staubigen Asphalt eines Roadmovies der späten Siebziger, das ein paar durchgeknallte Japaner scheinbar mit ein paar noch durchgeknallteren Hippies auf amerikanischen Highways eingespielt haben.

Schon die Single-Auskopplung Mama Se: Fiebrige Westernriffs tropfen über hypnotischen Chorgesang, als sei beides auf der Flucht voreinander und gleichsam auf der Jagd. Und der verschwitzte Dunst, den das Kleinorchester bei seinen viel umjubelten Live-Auftritten erzeugt, wabert auch aus der Box, wenn Allo Allo Boom im Anschluss den Postpunk der frühen Achtziger mit Bigbandpop vom Anfang dieses Jahrtausends, in die sich zwischendurch immer wieder peitschende Bläsersequenzen und afrikanische Rhythmen mischen. Nostalgie als Soundtrack des Wahnsinns. Herrlich!

Golden Dawn Arkestra – Darkness Falls on the Edge of Time (13 A Records)

Kummer

Was der deutsche HipHop braucht, um aus dem Klammergriff von gernegroß und gerneklein, Gangsta-Arroganz und Alternative-Gestus zu kommen? Die Antwort ist unterkomplex: Weniger Machismo und Autotune, mehr Bedeutung und Felix Brummer. Der – so sagt man das eben: charismatische Sänger der Chemnitzer Rockband Kraftklub hat nämlich ein Solo-Album aufgenommen, das allen Ernstes dazu geeignet ist, dem hiesigen Sprechgesang frische Luft in die diesigen Hallräume zu blasen.

Es heißt KIOX, ist angeblich zunächst nur im gleichnamigen Pop-up-Store seiner gespaltenen Heimastadt zu kriegen und von einer empathischen, selbstreflexiven, konsumkritischen, aufwühlenden Wut, mit der man wirklich noch Herzen und Hirne bewegen kann. Umringt von minimalistischen Samples, dunklen Drones, bisschen Trap, bisschen R’n’B lautet das Versprechen des Openers Nicht die Musik, “ich mach Rap wieder weich / ich mach Rap wieder traurig”. Das tut er mit vielschichtig präziser Poesie und viel Gefühl für inneren Aufruhr mit Außenwirkung.

Kummer – KIOX (Beat the Rich)

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