Georg Restle: Rückgrat, Hass & Monitor Teil 2

Wehret der Normalisierung!

Nachdem er es in einem Kommentar der Tagesthemen gewagt hatte, Verbindungen der AfD ins rechtsextreme Lager anzuprangern, erhielt Georg Restle (Foto: Fulvio Zanettini/WDR) nicht nur den üblichen Shitstorm, sondern konkrete Morddrohungen. Zweiter Teil des Interviews mit dem Leiter des ARD-Magazins Monitor über Hass im Netz und was er mit dem Journalismus unserer Zeit anstellt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Sie haben die Pressefreiheit nicht erwähnt, obwohl besonders die im Fadenkreuz der parlamentarischen und außerparlamentarischen Rechten steht. Haben Sie die Befürchtung, dass sie irgendwann ernstlich in Gefahr gerät?

Georg Restle: Natürlich ist auch die Pressefreiheit in Gefahr. Dazu müssen wir ja nur auf die europäischen Vorbilder der AfD wie Viktor Orbán in Ungarn schauen, der kritische Medien aufkauft oder schließen lässt. Dass AfD-Vertreter hierzulande vom „Ausmisten“ der Verlage oder Rundfunkanstalten sprechen, zeigt überdeutlich: Diese Leute sind die größten Feinde der Pressefreiheit. Es gibt da aber einen Prozess, den ich für mindestens so bedenklich halte – damit meine ich das ständige journalistische Zurückweichen vor menschenverachtenden und freiheitsfeindlichen Positionen im Rahmen einer falsch verstandenen Ausgewogenheit.

Inwiefern falsch verstanden?

Je mehr wir den Raum öffnen für solche Ideologien, umso mehr tragen wir dazu bei, dass sie sich in der Mitte der Gesellschaft breit machen. Man sagt ja oft „Wehret den Anfängen!“ Dabei sind wir über diesen Punkt längst hinaus. Es müsste heißen: „Wehret der Normalisierung“. Denn es ist nicht normal, wenn Menschendie Würde abgesprochen wird, nur weil sie keine Deutschen sind; es ist nicht normal, wenn sich gerade in diesem Land ein völkischer Nationalismus wieder ausbreitet; und es ist schon gar nicht normal, wenn Journalisten, die ihren Job machen, dafür ins Visier von rechtsextremistischen Gewalttätern geraten.

Bereitet Ihnen das denn Sorge oder bleibt Ihr Kopf auch da kühl?

Sowohl als auch. Aber ich habe in der Tat große Sorge, dass sich immer mehr Menschen an diese Grenzverschiebungen gewöhnen und den Halt verlieren, den uns zumindest die Grundwerte unserer Verfassung oder die Lehren unserer Vergangenheit geben sollten. Trotzdem will ich mir die Zuversicht nicht nehmen lassen, dass dieser Prozess noch umgekehrt wer den kann.

Auch, indem wir einer Partei, die rechnerisch weniger als zehn Prozent der Menschen in diesem Land parlamentarisch vertritt, weniger Raum im öffentlichen Diskurs gewähren als bislang?

Wer sagt, die AfD sei die größte Oppositionspartei im Bundestag, dem antworte ich, dass es selten zuvor eine kleinere größte Oppositionspartei gegeben hat. Unabhängig davon: Wenn ich mir den wachsenden Einfluss des völkisch-nationalistischen Flügels der AfD mit direkter Verbindung zu „Identitären“ und anderen Rechtsextremisten betrachte, kann es doch nicht ernsthaft unsere Aufgabe sein, dieser Partei allein entsprechend des Anteils ihrer Parlamentssitze auf allen Kanälen Reichweite einzuräumen. Von einer rein arithmetischen Verteilung der Aufmerksamkeit halte ich ohnehin wenig. Als Journalisten sollte es uns doch um Relevanz gehen. Oder wollen wir künftig auch den gefährlichsten Blödsinn verbreiten, nur weil ein Politiker gerade mal wieder rechnerisch dran ist? Darum kann es doch nicht gehen!

Aber doch auch um Einfluss im öffentlichen Diskurs.

Ja, und den versucht die AfD geradezu kampagnenartig auszuweiten. Interessanterweise ausgerechnet dadurch, dass sie mehr Präsenz in den von ihnen verhassten öffentlich-rechtlichen Medien einfordert. Aber wir sind unabhängige Journalisten und hoffentlich geübt darin, politische Einflussversuche auf unsere Berichterstattung quantitativ wie qualitativ zurückzuweisen, ganz gleich von welcher Partei sie kommen.

Aber?

Dabei dürfen wir nicht über jedes Stöckchen springen, das uns etwa die AfD hinhält. Jüngstes Beispiel ist das Düsseldorfer Rheinbad, wo sie angesichts angeblich marodierender Banden nordafrikanischer Migranten quasi den nationalen Notstand ausgerufen hat – jenseits aller Fakten.

Und selbst seriöse Medien riefen mit.

