Döpfners Rechtsruck & Losers Optimierung

Die Frischwoche

7. – 13. Oktober

Als der außerparlamentarische Rechtsextremismus die parlamentarische Vorarbeit am Mittwoch in den antisemitischen Terroranschlag von Halle verwandelt hat, musste man unwillkürlich an einen Witz der heute-show denken. Dort jubelte die AfD über einen, der angeblich von Islamisten verübt worden war, bevor die Linke darüber frohlockte, dass der Täter doch ein Deutscher gewesen sein soll. Witzig. Und ähnlich entlarvend wie Oli Welkes Kollege Jan Böhmermann, der den Synagogen-Angreifer in den Kontext der Radikalisierung im Land stellte und twitterte: Alles Einzeltäter since 1933. Witzig. Und ganz schön boshaft.

Dabei war der mediale Grundton ansonsten eher nüchtern. Die Sondersendungen aller Kanäle waren selbst auf RTL erstaunlich ausgewogen, bei aller gebotenen Zurückhaltung aber auch fast schon defensiv in der Bewertung des offensichtlich rechen Hintergrunds mitsamt Tatgeständnis und -Video, das überdies dank wirksamer Schutzmechanismen so selten hochgeladen und verlinkt wurde, dass der schäbige Versuch eines Welt-Artikels von Springer-Chef Döpfner, die Verantwortung für Halle Willkommenskultur und Political Correctness, statt rechter Ideologie in die Schuhe zu schieben, aus dem Chor der Seriosität hervorstach wie ein Pickel auf reiner Haut.

Umso erstaunlicher ist es, dass der Gesprächspartner im ZDF-Morgenmagazin zum Thema zwei Tage darauf ausgerechnet AfD-Sprecher Jörg Meuthen war, dessen Partei das versuchte Massaker theoretisch unterfüttern half. Wer übrigens bei allem glaubhaften Entsetzen ebenfalls einen Anflug von Erleichterung verspüren dürfte, ist die CDU/CSU, denen der Anschlag von Halle dazu verholfen hat, dass sich Öffentlichkeit und Medien ein paar Tage lang nicht dem politischen Totalversagen in Sachen Klimakrise widmen müssen. Einem Entertainer wie Disney ist all dies aber ohnehin völlig Wumpe.

Ganz im Gegenteil zum Konkurrenzkampf beim Streaming, den der weltgrößte Unterhaltungskonzern künftig mit einer eigenen Plattform forciert. Um dort möglichst bald die Alleinherrschaft zu übernehmen, verbannt er vorsorglich schon mal Werbung für den Mitbewerber Netflix von allen Disney-Kanälen. Wem das vermutlich mal gar nichts ausmachen wird, ist – Netflix. Dort bietet man nämlich einfach weiterhin Serien an, die Disney fortan vermutlich mit Superhelden, Superhelden und vielleicht noch ein paar Superhelden zu besiegen versucht.

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Oktober

Ab Freitag zum Beispiel Living with Yourself. Der ehemalige Ant-Man Paul Rudd spielt darin einen Loser, der nach einer mysteriösen Wellness-Therapie plötzlich auf die optimierte Version seiner selbst trifft und fortan mit dem Klon um die Deutungshoheit über sein verkorkstes Leben kämpft. Dass gute Serie auch öffentlich-rechtlich geht, zeigt heute das ZDF heute kurz nach Mitternacht mit der liebenswerten Urban-Young-Adult-Snippet-Show Fett und Fett um den altjungen Möchtegernhipster Jaksch von und mit Jakob Schreier, der sein Alkoholproblem zum Lifestyle-Gadget umdeutet und damit fünf Stunden am Stück lustige Großstadtsequenzen durchläuft.

Dazu muss man sagen, dass die Serie zuvor online gelaufen ist – wie die sensationelle Fortpflanzungsdystopie The Handmaid’s Tale auf der digitalen Plattform Hulu, bevor sie am Freitag um 22 Uhr – endlich – im Free-TV von Tele 5 landet. Apropos landen: Die dokumentarische Fiktionalisierung amerikanischer UFO-Sichtungen der früheren Nachkriegszeit von Zukunftsrückreiseexperten Robert Zemeckis läuft ab Dienstag auf der Basis offizieller Regierungsakten beim Videoportal TV Now. Beim Muttersender RTL geht dagegen tags drauf der sexistischste Populistenversteher im Fernsehland erneut auf Tauchtour durchs Wutbürgerbecken und macht sich in Mario Barth deckt auf unter anderen an die Ökobilanz von E-Autos, was gut zu seiner rettet-den-Diesel-Kampagne passt.

Fast noch schlimmer könnte da die lausige Idee von ZDFneo zu sein, ab heute, 18.35 Uhr, im Dinner Date Kuppel- und Kochshow miteinander zu kombinieren. Auweia. Wenden wir uns lieber den Spielfilmen zu. Zum Beispiel Danny Boyles herausragendes Biopic Steve Jobs mit Michael Fassbender als Digitalpionier. Warum es morgen erst zur Geisterstunde läuft, bleibt allerdings das Geheimnis des ZDF. Die ARD dagegen zeigt am Freitag auf dem Degeto-Sendeplatz nach der Tageschau Meine Nachbarn mit dem dicken Hund – ein erstaunlich feinsinniges reife-Frauen-am-Rande-des-Nervenzusammenbruchs-Porträt mit Johanna Gastorf und Katharina Maria Schubert, das allerdings auch nicht so innovativ ist, um nicht gut zu den Wiederholungen der Woche überleiten zu können.

Etwa Himmel ohne Sterne (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Helmut Käutners deutschdeutsches Grenzdrama von 1955 in angemessen schwarzweißer Tristesse und wie bei Helmut Käutner üblich: trotz Melo und Drama ohne Pathos. Direkt gefolgt von der deutschdeutschen Grenzliebeskomödie Sonnenalle von 1998 mit unterhaltsam braunbunter Leichtigkeit und wie bei Leander Haußmann üblich präzise vorm Abgrund der Klamotte. Ohne Humor, aber mit soziokultureller Bedeutung bleibt der Tatort-Tipp Mord in der Ersten Liga mit Maria Furtwängler, die am Mittwoch (22 Uhr) im SWR zwischen Hooligans und schwulen Fußballern ermittelt, was 2011 leider nicht ungewohnter war als heute.



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