Ja, und auch das finde ich eine besorgniserregende Entwicklung. Hier wurden die ersten Polizeimeldungen viel zu schnell und viel zu unkritisch übernommen. Mein Eindruck ist, dass sich immer mehr Kollegen und Kolleginnen durch Kampagnen vom rechten Rand treiben lassen, um sich bloß nicht dem Vorwurf auszuliefern, man habe hier irgendwas verharmlost oder verschwiegen. Damit machen sie sich aber oft nur zum Werkzeug solcher Kampagnen.

Und bringen anders als früher selbst einzelne Straftaten von Vergewaltigung bis Mord in die Tagesschau, sofern sie nur einen Migrationshintergrund haben.

Ich glaube, wir müssen wieder selbstbewusst zur Frage zurückkehren, was wirklich relevant ist, statt uns von denjenigen treiben zu lassen, die vor allem über die Sozialen Medien Masse simulieren. Aus dieser Spirale müssen sich alle Journalistinnen und Journalisten, nicht nur wir öffentlich-rechtlichen, befreien. Die vorhersehbare Kritik aus diesem Lager muss man dann aushalten. Was umso leichter fällt, je sicherer wir uns unserer journalistischen Kriterien sind. Ansonsten bringen wir die Pressefreiheit selbst in Gefahr.

Glauben Sie, diese Gefahr beinhaltet, dass auch hierzulande bald Journalisten Ihrer Arbeit zum Opfer fallen wie es voriges Jahr weltweit mehr als 80 Mal geschehen ist?

Wenn man sich anschaut, wie die Gewaltbereitschaft innerhalb der rechtsextremistischen Szene zunimmt, halte ich es keinesfalls für ausgeschlossen, dass sich auch in Deutschland irgendwann jemand durch die andauernde Hetze gegen „die Medien“ animiert fühlt, zur Tat zu schreiten. Soweit Rechtsextremisten uns als Teil eines von ihnen verhassten Systems wahrnehmen, das sie gewaltsam stürzen wollen, sehe ich hier tatsächlich eine wachsende Bedrohung.

Eine andere Gefahr für die Pressefreiheit besteht weniger in unmittelbarer Gewalt, sondern mittelbar darin, dass Populisten aller Lager wie in Ungarn oder der Türkei ihren Einfluss geltend machen und kritische Stimmen schlicht aufkaufen. Sehen Sie diese Gefahr auch in Deutschland?

Ich sehe uns von Entwicklungen wie in Ungarn oder der Türkei weit entfernt. Aber es gibt ja noch eine andere Entwicklung: Wir erleben gerade, dass in Ländern wie Österreich eine Partei wie die FPÖ längst ihre eigenen „Nachrichten“-Kanäle aufbaut – mit einigem Erfolg. Grotesk, dass das von deren Anhängern als unabhängiges Medium begriffen wird. Daran wird deutlich, wie absurd und verlogen die Medienkritik aus dieser Ecke ist. Das gilt aber auch für Deutschland, wo unabhängiger Journalismus ganz gezielt in Misskredit gebracht wird. Dass ausgerechnet ein regierungskritisches Magazin wie Monitor auch von Vertretern der AfD regelmäßig als „regierungshörig“ verunglimpft wird, zeigt, dass es diesen Kritikern schlicht um die Verbreitung ihrer eigenen Propaganda geht und sonst nichts.

Aber was muss, was können Politik und Gesellschaft denn tun, um dieser Sorge entgegenzuwirken, Hass und Hetze also den Nährboden zu entziehen?

Von der politischen Seite brauchen wir ein viel klareres Bekenntnis zur Pressefreiheit als bisher. Und da geht es nicht nur um Angriffe aus dem Umfeld der AfD. Die Entwicklung der vergangenen Jahre waren gesetzgeberisch nicht gerade von einer Stärkung unseres Berufsstandes geprägt, wenn ich nur an die Novellierungen der diversen Polizeigesetze in Bayern und anderen Bundesländern denke. Abgesehen von der rein rechtlichen Lage gehört dazu aber auch, die Bedeutung der Pressefreiheitoffensiver zu würdigen und dabei auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als kontroversen, streitbaren, pluralistischen und meinungsfreudigen Garant für Freiheit und Demokratie zu stärken. Hier liegt es allerdings auch an uns Journalistinnen und Journalisten, die Bedeutung unseres Programmauftrags herauszustellen. Mit Grabenkämpfen zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Journalisten ist jedenfalls niemandem gedient. Der Demokratie am wenigsten.

Und die Zivilgesellschaft?

Erkennt hoffentlich, wie wichtig ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der seinen Auftrag ernst nimmt, für eine freiheitlich verfasste Gesellschaft ist.

Das wäre der grundsätzliche Umgang mit Gefahren vom extremistischen Rand. Gibt es dagegen auch Patentrezepte, wie man persönlich damit umgeht? Anders ausgedrückt: was empfehlen Sie Kollegen, die sich in einer ähnlichen Bedrohungslage befinden und bei Ihnen Rat suchen?

Am wichtigsten ist es zunächst, Betroffenen klar zu machen, wie klein die Zahl derer ist, von denen solche Hetze und solche Bedrohungen ausgehen. Man darf die Lautstärke einer kleinen Minderheit da nicht mit der Mehrheit verwechseln. Es gibt Erkenntnisse, nach denen gerade mal fünf Prozent der User für einen großen Teil aller Kommentare in den Sozialen Medien verantwortlich sind. Die weitaus leisere Mehrzahl der Menschen hält unsere Arbeit überwiegend für absolut notwendig. Deshalb sage ich Kolleginnen und Kollegen mit ähnlichen Erfahrungen wie meinen immer wieder: Lasst euch von diesen Lautsprechern nicht beeindrucken. Und: Die Hetze mag persönlich formuliert sein, letztendlich gilt der Angriff aber nicht der Person sondern der Presse- und Meinungsfreiheit.

Leichter gesagt als getan…

In der Tat. Und deshalb sage ich ebenso deutlich, dass die Abneigung der von uns Kritisierten zu unserem Job eben auch dazugehört. Wem es in der Küche zu heiß wird, sollte besser kein Koch werden; ein dickes Fell gehört ebenso zu unserem Beruf wie Wahrheitsliebe oder journalistisches Handwerk. Eine Erfahrung habe ich allerdings auch gemacht habe: Je weniger man sich vom Hass einschüchtern lässt, desto eher geben die Hetzer auf. Man sollte auch nicht auf jeden Schrott reagieren.

Und wenn Betroffene diese Gelassenheit nicht hinkriegen, statt Ratschlägen also einfach Trost brauchen?

Da hilft dann kein Berufsethos, sondern nur noch Empathie. Schließlich kann ich gut nachvollziehen, wie heftig ein Shitstorm beziehungsweise hate speech gerade auf diejenigen wirkt, die damit wenig bis keine Erfahrung haben. Und ich kann es niemandem verübeln, der sich dem nicht permanent aussetzen will. Trotzdem bleibt Gegenhalten für uns alle der einzig richtige Weg. Wer immer weiterzurückweicht, kann irgendwann nicht mehr in den Spiegel sehen. Und das wünsche ich weder uns noch der Gesellschaft.

Helfen die Verlage und Funkhäuser ihren Mitarbeitern genug, um mit der gegenwärtigen Situation klarzukommen?

Da gibt es definitiv Nachholbedarf. Die Schulung im Umgang mit Hasskampagnen und Bedrohungen sollte frühzeitig auf allen Ebenen verbessert werden. Im Grunde müsste das sogar Teil der journalistischen Ausbildung sein; gerade in den sozialen Medien reicht es schon lange nicht mehr aus, nur coolen oder relevanten Content zu produzieren, man muss auch lernen, wie man mit Reaktionen darauf professionell umgeht.

Gibt es – etwa beim WDR – bereits Überlegungen, analog zu Gleichstellungsbeauftragten Shitstorm-Beauftragte zu installieren?

Es gibt beim WDR ja immerhin eine Social-Media-Beauftragte, die die Redaktionen bei Bedarf berät und für den WDR Hasspostings gegebenenfalls anzeigt. Solche Beratungen sind umso wichtiger, weil ich in der letzten Zeit ein wachsendes Maß an Verunsicherung in den Redaktionen wahrnehme. Am Ende geht es hier auch um journalistische Qualität: Denn wenn wir uns von Anfeindungen beeindrucken lassen, hat das natürlich auch Auswirkungen auf unsere Berichterstattung.

Gibt es in diesem Beruf eigentlich auch so etwas wie ein „Viel-Feind-viel-Ehr-Denken“?

Das mag es geben, aber wir bei Monitor und auch ich persönlich halten wenig davon. Wir berichten nicht, um uns Feinde zu machen, sondern um auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Es geht uns um präzise Kritik an den herrschenden Verhältnissen und nicht um Konfrontation um der Konfrontation willen. Dass der Kritiker nicht überall willkommen ist, schon gar nicht bei denen, die kritisiert werden, ist dabei eine wenig überraschende Erkenntnis.

Dieses Entgegenstellen, so haben Sie schon mehrfach betont, ist ein Kampf für werteorientierten Journalismus. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Ich wehre mich mit diesem Begriff gegen eine falsch verstandene Vorstellung von Neutralität und Ausgewogenheit. Aus meiner Sicht ist einer der größten Fehler, den wir machen können, extremistische oder rassistische Äußerungen als Ausdruck von Meinungsvielfalt wahrzunehmen und uns damit aktiv an einer Entwertung unserer Grundwerte zu beteiligen.

Sie machen sich also, anders als Hanns Joachim Friedrichs mal gefordert hat, durchaus mit einer guten Sache gemein?

In diesem Sinne ja. Schon weil er im Umkehrschluss ganz sicher nicht gemeint hat, dass wir uns mit einer schlechten Sache gemein machen sollten. Und sei es nur dadurch, indem wir ihren Protagonisten das Feld überlassen.



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